Du magst Improtheater und schreibst gern? Du spielst in einer Improgruppe und möchtest gern mehr über die Szene erfahren? Du hast journalistische Ambitionen und würdest gern Kritiken schreiben? Dann kannst Du gern bei Impro-News.de mitmachen! Unsere E-Mail-Adresse findest Du unter: Kontakt.
“How did improv change your life?” Das war das Motto der Podiumsdiskussion am 31.03.12 im Rahmen des internationalen Festivals für Improvisation der Gorillas. Unten gibt es den kompletten Videomitschnitt, außerdem eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte.
Es diskutierten:
Lee White, The Crumbs (Kanada)
Sena Taşkapılıoğlu, Istanbulimpro (Türkei)
Jeron Dewulf, De Improfeten (Belgien)
Einig waren sich alle drei, dass Impro ihr Leben verändert habe. Lee erzählte, dass er durch Impro regelmäßig in Situationen käme, bei denen er nicht wisse, wie er mit ihnen klarkommen solle und dann schaffe er es doch. Das sei auch eine hilfreiche Erfahrung fürs sonstige Leben.
Für Sena verändert Impro das Verhältnis zum Publikum und das Auftreten auf der Bühne auch bei klassischen Theaterstücken. Impro hätte sie gelehrt, auch außerhalb der Bühne besser zuzuhören. Sie mag an Impro vor allem, dass man etwas tut, an das man nie gedacht hat. In einer Szene hätte jeder Spieler tausend Ideen, aber gespielt werde keine davon, stattdessen erschaffen sie etwas Gemeinsames. Interessant sei auch die Erfahrung, dass man noch lange nicht etwas tun kann, nur weil man es weiß.
Freiheit statt Regeln
Jeron betonte vor allem die Freiheit des Improtheaters. Er sei davon abgekommen, von “Regeln” zu sprechen, denn dann würden sich die Spieler hinter der Bühne gegenseitig Fehler vorwerfen oder sich geblockt fühlen. Die einzige Regel sei, dass man selbst, die Mitspieler und das Publikum Spaß haben solle. Wenn das nicht passierte, sollte man z.B. fragen, warum der Mitspieler unzufrieden mit einem war. Vielleicht lag es tatsächlich an einem selbst, vielleicht hat man aber auch einfach nur nicht seine Erwartung erfüllt. Dann sei es sein Problem, denn Impro bedeute ja, das Unerwartete zu erwarten.
Statt Regeln lehre er Techniken und Werkzeuge (“tools, not rules”). So sei es z.B. erfahrungsgemäß günstig, eine Szene positiv zu beginnen, aber auch mit einem negativen Anfang könnten großartige Szenen entstehen. Beim Impro könne man in jedem Moment rechts oder links abbiegen. Im echten Leben habe er deshalb starke Probleme mit Regeln, die ihm sinnlos erschienen und würde schon mal Polizisten in Diskussionen verwickeln.
Es sei aber nicht so, dass er im echten Leben genauso schlagfertig sei wie auf der Bühne, auf der eine andere Konzentration herrsche. Durch eine blöde Bemerkung sei er im Alltag ziemlich schnell aus dem Konzept zu bringen.
Lee hat zu Hause seinen Raum, in den niemand darf. Wenn er aber raus gehe, versuche er genauso offen zu sein wie auf der Bühne. Impro habe sein Leben aber auch zum Negativen verändert, denn er sei immer auf der Suche nach der nächsten großartigen Show. Das sei wie bei einer Droge, ständig müsse man mehr investieren und höhere Risiken eingehen, um das nächste Level zu erreichen. Die 10-20 Shows dazwischen seien manchmal hart, aber das sei es wert.
Improspieler brauchen Input
Lee meinte, man müsse ständig nach Dingen suchen, die einen inspirierten, er würde z.B. schon mal 8 Std. Star Wars gucken. Er habe oft Schüler, die die besten Improspieler werden wollten, dabei hätten sie einen Full-Time-Job in einer Bank. Er sage ihnen dann, dass sie alles für die Kunst, an die sie glauben, aufgeben müssten. Er selbst habe weder Ehefrau noch Kind noch Hund noch Auto.
Jeron hat seine Frau immerhin durchs Impro kennengelernt, ist inzwischen aber wieder geschieden. Auch er betonte die Wichtigkeit von Input – um etwas herauszukriegen muss vorher etwas hinein. Eine belgische Prominenten-Quizsendung würde ständig von Comedians gewonnen, weil die jeden Tag Zeitung läsen, er selber läse täglich drei.
Sena findet Inspiration vor allem durch das tägliche Leben. Lee meinte dazu, Winnipeg sei da nicht so anregend wie Istanbul.
Die Frage, ob man sagen sollte, dass man improvisiert, wurde einhellig bejaht. Aber kurz sollte es sein, in Deutschland werde vor der Show manchmal 5-10 min. geredet. Lee meinte, er wolle eine Show sehen und keinen Showmaster. “Less talk, more rock”. Viel Reden könne die Magie verringern. Jeron meinte, dass es einem einen Vorteil gäbe, wenn man sagt, dass man improvisiert. Das Publikum würde einem mehr Zeit geben und nicht wie bei einer Standup-Show alle 30 sec. einen Witz erwarten. Und wenn etwas Lustiges passiert, seien die Zuschauer überraschter und lachten schneller, weil es spontan erfunden wurde.
Immer wieder die gleichen Geschichten
Auf die Frage, ob sie schon mal die gleiche Geschichte mehrfach erzählt hätten antwortete Lee, dass seit Anbeginn der Menschheit immer wieder die gleichen Geschichten erzählt würden, z.B. Mann trifft Frau und sie verlieben sich oder nicht. Star Wars und Harry Potter z.B. seien im Grunde die gleichen Geschichten. Die Herausforderung sei, die gleiche Geschichte auf immer neue Art und Weise zu erzählen. Jeron meinte, dass es trotz allem genug Freiheiten gäbe. Vor 10 Jahren hätte er gesagt, dass er nie einen Gag wiederhole, weil man das von einem Improspieler erwarte, doch letztlich würde jeder Sachen wiederholen. Allerdings würden sie aus dem Moment heraus wieder neu erfunden, manchmal erinnere man sich auch gar nicht daran, sie schon einmal gespielt zu haben.
Wie wichtig Publikumsvorschläge sind, wurde unterschiedlich eingeschätzt. Sena fand sie sehr wichtig, denn sie wolle etwas mit dem Publikum zusammen machen. Lee meinte, dass von Leuten in einem dunklen Raum die miesesten Sachen kämen (Ort: Klo, Gegenstand: Dildo). Aber er habe Spieler gesehen, die wirklich gute Sachen vom Publikum kriegten und andere, die einfach mittendrin das Publikum fragten, weil sie selbst nicht inspiriert seien. Brauchen täte man Vorschläge nicht unbedingt.
Jeron sagte, er wolle in der Langform keine große Publikumsbeteiligung.
Ohne Idee auf die Bühne
Die Frage, ob sie auch mal leer auf die Bühne gingen, wurde von Lee und Jeron mit „ständig“ beantwortet. Lee vergäße oft die ersten Szenen, gehe ahnungslos auf die Bühne und warte, bis sein Partner Steve ihn anspräche und er sich so erinnere. In der Szene selbst habe er solche Momente allerdings nicht. Jeron meinte, ohne Idee auf die Bühne zu gehen könne einen aufmerksamer machen. Man solle darauf vertrauen, dass es immer irgendeinen Impuls gäbe, und sei es ein Knack aus dem Publikum
Echte Angst vorm Scheitern hätten die drei inzwischen nicht mehr, man sei auch vorher gescheitert und habe es überlebt. Sena meinte, man scheitere sowieso immer wieder, entscheidend sei, wie man damit umgehe. Lee regte an, das Scheitern nicht negativ zu sehen, es mache einen erfolgreich, wenn auch langsamer. Der einzige echte Fehler sei, nichts zu tun. Jeron habe beobachtet, dass manche bei Stress regelrecht erstarrten. Er habe gelernt, sich dann einfach wieder zu bewegen, dann ginge es auch weiter
bitte nehmt mir diesen Brief nicht übel, er ist kritisch und auch provokativ, ja, aber ich möchte niemanden persönlich angreifen, sondern zur Diskussion anregen. Wer meine Sicht nicht teilt, soll mir bitte gerne widersprechen.
Viele von euch sind sehr gute Improspieler. Ihr könnt mit nichts auf die Bühne gehen und das Publikum durch eure Szenen faszinieren. Ihr könnt lustig und überraschend sein, Spannung erzeugen und lösen, kleine und große Dramen spontan auf die Bretter bringen.
Warum vertraut ihr euch so wenig? Warum vertraut ihr dem Improtheater so wenig?
Warum glaubt ihr, dass ihr Fanfaren, Sensationen, Preise, Wettkampf braucht, eine vom Sport geliehene Spannung? Ist das Improtheater an sich nicht interessant genug?
Natürlich dürft ihr so viel Theatersport spielen, wie ihr möchtet. Aber bitte beschwert euch dann nicht, wenn das Improtheater wieder mal nicht richtig ernst genommen wird: “Naja, ganz lustig, aber kein richtiges Theater.” Warum sollte jemand Impro für voll nehmen, wenn ihr es selber schon nicht tut? Dieses ganze Tamtam und Drumherum, dieses Aufwärmen, Abstimmen, Bepunkten, Lauter-und-länger-Klatschen – was da allein manchmal für Zeit drauf geht! Zudem wird häufig eine Atmosphäre erzeugt, die für sensible Gemüter schwer zu ertragen ist.
Klar, viele von euch spielen auch andere Impro-Formen. Nicht zu leugnen ist allerdings, dass Theatersport das Ding der Stunde ist in Berlin. Ein Turnier jagt das nächste, und warum? Weil ihr es veranstaltet. Weil ihr mitmacht. Weil ihr es so wollt. Je mehr Theatersport aber gespielt wird, desto mehr wird das Publikum Improtheater mit Theatersport gleichsetzen, Theatersport erwarten, wenn Impro veranstaltet wird. Und dann werden alle sagen: das Publikum will es doch so.
Vielleicht sollten wir nackt spielen!
Manche argumentieren, dass Impro durch Theatersport bekannter würde und das sei doch gut so. Dann sollten wir vielleicht alle nackt spielen. Da wären wir mit einem Schlag berühmt und berüchtigt, die Massen würden strömen. Und wenn Impro dadurch so richtig bekannt ist, ziehen wir uns wieder an und sagen, eigentlich spielt man das ja bekleidet.
Mag das Beispiel auch überspitzt sein – nackt spielen hat mit gegeneinander spielen gemeinsam, dass Impro durch etwas interessant gemacht werden soll, was mit Impro eigentlich nichts zu tun hat.
Denn Impro ist das Gegenteil von Konkurrenz, es ist eine sehr komplexe Form der Kooperation. Das ist doch aufregend! Warum vertretet ihr das nicht offensiv, warum versteckt ihr das hinter einem inszenierten Wettkampf? Theatersport wurde vor Jahrzehnten für Leute erfunden, die gerne zum Wrestling gehen, einem durchinszenierten pseudo-sportlichen Krawall. Ich habe starke Zweifel, dass das noch zeitgemäß ist.
Ist Theatersport zeitgemäß?
Impro liegt sicher im Zeitgeist – alles ist unsicher, alle müssen flexibel sein, man sucht den einmaligen Moment im Strom der Massenunterhaltung, Interaktivität ist angesagt. Theatersport ist sogar Impro mit “Gefällt mir”-Button. Aber – gibt es nicht auch eine große Sehnsucht nach Authentischem, nach Ehrlichkeit, nach weniger Inszenierung? Hat nicht z.B. die Piraten-Partei auch durch ihren Willen zur Transparenz gepunktet?
Offenheit hat immer eine starke Wirkung. Auf die Bühne gehen und sagen: “Wir haben nichts in der Hand, aber wir werden nun versuchen, etwas gemeinsam zu erschaffen. Mit dem, was in uns ist, mit dem, was zwischen uns passiert und mit dem, was Sie – das Publikum – uns vorschlagen.” Kaum ein Publikum wird sich dieser Haltung verschließen.
Doch der Theatersport glaubt das nicht, stattdessen wird eine Sensations-Wettkampf-Fassade aufgebaut, hinter der der Kern von Impro – Kooperation – verschwindet. Beim Theatersport verlangt man vom Publikum sogar, gemeinsame Szenen getrennt zu bewerten! Das ist doch crazy! Wir wissen doch alle, dass man Szenen manchmal am besten unterstützt, indem man sich zurückhält. Theatersport lässt das Publikum im Unklaren, was wirklich passiert und die Spieler oft genug auch. Denn dass aus gespielter Konkurrenz echte wird, das passiert immer wieder und oft unbemerkt.
Spielst du noch oder kämpfst du schon?
Ehrlich gesagt glaube ich zwar erst Mal nicht, dass echte Konkurrenz bei der anstehenden Berliner Improliga ein Problem werden wird und die Teams verbissen um den Titel des Berliner Impromeisters kämpfen werden. Ich habe auch Verständnis dafür, dass man nicht pauschal gleich alle Gruppen zum Turnier bittet, natürlich gibt es Unterschiede, so dass vielleicht nicht alle automatisch zusammenpassen. Allerdings verstehe ich auch gut, dass sich die anderen Gruppen ausgeschlossen fühlen, vor allem weil ja das erklärte Ziel die Vernetzung der Szene ist, was schwierig ist, wenn man einen exklusiven Club eröffnet.
Es wäre alles viel leichter, wenn es nicht Theatersport wäre. Jetzt spielt jeder gegen jeden, es gibt eine Tabelle, jede Gruppe macht alles mit oder gar nichts. Wie anders wäre es gewesen, wenn die Gruppen nicht “gegeneinander” sondern miteinander spielen würden. “Foxy Freestyle trifft Paternoster.” Wieso ist das schlechter als “gegen Paternoster”? Dann könntet ihr nämlich einfach mal eine dritte Gruppe einladen und gemeinsam spielen, die Profis lassen die Amateure gut aussehen und die Amateure lernen von den Profis. Oder auch mal umgekehrt. Herausforderungen kann man sich doch trotzdem stellen, aber warum müssen diese pseudoobjektiv bepunktet werden? Ist das denn so ein Mega-Spaß fürs Publikum, dass man dafür die ganzen Nebenwirkungen in Kauf nimmt?
Es werden Spieler ausgeschlossen
Jetzt ist die Rede von einem “Qualifikationsturnier”, von “Aufstieg” und “Abstieg”. Glaubt ihr im Ernst, dass da keine echte Konkurrenz aufkommen wird? Wer will schon in der zweiten Liga spielen, natürlich werden dann Gruppen gewinnen wollen! Alle werden auffällig häufig sagen, dass es nur um den Spaß geht, aber in den Proben wird gezielt Theatersport geübt werden (auch wenn man schon Komplexeres probte), man wird sich überlegen, womit man am besten ankommt, man wird den Schiedsrichter ungerecht finden und die Zuschauer parteiisch. Man wird die Sieger beneiden, vor allem wenn sie schon wieder gewonnen haben und man selbst noch nie. Am Anfang wird der Zauber des Neuen vieles überdecken, aber wenn immer die anderen bei dem coolen nächsthöheren Turnier mitmachen dürfen, dann werden vielleicht auch die gelassenen Spieler etwas unruhig werden.
“Nicht schön gespielt, aber gewonnen!” Ist das Berlins Impro-Zukunft? Bitte tut uns das nicht an! Bringt die Szene zusammen und nicht auseinander. Improspieler sind doch keine Übermenschen, gibt’s einen tollen Preis, wollen den auch Leute haben. Und wenn es nur 20% der Spieler sind, das reicht locker für eine vergiftete Atmosphäre.
Doch selbst wenn ab sofort alle Gruppen in der Liga mitmachen dürften und der Sieger zur Strafe geteert und gefedert würde, dann würden immer noch die ausgeschlossen, die gar kein Theatersport spielen wollen. Wäre ich der einzige – geschenkt. Aber ich bin nicht der einzige. Am Ende werden auch Spieler mitmachen, die nicht so ein gutes Gefühl haben, einfach weil es ein Mega-Event ist und man nicht dauernd abseits stehen möchte. Das kann es nicht sein, wirklich nicht.
Die Theatersportturniere sollen die Szene näher zusammenbringen, das mag sein, mindestens genauso wichtig scheint mir aber der PR-Aspekt zu sein. Was keine Schande ist. PR ist legitim und notwendig. Dass ihr dabei auf Theatersport verfallen seid ist vielleicht naheliegend. Das Naheliegende zu nehmen gilt ja als Improtugend. Vielleicht war es aber auch ein Spiel auf Sicherheit, was eher als Untugend gilt. Ihr habt sozusagen die Armrede gewählt und nicht die freie Szene. Darüber kann ich nicht abschließend urteilen, ich muss kein Geld mit Impro verdienen. Aber ein bisschen fantasielos isses schon, oder?
Wir sind Berlin, wir können mehr
Mensch, Leute, wir sind Berlin, die Hauptstadt, Deutschlands Kulturmekka! Wenn uns hier schon nichts Originelleres und Moderneres als Theatersportligen einfallen, um Impro bekannt zu machen und die Szene zu vernetzen, wem denn dann?
Übrigens Armrede versus freie Szene: Theatersport kann gutes Improtheater sein, dass er es häufig nicht ist, liegt auch daran, dass man beim Theatersport auch mit schlechtem Improtheater Erfolg haben kann. Ich fand es faszinierend und tragisch zugleich, dass die Spieler von Rocket Sugar Factory am 01.10. mit einer soliden, aber keinesfalls besonderen Armrede mehr 5-Punkte-Stimmen bekamen als mit ihren teilweise sehr virtuosen freien Szenen, (die allerdings auch sehr gut bewertet wurden). Wobei dieses Phänomen aufs Improtheater generell zutrifft.
Dass Theatersporterfinder Keith Johnstone den real existierenden Theatersport scheiße findet, ist wahrscheinlich bekannt. Ein Interviewer verglich Johnstone mal mit Frankenstein, der ein Monster erschaffen habe. „Ja“, meinte Johnstone, das Ding ist völlig außer Kontrolle.“
Wem ist hier eigentlich langweilig?
Manche entwickeln eine solche Begeisterung für Theatersportligen, dass ich das Gefühl habe, sie langweilen sich mit Impro schon ein bisschen. Vielleicht sind es ja eigentlich die Spieler, die den Extra-Kick durch den Wettkampf brauchen, gar nicht so die Zuschauer? Falls dem so ist, liebe Spieler, dann auf zu neuen Impro-Horizonten! Neue Formate, neue Experimente, neue Lehrer, neue Mitspieler. Stell euch Herausforderungen, probiert euch aus, schmeißt die Spiele weg, spielt freie Szenen, was auch immer. Nur sucht die Spannung im Spiel, nicht im Wettkampf.
Eingefleischte Theatersportler werde ich mit diesem Brief wohl kaum aufhalten können. Dass der Theatersport eine große Dynamik entfalten kann, sehe ich natürlich auch. Doch ihr solltet bedenken, dass euer Theatersport eigentlich nur spielen will. Er wollte nie mehr sein als eine große Gaudi. Wenn ihr ihn zu ernst nehmt und Ligen mit ihm veranstaltet, ihn in Spielsysteme quetscht, ihn mit Tabellen traktiert und mit wahren Siegern und echten Verlieren quält, dann überfordert ihr ihn. Vielleicht wird er dann griesgrämig und verbissen und möglicherweise sogar bissig und – beißt am Ende sogar euch.
Ich geb’s zu: Impro-Abende im Stil von Strindberg und Ionesco schienen mir nicht sehr vielversprechend zu sein. War ich nicht unter anderem beim Impro gelandet, weil mir das “normale” Theater oft zu ernst, zu schwer, zu angestrengt war? Außerdem hatte ich wenig Ahnung von den Stücken dieser Theaterautoren, wie sollte sich mir dann der Reiz dieser Aufführungen mitteilen?
Theater statt Zirkus
Aber dann fand ich es großartig! Ich habe Shows voller Intensität, voller Spannung und Experimentierlust gesehen, in denen die Spieler komplexe und bilderstarke Dialoge erfanden. Wie nah sie dabei Tennessee Williams oder Eugene Ionesco gekommen sind, vermag ich nicht zu beurteilen, aber das finde ich auch nicht so entscheidend. Wichtig finde ich die theatrale Kraft dieser Aufführungen. Vielleicht braucht Impro nicht unbedingt mehr Strindberg, aber es braucht mehr Theater, wenn es seinen Namen ernst nimmt und nicht nur Zirkus sein möchte. (Der Zirkus feiert den Effekt, was ein schöner Nervenkitzel ist, wenn er gekonnt gemacht ist. Aber er ist kein Theater.)
Die Konsequenz ist allerdings nicht, dass wir jetzt alle tragische Langformen spielen sollen. Dafür braucht es echte Könner, damit es nicht zäh oder gar peinlich wird. Vielleicht braucht es dafür sogar ausgebildete Schauspieler, deren Stimmen klangvoller sind, die sich präziser bewegen und die auch in ruhigen Szenen stärker die Spannung halten können.
Vielleicht aber auch nicht. Jeder soll ausprobieren, wozu er sich berufen fühlt. Ich traue mir Tragödien-Langformen nicht zu und mir liegt die Komödie auch näher. Was mich allerdings kaum mehr interessiert, ist das kurzatmige Blödel-Impro, das eben nicht nur eine Notlösung untalentierter oder selbstgefälliger Gruppen ist. Es ist eine eigene Tradition unserer Theaterform und es ist wohl die verbreitetste.
Trash ist Alltag beim Impro
Denn auch das konnte man beim Festival sehen: Wenn Impro keine hohe Kunst sein will, dann ist es schnell Trash, und zwar nicht, weil man irgendwie vom Weg abgekommen ist, sondern weil man voll darauf zugesteuert hat.
So war es teilweise auch bei dem “Grand Prix de l‘Improvisation” am letzten Festivaltag. Vor allem in der zweiten Hälfte, in der in bewährter Impro-Manier z.B. eine „Oper“ gespielt wurde, in der jemand unbedingt eine Currywurst will. Am Ende bekommt er sie im Tausch gegen seine Frau. Natürlich ist es lustig, wenn im ernsten Opernton über etwas so Banales wie eine Currywurst gesungen wird. Nicht zueinander passende Dinge zusammenzubringen ist ein beliebter Komik-Effekt, schon die übergroßen Schuhe des Clowns zeigen das. Doch es ist ein Effekt, hinter dem nichts mehr kommt, denn eine Currywurst hat keine Bedeutung, es macht keinen wirklichen Unterschied, ob sie da ist oder nicht, zudem kann man sie sehr leicht besorgen.
Bei diesem “Problem” kann man nicht mitfühlen. Eine Figur, die seine Frau gegen eine Wurst eintauscht, hat nichts Menschliches und ist deshalb im besten Fall ein bunter Pappkamerad, im schlechtesten Fall ärgerlich und nervig. Warum gibt man den Figuren keine wirklichen menschlichen Leidenschaften, so dass mehr entstehen kann als Klamauk?
Für schlechte Darsteller mag der Klamauk sogar erfolgversprechender sein, denn wer schief singt, wird sein Publikum schwer emotional erreichen können. Wenn aber auch Spieler mit mehr Potential reflexhaft die niederen Instinkte des Publikums bedienen, dann hat das Improvisationstheater ein Problem.
Banal oder bedeutsam
Es wird immer Spieler geben, die banal und bedeutsam nicht unterscheiden können oder wollen. Für sie gilt die einfache Formel: je lauter das Publikum, desto besser die Show. Doch alle anderen sollten das Bedeutsame suchen, und zwar nicht nur im Langen, Ernsten, Tragischen, da, wo es jeder erwartet, sondern besonders im Kurzen, Leichten, Komischen, im scheinbar Banalen.
Ein Beispiel: Ein Lied mit dem Titel „Das Baguette ist weg“ wird vielleicht effektvoll, aber banal, wenn wirklich nur melodramatisch das Fehlen eines Brotes beklagt wird. Bedeutsam, d.h. menschlich-emotional relevant wird es, wenn das Baguette z.B. eine Metapher ist: etwa für das Fehlen des Partners, der sonst immer das Baguette mitgebracht hat. Oder für die schönen, vergangenen Zeiten, in denen das Baguette traditionell dazu gehörte. Heute dagegen isst man Toast aus der Fabrik.
Ein positives Beispiel ist der Grand Prix-Beitrag von Michael Wolf, der ein „persönliches Lied“ singen wollte. Also ein Lied mit einem Thema, das für ihn eine wirkliche Bedeutung hat. Der Vorschlag lautete dann „Wahlkampf in Baden-Württemberg“ und er sang emotional-kämpferisch über die Befreiung vom schwarzen Joch durch die Partei der Grünen. Man stelle sich vor, er hätte bloß gesungen, dass es im Baumarkt keine grüne Farbe mehr gibt, das hätte niemals diese starke Wirkung haben können. Am Ende sang er über die Abschaltung von AKWs.
Kurz zuvor hatte der Moderator den Vorschlag „Atomkraft“ zurückgewiesen. Klar, es ist ein bisschen riskant, das anzunehmen, weil es peinlich wäre, würde das Lied missglücken. Aber wenn es ein gutes Lied wird, dann wäre die Wirkung unschlagbar, denn es greift dann ein hochemotionales Thema auf, das für viele momentan eine enorme Bedeutung hat.
Trashig und banal wird Impro manchmal auch, wenn wir es nicht wollen. Scheitern gehört eben dazu. Aber Suchen sollten wir doch etwas anderes.
Am letzten Samstag (26.03.11) fand im Ratibortheater die zweite Podiumsdiskussion des internationalen Festivals für Improvisationstheaters statt. Die (sehr schwach besuchte) Veranstaltung beschäftigte sich mit der Frage, ob es sich gelohnt hatte, Impro-Shows im Stile bekannter Theaterautoren zu gestalten.
Ich habe wieder versucht, die wichtigsten Aussagen zusammenzufassen. Außerdem kann hier die gesamte Diskussion nachgehört werden.
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Barbara Klehr, Gorillas (Leiterin des „Büchner“-Workshops)
Per Gottfredsson, Stockholms Improvisationsteater (Leiter des „Strindberg“-Workshops)
Matthieu Loos, Compagnie Combats Absurdes, Strasbourg (Leiter des „Ionesco“-Workshops)
Mehr Raum und Zeit auf der Bühne
Alle beteiligten Improspieler beschrieben die Arbeit mit den Theaterautoren als bereichernd. Vor allem die Möglichkeit, längere Szenen zu spielen, sich Zeit zu nehmen, mehr Raum für sich und die Mitspieler zu haben und längere Sätze sprechen zu können, hätten sie als positiv empfunden. Barbara Klehr beschrieb, dass die Spieler stärker berührt worden seien als durch die sonstige Improarbeit und glaubt, dass das auch auf die „normalen“ Improshows zurückwirken wird.
Weniger Zuschauer
Der Publikumszuspruch sei allerdings geringer gewesen als sonst, wobei ein Teil des Publikums begeistert gewesen wäre, ein anderer Teil hätte nichts damit anfangen können. Manche wären überrascht gewesen, plötzlich in einer ganz anderen Improshow zu sitzen. Einig war man sich, dass hier Informationen im Vorfeld wichtig seien, das Publikum solle wissen, was es zu erwarten habe. Wenn man ins Kino ginge, würde man sich ja auch bewusst für ein Drama oder eine Komödie entscheiden. Es kam der Verdacht auf, dass manche Zuschauer weggeblieben seien, weil sie das Gefühl hatten, sich mit den Theaterautoren zu wenig auszukennen. Etwas mehr Informationen z.B. im Programmheft wären wohl sinnvoll gewesen.
Barbara Klehr äußerte die Überzeugung, dass die Leute herbeigeströmt wären, wenn z.B. Thomas Ostermeier so ein Projekt an der Schaubühne veranstaltet hätte.
Per Gottfredsson meinte, dass man dem Publikum evtl. nicht nur sagen sollte, was man macht, sondern auch warum. Er berichtete, dass sein Ensemble vor Jahren eine „Backstreet“-Show entwickelt hatte (über die zwielichtigen Straßen von Stockholm), die die Spieler sehr mochten, aber es seien keine Zuschauer gekommen. Seitdem würden sie sehr über die Präsentation einer Show (z.B. Postergestaltung, Name) nachdenken. Es sei aber auch wichtig, dass man das spielt, was man selber wolle, als Improspieler müsse man stärker als andere Schauspieler mit dem arbeiten, was in einem selber sei, den eigenen Fragen, der eigene dunkle Seite usw.
Mathieu Loos (r.) bei der Ionescoaufführung - Foto: Impro-News
Matthieu Loos bestätigte dies. Das könnten die Improspieler auch den Theaterautoren hinzufügen: die eigene Sicht, das eigene Gefühl im Moment der Aufführung.
Sein Ziel sei es die Leute zu berühren, dass sie durch die Show verändert werden, weil man gemeinsam etwas teilt, was wahr ist. Und Lachen könne genauso wahr sein, er würde die kurzen wie die langen Formen mögen und das Publikum genau so gerne zum Lachen wie z.B. zum Nachdenken bringen.
Lang, aber lustig
Matthieu Loos sah kein grundsätzliches Akzeptanzproblem von Langformen, seine Gruppe würde zu Hause ein Festival mit neuen Langformen veranstalten, was sehr gut besucht sei. Vor kurzem hätten sie eine Langform vor 1600 Zuschauern gespielt, allerdings kein Drama. Strindberg und Büchner seien ja für Tragödien bekannt, hätte man Komödienautoren gewählt, wären wohl mehr Leute gekommen. Thomas Chemnitz bestätigte, dass das nicht nur beim Impro schwierig sei, Dramen würden an den renommierten subventionierten Theatern funktionieren, aber kleinere Bühnen hätten hier ebenfalls Probleme. Barbara Klehr schlug ein Abo-System auch fürs Improtheater vor, denn wer ein Abo habe, gehe auch in Vorstellungen, bei denen er nicht genau wisse, was passiere.
Strindberg im Theatersport?
Ob auch eine Theatersport-Show mit Szenen inspiriert von Dramatikern möglich sei, sah Barbara Klehr kritisch. Tendenziell würde der Wettbewerbscharakter den „Gag-Muskel“ aktivieren. Sie beschrieb das Problem, dass man Lachen hören könne, eine andere Art des Berührtseins jedoch nicht, was die Spieler unsicher mache, ob die Show gut ankomme. Sitze sie im Publikum, spüre sie, auf welche Art die Leute berührt seien, doch da man es nicht höre, müssten die Schauspieler ihrem eigenen Gefühl vertrauen. Berührt es mich? Dann berührt es auch die Zuschauer. Matthieu Loos sah das ähnlich, die Künstler müssten sich für das interessieren, was sie tun, dann würde auch das Publikum kommen.
Per Gottfredsson meinte, in einer „normalen“ Improshow würden sie zu viel daran denken, was man glaube, dass das Publikum wolle.
Bezüglich Dramatiker in Theatersportshows erzählte er von der „Survivor“-Show seines Ensembles: mehrere Geschichten würden angespielt, nach jeder Runde wähle das Publikum eine Geschichte ab, bis zum Schluss nur eine „überlebe“. Würden hier Strindberg oder Bergmann-Szenen gespielt, würden sie immer gewinnen. Je echter und dunkler sie die Geschichten spielten, desto mehr möge sie das Publikum. Das läge möglicherweise daran, dass man beim Drama mehr wissen wolle, wie es ausgehe als bei komischen Szenen. Barbara Klehr vermutete, dass die ernsten Szenen gut ankamen, weil sie eine Abwechslung in einer ansonsten heiteren Show waren. Per Gottfredsson meinte allerdings auch, dass in einer guten Strindberg-Show durchaus viel gelacht werde.
Impro verbessert das Original
Als sie kurz vor dem Festival ihre Strindberg-Show in Schweden gespielt hätten, wäre anschließend eine Frau zu den Spielern gekommen, die sich schon sehr mit Strindberg befasst hatte. Sie meinte durch die gespielten Szenen aus Strindbergs Leben (wie sie hätten passiert sein können) hätte sie den Autor endlich richtig verstanden. Das sei vielleicht auch eine Stärke des Improtheaters, meinte Gottfredsson: Strindberg verständlicher machen, vielleicht sogar besser, weil kürzer, konzentrierter.
Barbara Klehr meinte, dass bei einer normalen Inszenierung das Ganze ja nur durch einen Kopf, den des Regisseurs gehe, beim Impro seien aber viele beteiligt. Im Prinzip könne Impro so vielschichtig sein wie ein geschriebenes Stück, meinten alle, allerdings brauche es viel Übung, außerdem Zeit, um sich über die verschiedenen Sichtweisen der Spieler zu verständigen.
Mehr Zeit zum Forschen
Das Ergebnis der Arbeit mit den Autoren wurde im Prinzip als gelungen beschrieben, wobei alle gerne mehr Zeit gehabt hätten, um zu erforschen, was noch möglich sei. Per Gottfredsson würde z.B. gerne probieren, die Show offener zu spielen, und Strindberg als Inspiration für heutige Geschichten zu nehmen.
Barbara Klehr hatte bezüglich der Büchner-Show ebenfalls den Wunsch nach mehr Offenheit. Sie meinte, dass sie den Fehler gemacht hätten, zu viel Struktur hineinzubringen, was den Spielern teilweise das Vertrauen in ihre eigenen Ideen genommen hätte. Sie fand die Tragödie im ersten Teil meist sehr gelungen, die Komödie nach der Pause aber deutlich schwächer, sie hätten die Komödie nicht richtig ernst genommen, was auch daran gelegen habe, dass sie hier weniger Vorbereitungszeit investiert hätten. Aber auch Büchner habe die Komödie nicht so ernst genommen, die Tragödie sei typischer für ihn. Die ursprüngliche Idee bei der Arbeit mit Büchner sei gewesen, eine Sprache zu entwickeln, die als sein Tonfall wiedererkannt werden könne, im Laufe des Prozesses hätten sie aber ein bisschen das Vertrauen verloren, dass das ausreiche.
Ionesco bringt Intensität
Am begeistertsten zeigte sich Matthieu Loos, der Ionesco vorbereitet hatte. Sein Ensemble hätte ganz neue, intensive Erfahrungen gemacht. Marc, ein Spieler seines Ensembles hätte nach der Show z.B. 2 Std. gebraucht, um wieder er selbst zu sein. In dem Stück wollte er etwas zu seiner Frau sagen, um sein Leben zu ändern, doch die anderen Spieler hatten die Aufgabe, dies zu verhindern. Nach der Show brodelte es in ihm und er rief: „Ich muss es jetzt sagen, hört mir zu!“ Er meinte, die Show sei großartig gewesen, aber auch sehr hart.
Matthieu Loos erzählte, anders als viele glaubten, sei Ionesco nicht einfach absurd oder lustig. Er versuche, universelle Themen darzustellen, vor allem die Angst vor dem Tod und die Schwierigkeiten der Kommunikation. Es sei eine große Herausforderung gewesen, bei so einem universellen Thema zu bleiben und nicht zu versuchen, Geschichten und komplizierte Beziehungen zu entwickeln.
Ein weiterer Aspekt von Ionescos Theater sei, mehr Freiheit zu haben, etwas auszudrücken. Ionesco versuchte es mit der Dekonstruktion von Sprache, mit Gedichten, Bewegungen, surrealen Mitteln, was bis zum Äußersten gebracht würde. Sie hätten z.B. ausprobiert, dass ein Spieler einen anderen etwas fragen möchte. Niemand wusste was, warum und wer die Personen sind. Einfach nur dieses „ich will etwas von dir“ 20 Minuten durchzuhalten, dran zu bleiben, es groß zu machen, das sei sehr anstrengend, aber man könne neue Ausdrucksmöglichkeiten finden, um fundamentale Gefühle auszudrücken und das Publikum zu berühren. Matthieu Loos räumte allerdings ein, dass sie noch nicht ganz die angestrebte Freiheit erreicht hätten.
Ein Regisseur im Improtheater
An der Arbeit mit Ionesco gefiel ihm auch, dass er dabei wie an eine klassische Theaterproduktion herangehen konnte. Er hat sich z.B. gezielt Leute für bestimmte „Rollen“ ausgesucht und in der Vorbereitung mit einem Theaterregisseur gearbeitet. Er vermisse beim Impro manchmal diese Möglichkeiten. Ihm gefiel, nicht nur ein Format festzulegen, in dem dann alles passieren kann, sondern darauf hinzuarbeiten, etwas Bestimmtes zu sagen. In der Show sei dann z.B. klar gewesen, dass es um die Angst vor dem Tod gehen würde und welcher Spieler die Figur desjenigen spiele, der am Ende stirbt. Offen sei der Weg dorthin gewesen.
Während der verschiedenen Shows habe manchmal der jeweilige Workshop-Leiter Regieanweisungen gegeben. Thomas Chemnitz würde so etwas gerne weiter entwickeln. Dass ein Improspieler Schauspieler, Autor und Regisseur zugleich sein müsse, sei manchmal etwas zu viel. Einen Live-Regisseur zu haben, der gelegentlich Hinweise gibt (zum Verlauf der Geschichte, aber auch zu Details) sei auch für das Publikum spannend, denn das sei Theaterarbeit, die es normalerweise nicht zu Gesicht bekäme.
Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner - Fotos: Gorillas
Ich habe versucht, die wichtigsten Aussagen und einige interessante Details zusammenzufassen. Außerdem besteht hier die Möglichkeit, die gesamte Diskussion nachzuhören. In der ersten Stunde diskutierte das Podium, in der zweiten durften sich auch die Zuschauer mit Fragen einbringen.
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Theatersport, seit 15 Jahren erfolgreich in Berlin - Foto: Thomas M. Jauk
Einig waren sich bei der Diskussion alle Beteiligten, dass Improtheater mehr sein kann als Comedy und auch mehr sein sollte. Randy Dixon verglich Comedy-Impro mit Popmusik, sie sei überall, aber Musik sei eben noch viel mehr. Besonders Friedhelm Teicke beschrieb das Problem, dass Impro für das Publikum vor allem mit Comedy verknüpft sei, bedingt durch Fernsehformate wie „Schillerstraße“ aber auch durch den Impro-Alltag, der sehr stark von Gruppen bestimmt sei, die Spiele-Shows machten. Er wünschte sich mehr Risikobereitschaft von den Spielern.
Auch Beatrix Brunschko forderte die Bereitschaft zum Risiko, das auch die Möglichkeit echten Scheiterns mit einschließt, Scheitern, dass nicht lustig ist. In ihrem Ensemble komme immer dann Unzufriedenheit auf, wenn sie merkten, dass sie zu routiniert spielten, sich nur auf das verliessen, was sie sicher könnten. Dann würde es Zeit für neue Aufgaben. Sie berichtete, dass längere Formen im Kommen seien und sehr viele Gruppen, mit denen sie Workshops mache, schon längere Formate im Programm hätten.
Christoph Jungmann sah die Entwicklung weniger positiv, er bemerke zwar auch das starke Bedürfnis vieler Amateure nach längeren Formen, dafür würde es dann aber am schauspielerischen Handwerkszeug mangeln, er rät diesen Gruppen, lieber bei den Spiele-Shows zu bleiben. Randy Dixon sah in diesem Punkt aber auch die Profis in der Verantwortung, in Seattle würden sie z.B. Schauspiel-Kurse für Improspieler anbieten.
Ob kurze oder lange Formen – die Haltung ist wichtig
Randy Dixon auf der IMPRO2010 - Foto Impro-News
Spieler, die ohne Spiele keine Szene entwickeln könnten, würde er nicht unbedingt als Improspieler bezeichnen, eher als Spiele-Spieler. Für ihn liege der Unterschied nicht so sehr in kurzen oder langen Formen, sondern in der Haltung. Randy Dixon erzählte, dass er einen Kurs in „Serious Improvisation“ gegeben habe, aber unterrichtet hätte er wie immer, auch Spiele, nur der Name des Kurses war anders. Die Schüler hätten jedoch auf Grund des anderen Kurstitels solidere, ernsthaftere Szenen zu Stande gebracht und nicht so sehr nach Lachern gesucht. Randy Dixon meinte, dass wir mehr Gruppen brauchten, die sich mit einer ernsthafteren Art Impro auseinandersetzten, dazu müssten die Gruppenmitglieder aber tiefer in die Gruppenarbeit einsteigen, am „Groupmind“ arbeiten.
Theatersport sei für ihn dagegen „Personality Improv“, man würde sich nicht wirklich an die Szenen und noch nicht einmal an die Gags erinnern, sondern denken, „der Typ war wirklich lustig“ oder „der konnte gut singen“. Wenn eine Gruppe intensiver daran arbeiten möchte, im Moment zu sein und ernsthafter zu spielen, sei es allerdings notwendig, dass alle Gruppenmitglieder es wirklich wollten, sonst würde es sehr schwer.
Enttäuschendes Deutschland?
Christoph Jungmann fand, dass die entscheidenden Impulse aus dem Ausland kämen. Als die Gorillas vor 1 ½ Jahren die Deutsche Impromeisterschaft veranstalteten, sei er von den Shows ziemlich enttäuscht gewesen, er zeigte sich hingegen begeistert von der Strindberg-Show des schwedischen Ensembles.
Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner - Fotos: Gorillas
Wie die Versuche der Gorillas, im Stile von Georg Büchner zu improvisieren, zu beurteilen sind, darüber gäbe es bei den Gorillas selbst sehr unterschiedliche Ansichten, erzählte Jungmann. Er fand die bisherigen Versuche zu dicht am Original-Drama „Woyzeck“, es seien dann doch sehr einfache Dialogzeilen und sehr einfache Erklärungen der Charaktere entstanden. Ihn würde vor allem eine Übersetzung der Büchner-Geschichten ins Heute interessieren, er meinte, die Gorillas seien da noch sehr am Suchen. Friedhelm Teicke lobte aber ausdrücklich die früheren Versuche der Gorillas, im Stile Fassbinders zu improvisieren.
Die Erwartung des Publikums
Randy Dixon erzählte, dass die Theatersport-Shows seines Ensembles ein anderes Publikum hätten als ihre „ernsthafteren“ Formate. Das Publikum des einen Show-Typs sei überwiegend nicht an der jeweils anderen Art Impro interessiert. Das Publikum sei „trainiert“, es wisse, was es in den jeweiligen Shows erwarte.
Bei der Konzeption eines Formats leite Randy Dixon die Frage, was das Publikum erleben soll. Viele Interaktionen in den Shows basierten auf dem Leben der Schauspieler oder des Publikums, bei einer Show sind z.B. die Zuschauer eingeladen, auf die Bühne zu kommen, ihre Narben zu zeigen und zu erzählen, wie sie sie bekommen haben. Auch der Rest des Publikums sei dadurch beteiligt, da sie dabei an ihre eigenen Narben und Erlebnisse denken würden. Das Publikumserlebnis wird dann jedoch nicht einfach nachgespielt, sondern in die „Sprache des Theaters“ übersetzt. Eine alberne Geschichte führt dabei manchmal zu einer ernsten Szene, ein „schweres“ Erlebnis umgekehrt schon mal zu einer leichteren. Laut Randy sollte man nicht nur komisch oder nur ernst sein, der zentrale Begriff seiner Philosophie sei „variety“ (Vielfalt, Abwechslung).
Die Beschränkungen beim Impro liegen für ihn nicht beim Publikum, sondern bei den Schauspielern. Was z.B. oft passiere sei, dass eine Szene bei einer Theatersport-Show abstrakter würde und die Schauspieler dächten, dass sei nicht Theatersport und das Ganze durch einen Witz zerstörten. Randy Dixon meinte, nur beim Impro könne man Ereignisse des Tages schon am selben Abend auf die Bühne bringen und fragte sich, warum das nicht öfter gemacht wird.
Improtheater an der Schauspielschule
Christoph Jungmann wunderte sich, warum so wenige junge Schauspieler sich zusammen tun und Impro spielen. Tanja Knauf sah das Problem in den Schauspielschulen, in denen Improvisation zur Rollenentwicklung benutzt, aber nicht als eigenständige Theaterform gelehrt werde. Randy Dixon bestätigte, dass viele Schauspieler ihm erzählt hätten, dass sie Improvisationsübungen an der Schauspielschule gemacht hätten, was sie nicht so spannend gefunden hätten.
Beatrix Brunschko unterrichtet auch an der Schauspielschule in Graz und erzählte, dass dort eine Improvisation inzwischen zur Diplomprüfung gehöre. Und zwar eine wirkliche Improvisation. Bis vor kurzem mussten die Kandidaten bei der Aufnahmeprüfung nämlich 3 Rollen und eine Improvisation vorbereiten (!). Als Beatrix Brunschko sich irgendwann traute, den Professoren zu sagen, dass eine Improvisation, die man vorbereiten könne, keine sei, gaben sie zu, sich damit nicht auszukennen („Wir können das nicht, das müssen dann Sie machen“).
Friedhelm Teicke von der „Zitty“ sah eine zunehmende Nutzung von Improvisation für das herkömmliche Theater zur Stückentwicklung. Christoph Jungmann erzählte wie mal in München ein namhafter Regisseur die Schauspieler in einem Stück ein paar Minuten improvisieren ließ, was ein enormes, positives Medienecho ausgelöst hätte, sehr zum Ärger der Münchner Improtheaterkollegen, die so etwas seit Jahren machten und weder diese Aufmerksamkeit noch Anerkennung bekämen.
Die Medien haben Probleme mit dem Improtheater
Randy Dixon und Friedhelm Teicke beschrieben beide, dass die Medien Probleme mit dem Improtheater haben, weil jeder Abend anders sei und man deshalb keine Besprechungen machen könne. Friedhelm Teicke erwähnte die große Konkurrenz der Angebote in Berlin und man müsse eben auch immer sehen, was neu und frisch sei und Improtheater sei für viele Medienleute etwas, worüber man schon viel geschrieben habe und was nicht mehr so aktuell sei. Randy Dixon beschrieb die Vorteile der sozialen Netzwerke im Internet, durch die sie nun weniger abhängig von der Presse seien.
Die Frage aus dem Publikum, ob Improtheater nicht auch etwas fürs Internet wäre, wurde im Prinzip bejaht, Beatrix Brunschko sah eigentlich keine Grenzen, Tanja Knauf gab aber zu bedenken, dass es schon wichtig sei, dass Spieler und Publikum gemeinsam den Moment teilten, sonst würde das Besondere, das man anzubieten habe, gefährdet. Randy Dixon erwähnte, dass die Zuschauer zunehmend an Live-Interaktion gewöhnt seien, er erzählte von einer Show, bei der die Zuschauer den Schauspielern Dialogzeilen per SMS schicken konnten, was allerdings etwas ausgeufert sei, da noch 3 Tage nach der Show Nachrichten eintrafen.
Ist Improtheater förderungswürdig?
"Die Musen des Dramas huldigen Goethe" von Angelika Kauffmann entstand 1788 - Quelle: Wikimedia
Fürs Improtheater Fördergelder zu bekommen sei quasi unmöglich, waren sich alle einig. Die Gorillas hätten es längst aufgegeben, den Hauptgrund sahen alle darin, dass Impro mit Comedy und Unterhaltung gleichgesetzt werde, was grundsätzlich nicht gefördert würde. Für Impro-Comedy möchte auch niemand Förderung haben, Impro sei ja auch eine Theaterform, die wenig Mittel benötige. Für die Entwicklung anspruchsvollerer Formate, die nicht so ein großes Publikum erreichen, sei Förderung aber wünschenswert. Friedhelm Teicke meinte, dass so etwas auch grundsätzlich möglich wäre, dazu müsste aber erst ein Bewusstsein dafür entstehen, dass es ganz verschiedene Formen von Improvisationstheater gibt. Um die weit verbreitete Annahme, Improtheater sei automatisch Comedy, zu verändern, schlug Tanja Knauf vor, einen anderen Namen für die ambitionierteren Formen des Genres zu suchen.
Ein weiteres Problem bei der Förderung läge darin, dass Gelder oft projektbezogen vergeben würden. Beim Improtheater habe man aber eben keine so klar zu beschreibenden Projekte wie in anderen Bereichen, weil es ja jeden Abend anders sei. Denkbar sei vielleicht noch eine Spielstättenförderung, meinte Friedhelm Teicke. Randy Dixon erwähnte, dass es in Amerika sowieso keine Kunstförderung gäbe. Mehr Geld würde er vor allem einsetzen, um Menschen zu bezahlen, denn es gäbe so viele kluge Leute, die sich mit Improtheater beschäftigen würden.
Im Rahmen der kürzlich auf Impro-News.de erschienenen Rezensionen hat es einige grundsätzliche Kritik an der Art und Weise dieser Veröffentlichungen seitens der Impro-Szene gegeben. Wir nehmen diese Kritik sehr ernst und müssen im Nachhinein einräumen: So hätten wir einige Rezensionen – insbesondere die zum Artikel über Mordart von Paternoster – nicht in dieser Form veröffentlichen sollen.
Unser Anliegen ist es, die lokale Impro-Szene mit unseren Beiträgen zu fördern, und zwar ohne Ausgrenzung von Gruppen oder Verfolgung irgendwie gearteter Eigeninteressen und persönlicher Präferenzen. Dabei halten wir grundsätzlich auch konstruktive Kritik für förderlich. Das ist aber sicherlich immer eine gewisse Gratwanderung. Insbesondere müssen wir dabei im Auge behalten, dass wir öffentlich (und damit nicht nur für die eingeschworene Impro-Szene) über eine Szene berichten, über die die potentiellen Leser möglicherweise wenig bis keine Hintergrundkenntnisse besitzen. Und da Rezensionen über Impro-Theater auch nicht gerade Massenware in den einschlägigen Medien sind, kommt uns hier eine gewisse Verantwortung zu, das teilweise noch zarte Pflänzchen Impro-Theater nicht unnötig zu beschädigen.
Um hier für uns selber und unsere freien Mitschreiber eine Orientierungsgrundlage zu schaffen, die uns vor Irrwegen bewahrt, wollen wir uns für weitere Veröffentlichungen Grundsätze aufstellen. Über diese würden wir zuvor aber gern diskutieren und Eure Meinung erfahren. Hier sind unsere grundsätzlichen Vorschläge:
Im Vordergrund einer Kritik steht die sachliche Information über einen Auftritt.
Grundsätzlich erfolgt die Berichterstattung aus einer positiven Grundhaltung heraus.
Fundamentale (im Sinne von: “kann nicht funktionieren”, “ist unfähig”) Kritik am gesamten Format oder einzelnen Darstellern wird nicht veröffentlicht.
Persönliche Wertungen (z.B. … hat mir nicht gefallen) werden klar als solche gekennzeichnet und nicht verallgemeinert.
Die Veröffentlichung erfolgt immer unter dem Namen des Autors; Pseudonyme werden nicht (mehr) zulassen.
Wir freuen uns auf kreative und konstruktive Vorschläge und bedanken uns schon einmal für die konstruktive Kritik aus der Szene!
Kommentare