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Auf der Bühne
von Stephan Holzapfel:
Am 21. und 22. März spielten die Crumbs im Rahmen des IMPRO 2011-Festivals im English Theatre. Als Inspiration für die beiden Geschichten wählten die Crumbs den kanadischen Autor George F. Walker. Typisch für ihn ist ein negativer Held, der nichts lernt.
Beide Shows wurden mit einem Monolog des Helden eröffnet, der Mist gebaut hatte und jetzt in der Tinte sitzt. Dies beiden Monologe sind hier zu sehen. Außerdem die Szene der beiden skurrilen Bösewichte. Und eine besonders vielschichtige Szene zwischen dem kriminellen Polizisten und seiner schwangeren Frau.
Weitere Videos von den Shows gibt es hier.
Allgemein
von: Stephan Holzapfel
 Festival-Logo
Ich geb’s zu: Impro-Abende im Stil von Strindberg und Ionesco schienen mir nicht sehr vielversprechend zu sein. War ich nicht unter anderem beim Impro gelandet, weil mir das “normale” Theater oft zu ernst, zu schwer, zu angestrengt war? Außerdem hatte ich wenig Ahnung von den Stücken dieser Theaterautoren, wie sollte sich mir dann der Reiz dieser Aufführungen mitteilen?
Theater statt Zirkus
Aber dann fand ich es großartig! Ich habe Shows voller Intensität, voller Spannung und Experimentierlust gesehen, in denen die Spieler komplexe und bilderstarke Dialoge erfanden. Wie nah sie dabei Tennessee Williams oder Eugene Ionesco gekommen sind, vermag ich nicht zu beurteilen, aber das finde ich auch nicht so entscheidend. Wichtig finde ich die theatrale Kraft dieser Aufführungen. Vielleicht braucht Impro nicht unbedingt mehr Strindberg, aber es braucht mehr Theater, wenn es seinen Namen ernst nimmt und nicht nur Zirkus sein möchte. (Der Zirkus feiert den Effekt, was ein schöner Nervenkitzel ist, wenn er gekonnt gemacht ist. Aber er ist kein Theater.)
Die Konsequenz ist allerdings nicht, dass wir jetzt alle tragische Langformen spielen sollen. Dafür braucht es echte Könner, damit es nicht zäh oder gar peinlich wird. Vielleicht braucht es dafür sogar ausgebildete Schauspieler, deren Stimmen klangvoller sind, die sich präziser bewegen und die auch in ruhigen Szenen stärker die Spannung halten können.
Vielleicht aber auch nicht. Jeder soll ausprobieren, wozu er sich berufen fühlt. Ich traue mir Tragödien-Langformen nicht zu und mir liegt die Komödie auch näher. Was mich allerdings kaum mehr interessiert, ist das kurzatmige Blödel-Impro, das eben nicht nur eine Notlösung untalentierter oder selbstgefälliger Gruppen ist. Es ist eine eigene Tradition unserer Theaterform und es ist wohl die verbreitetste.
Trash ist Alltag beim Impro
Denn auch das konnte man beim Festival sehen: Wenn Impro keine hohe Kunst sein will, dann ist es schnell Trash, und zwar nicht, weil man irgendwie vom Weg abgekommen ist, sondern weil man voll darauf zugesteuert hat.
So war es teilweise auch bei dem “Grand Prix de l‘Improvisation” am letzten Festivaltag. Vor allem in der zweiten Hälfte, in der in bewährter Impro-Manier z.B. eine „Oper“ gespielt wurde, in der jemand unbedingt eine Currywurst will. Am Ende bekommt er sie im Tausch gegen seine Frau. Natürlich ist es lustig, wenn im ernsten Opernton über etwas so Banales wie eine Currywurst gesungen wird. Nicht zueinander passende Dinge zusammenzubringen ist ein beliebter Komik-Effekt, schon die übergroßen Schuhe des Clowns zeigen das. Doch es ist ein Effekt, hinter dem nichts mehr kommt, denn eine Currywurst hat keine Bedeutung, es macht keinen wirklichen Unterschied, ob sie da ist oder nicht, zudem kann man sie sehr leicht besorgen.
Bei diesem “Problem” kann man nicht mitfühlen. Eine Figur, die seine Frau gegen eine Wurst eintauscht, hat nichts Menschliches und ist deshalb im besten Fall ein bunter Pappkamerad, im schlechtesten Fall ärgerlich und nervig. Warum gibt man den Figuren keine wirklichen menschlichen Leidenschaften, so dass mehr entstehen kann als Klamauk?
Für schlechte Darsteller mag der Klamauk sogar erfolgversprechender sein, denn wer schief singt, wird sein Publikum schwer emotional erreichen können. Wenn aber auch Spieler mit mehr Potential reflexhaft die niederen Instinkte des Publikums bedienen, dann hat das Improvisationstheater ein Problem.
Banal oder bedeutsam
Es wird immer Spieler geben, die banal und bedeutsam nicht unterscheiden können oder wollen. Für sie gilt die einfache Formel: je lauter das Publikum, desto besser die Show. Doch alle anderen sollten das Bedeutsame suchen, und zwar nicht nur im Langen, Ernsten, Tragischen, da, wo es jeder erwartet, sondern besonders im Kurzen, Leichten, Komischen, im scheinbar Banalen.
Ein Beispiel: Ein Lied mit dem Titel „Das Baguette ist weg“ wird vielleicht effektvoll, aber banal, wenn wirklich nur melodramatisch das Fehlen eines Brotes beklagt wird. Bedeutsam, d.h. menschlich-emotional relevant wird es, wenn das Baguette z.B. eine Metapher ist: etwa für das Fehlen des Partners, der sonst immer das Baguette mitgebracht hat. Oder für die schönen, vergangenen Zeiten, in denen das Baguette traditionell dazu gehörte. Heute dagegen isst man Toast aus der Fabrik.
Ein positives Beispiel ist der Grand Prix-Beitrag von Michael Wolf, der ein „persönliches Lied“ singen wollte. Also ein Lied mit einem Thema, das für ihn eine wirkliche Bedeutung hat. Der Vorschlag lautete dann „Wahlkampf in Baden-Württemberg“ und er sang emotional-kämpferisch über die Befreiung vom schwarzen Joch durch die Partei der Grünen. Man stelle sich vor, er hätte bloß gesungen, dass es im Baumarkt keine grüne Farbe mehr gibt, das hätte niemals diese starke Wirkung haben können. Am Ende sang er über die Abschaltung von AKWs.
Kurz zuvor hatte der Moderator den Vorschlag „Atomkraft“ zurückgewiesen. Klar, es ist ein bisschen riskant, das anzunehmen, weil es peinlich wäre, würde das Lied missglücken. Aber wenn es ein gutes Lied wird, dann wäre die Wirkung unschlagbar, denn es greift dann ein hochemotionales Thema auf, das für viele momentan eine enorme Bedeutung hat.
Trashig und banal wird Impro manchmal auch, wenn wir es nicht wollen. Scheitern gehört eben dazu. Aber Suchen sollten wir doch etwas anderes.
Lasst uns mehr Theater wagen!
Allgemein
 Improfestival 2011
Dieser Artikel sieht jetzt ein wenig aus wie ein Sommerloch-Füller, ist uns aber zusammen mit dem nächsten Artikel von Stephan Holzapfel nur irgendwie in den letzten Monaten etwas redaktionell durchgerutscht. Aber eigentlich ist es doch ganz schön, nach ein paar Monaten noch einmal einen Blick in den Impro-Rückspiegel auf dieses großartige Festival zu werfen!
Leute, Leute, das war ein spannendes Festival! Nach 9 Tage, 25 Shows und 2 Podiumsdiskussionen versuchen wir mal einen kleinen Überblick anhand der wesentlichen auf Impro-News.de erschienen Artikel. Wir haben so viel wie noch nie über ein Festival berichtet und müssen selber erst einmal sortieren. Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die schreibend, fotografierend oder sonstwie mitgeholfen haben, wenigstens einige Highlights festzuhalten und der Improgemeinde zugänglich zu machen!
Allgemeines
Im Stile von Ionesco
Im Stile von Büchner
Im Stile von Strindberg
Im Stile von Tennessee Williams
Sonstiges
Auf der Bühne
von: Stephan Holzapfel
 Foto: Stephan Holzapfel
“Sex and passion” war das Thema nach der Pause am 23.03.11 im English Theatre Berlin. Diese Aspekte im Werk von Tennessee Williams leiteten die fünf Spieler bei ihrem improvisierten Theaterstück. Der vom Publikum gewünschte Titel “The dogs bark at night” führte zu dem Schauplatz “Tierheim” und zu einer Fülle von Hunde-Metaphern, mit denen menschliche Beziehungen und sexuelle Wünsche beschrieben wurden. Diese sprachlichen Raffinessen und die gekonnte Darstellung der Spannungen zwischen den Figuren machten vor allem den Reiz dieser Aufführung aus.
Beeindruckend fand ich, wie enorm ruhig und trotzdem kraftvoll gespielt wurde. Durch ruhige, aber präzise Gesten, Blicke und Bewegungen wurde eine große emotionale Spannung erzeugt, so war “viel los”, ohne dass äußerlich wahnsinnig viel passierte. Der Plot des Stückes ist hier sicher nicht das Wichtigste:
 Foto: Stephan Holzapfel
Ein Ehepaar, das sich offensichtlich hasst, sucht im Tierheim nach seinem Hund. Der Mann verspürt eine starke homoerotische Anziehung gegenüber einem Tierheim-Angestellten. Beide Männer werden von einem Hund gebissen, der Tollwut (engl. “rabies”) hat und bekommen zur Therapie jeweils 15 Spritzen in den Bauch. Enttäuscht von den traurigen Verhältnissen im Tierheim (die Hunde haben kaum Platz und werden vom Leiter eingeschläfert, wenn sie sich merkwürdig verhalten), verlässt am Ende die Mitarbeiterin Jenny das Heim.
Im “Essential Cut” habe ich das Stück auf ein gutes Drittel gekürzt. Hier bekommt man glaube ich einen guten Eindruck von der Spielweise und den Zusammenhängen. Für den schnellen Einblick habe ich in den “best scenes” einige besonders spannungsreiche oder originelle Szenen konzentriert, wobei dabei natürlich viele Details fehlen. Wer möchte, kann sich das Stück aber auch komplett ansehen.
Es spielen: Randy Dixon, Michelle Hippe und Michael Bils von “Unexpected Productions”, die auch dieses Format entwickelt haben. Dazu kommen Stephen Sim von den “Crumbs” und Missie Peters von “SpeakEasy”.
Durch Klick auf die 4 Pfeile im Video wird der Vollbildmodus aktiviert, durch Klick auf “HD” kann das Video sehr viel größer angezeigt werden.
Siehe zu diesem Abend auch den Artikel von Dan Richter.
Auf der Bühne
von: Stephan Holzapfel
Am Samstag, den 26.03.2011 wurde im Rahmen der “IMPRO 2011″ der traditionelle Sängerwettstreit geboten. Dank des internationalen Festivals kamen die Teilnehmer hier tatsächlich aus verschiedenen Ländern. Die Solovorträge des ersten Teils gibt es hier komplett als Video. Ich freue mich, dass dank eines aufwendigen Aufnahmeverfahrens die Klangqualität auf ein hohes Niveau gehoben werden konnte.
Die beiden Songs, die mir persönlich am besten gefielen, gibt es gleich hier zu sehen:
Kunst&Handwerk
von Stephan Holzapfel:
 Festival-Logo
Am letzten Samstag (26.03.11) fand im Ratibortheater die zweite Podiumsdiskussion des internationalen Festivals für Improvisationstheaters statt. Die (sehr schwach besuchte) Veranstaltung beschäftigte sich mit der Frage, ob es sich gelohnt hatte, Impro-Shows im Stile bekannter Theaterautoren zu gestalten.
Ich habe wieder versucht, die wichtigsten Aussagen zusammenzufassen. Außerdem kann hier die gesamte Diskussion nachgehört werden.
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
[Link zur Audiodatei]
Es diskutierten:
Thomas Chemnitz, Gorillas (Gesprächsleitung)
Barbara Klehr, Gorillas (Leiterin des „Büchner“-Workshops)
Per Gottfredsson, Stockholms Improvisationsteater (Leiter des „Strindberg“-Workshops)
Matthieu Loos, Compagnie Combats Absurdes, Strasbourg (Leiter des „Ionesco“-Workshops)
Mehr Raum und Zeit auf der Bühne
Alle beteiligten Improspieler beschrieben die Arbeit mit den Theaterautoren als bereichernd. Vor allem die Möglichkeit, längere Szenen zu spielen, sich Zeit zu nehmen, mehr Raum für sich und die Mitspieler zu haben und längere Sätze sprechen zu können, hätten sie als positiv empfunden. Barbara Klehr beschrieb, dass die Spieler stärker berührt worden seien als durch die sonstige Improarbeit und glaubt, dass das auch auf die „normalen“ Improshows zurückwirken wird.
Weniger Zuschauer
Der Publikumszuspruch sei allerdings geringer gewesen als sonst, wobei ein Teil des Publikums begeistert gewesen wäre, ein anderer Teil hätte nichts damit anfangen können. Manche wären überrascht gewesen, plötzlich in einer ganz anderen Improshow zu sitzen. Einig war man sich, dass hier Informationen im Vorfeld wichtig seien, das Publikum solle wissen, was es zu erwarten habe. Wenn man ins Kino ginge, würde man sich ja auch bewusst für ein Drama oder eine Komödie entscheiden. Es kam der Verdacht auf, dass manche Zuschauer weggeblieben seien, weil sie das Gefühl hatten, sich mit den Theaterautoren zu wenig auszukennen. Etwas mehr Informationen z.B. im Programmheft wären wohl sinnvoll gewesen.
Barbara Klehr äußerte die Überzeugung, dass die Leute herbeigeströmt wären, wenn z.B. Thomas Ostermeier so ein Projekt an der Schaubühne veranstaltet hätte.
Per Gottfredsson meinte, dass man dem Publikum evtl. nicht nur sagen sollte, was man macht, sondern auch warum. Er berichtete, dass sein Ensemble vor Jahren eine „Backstreet“-Show entwickelt hatte (über die zwielichtigen Straßen von Stockholm), die die Spieler sehr mochten, aber es seien keine Zuschauer gekommen. Seitdem würden sie sehr über die Präsentation einer Show (z.B. Postergestaltung, Name) nachdenken. Es sei aber auch wichtig, dass man das spielt, was man selber wolle, als Improspieler müsse man stärker als andere Schauspieler mit dem arbeiten, was in einem selber sei, den eigenen Fragen, der eigene dunkle Seite usw.
 Mathieu Loos (r.) bei der Ionescoaufführung - Foto: Impro-News
Matthieu Loos bestätigte dies. Das könnten die Improspieler auch den Theaterautoren hinzufügen: die eigene Sicht, das eigene Gefühl im Moment der Aufführung.
Sein Ziel sei es die Leute zu berühren, dass sie durch die Show verändert werden, weil man gemeinsam etwas teilt, was wahr ist. Und Lachen könne genauso wahr sein, er würde die kurzen wie die langen Formen mögen und das Publikum genau so gerne zum Lachen wie z.B. zum Nachdenken bringen.
Lang, aber lustig
Matthieu Loos sah kein grundsätzliches Akzeptanzproblem von Langformen, seine Gruppe würde zu Hause ein Festival mit neuen Langformen veranstalten, was sehr gut besucht sei. Vor kurzem hätten sie eine Langform vor 1600 Zuschauern gespielt, allerdings kein Drama. Strindberg und Büchner seien ja für Tragödien bekannt, hätte man Komödienautoren gewählt, wären wohl mehr Leute gekommen. Thomas Chemnitz bestätigte, dass das nicht nur beim Impro schwierig sei, Dramen würden an den renommierten subventionierten Theatern funktionieren, aber kleinere Bühnen hätten hier ebenfalls Probleme. Barbara Klehr schlug ein Abo-System auch fürs Improtheater vor, denn wer ein Abo habe, gehe auch in Vorstellungen, bei denen er nicht genau wisse, was passiere.
Strindberg im Theatersport?
Ob auch eine Theatersport-Show mit Szenen inspiriert von Dramatikern möglich sei, sah Barbara Klehr kritisch. Tendenziell würde der Wettbewerbscharakter den „Gag-Muskel“ aktivieren. Sie beschrieb das Problem, dass man Lachen hören könne, eine andere Art des Berührtseins jedoch nicht, was die Spieler unsicher mache, ob die Show gut ankomme. Sitze sie im Publikum, spüre sie, auf welche Art die Leute berührt seien, doch da man es nicht höre, müssten die Schauspieler ihrem eigenen Gefühl vertrauen. Berührt es mich? Dann berührt es auch die Zuschauer. Matthieu Loos sah das ähnlich, die Künstler müssten sich für das interessieren, was sie tun, dann würde auch das Publikum kommen.
Per Gottfredsson meinte, in einer „normalen“ Improshow würden sie zu viel daran denken, was man glaube, dass das Publikum wolle.
Bezüglich Dramatiker in Theatersportshows erzählte er von der „Survivor“-Show seines Ensembles: mehrere Geschichten würden angespielt, nach jeder Runde wähle das Publikum eine Geschichte ab, bis zum Schluss nur eine „überlebe“. Würden hier Strindberg oder Bergmann-Szenen gespielt, würden sie immer gewinnen. Je echter und dunkler sie die Geschichten spielten, desto mehr möge sie das Publikum. Das läge möglicherweise daran, dass man beim Drama mehr wissen wolle, wie es ausgehe als bei komischen Szenen. Barbara Klehr vermutete, dass die ernsten Szenen gut ankamen, weil sie eine Abwechslung in einer ansonsten heiteren Show waren. Per Gottfredsson meinte allerdings auch, dass in einer guten Strindberg-Show durchaus viel gelacht werde.
Impro verbessert das Original
Als sie kurz vor dem Festival ihre Strindberg-Show in Schweden gespielt hätten, wäre anschließend eine Frau zu den Spielern gekommen, die sich schon sehr mit Strindberg befasst hatte. Sie meinte durch die gespielten Szenen aus Strindbergs Leben (wie sie hätten passiert sein können) hätte sie den Autor endlich richtig verstanden. Das sei vielleicht auch eine Stärke des Improtheaters, meinte Gottfredsson: Strindberg verständlicher machen, vielleicht sogar besser, weil kürzer, konzentrierter.
Barbara Klehr meinte, dass bei einer normalen Inszenierung das Ganze ja nur durch einen Kopf, den des Regisseurs gehe, beim Impro seien aber viele beteiligt. Im Prinzip könne Impro so vielschichtig sein wie ein geschriebenes Stück, meinten alle, allerdings brauche es viel Übung, außerdem Zeit, um sich über die verschiedenen Sichtweisen der Spieler zu verständigen.
Mehr Zeit zum Forschen
Das Ergebnis der Arbeit mit den Autoren wurde im Prinzip als gelungen beschrieben, wobei alle gerne mehr Zeit gehabt hätten, um zu erforschen, was noch möglich sei. Per Gottfredsson würde z.B. gerne probieren, die Show offener zu spielen, und Strindberg als Inspiration für heutige Geschichten zu nehmen.
Barbara Klehr hatte bezüglich der Büchner-Show ebenfalls den Wunsch nach mehr Offenheit. Sie meinte, dass sie den Fehler gemacht hätten, zu viel Struktur hineinzubringen, was den Spielern teilweise das Vertrauen in ihre eigenen Ideen genommen hätte. Sie fand die Tragödie im ersten Teil meist sehr gelungen, die Komödie nach der Pause aber deutlich schwächer, sie hätten die Komödie nicht richtig ernst genommen, was auch daran gelegen habe, dass sie hier weniger Vorbereitungszeit investiert hätten. Aber auch Büchner habe die Komödie nicht so ernst genommen, die Tragödie sei typischer für ihn. Die ursprüngliche Idee bei der Arbeit mit Büchner sei gewesen, eine Sprache zu entwickeln, die als sein Tonfall wiedererkannt werden könne, im Laufe des Prozesses hätten sie aber ein bisschen das Vertrauen verloren, dass das ausreiche.
Ionesco bringt Intensität
Am begeistertsten zeigte sich Matthieu Loos, der Ionesco vorbereitet hatte. Sein Ensemble hätte ganz neue, intensive Erfahrungen gemacht. Marc, ein Spieler seines Ensembles hätte nach der Show z.B. 2 Std. gebraucht, um wieder er selbst zu sein. In dem Stück wollte er etwas zu seiner Frau sagen, um sein Leben zu ändern, doch die anderen Spieler hatten die Aufgabe, dies zu verhindern. Nach der Show brodelte es in ihm und er rief: „Ich muss es jetzt sagen, hört mir zu!“ Er meinte, die Show sei großartig gewesen, aber auch sehr hart.
Matthieu Loos erzählte, anders als viele glaubten, sei Ionesco nicht einfach absurd oder lustig. Er versuche, universelle Themen darzustellen, vor allem die Angst vor dem Tod und die Schwierigkeiten der Kommunikation. Es sei eine große Herausforderung gewesen, bei so einem universellen Thema zu bleiben und nicht zu versuchen, Geschichten und komplizierte Beziehungen zu entwickeln.
Ein weiterer Aspekt von Ionescos Theater sei, mehr Freiheit zu haben, etwas auszudrücken. Ionesco versuchte es mit der Dekonstruktion von Sprache, mit Gedichten, Bewegungen, surrealen Mitteln, was bis zum Äußersten gebracht würde. Sie hätten z.B. ausprobiert, dass ein Spieler einen anderen etwas fragen möchte. Niemand wusste was, warum und wer die Personen sind. Einfach nur dieses „ich will etwas von dir“ 20 Minuten durchzuhalten, dran zu bleiben, es groß zu machen, das sei sehr anstrengend, aber man könne neue Ausdrucksmöglichkeiten finden, um fundamentale Gefühle auszudrücken und das Publikum zu berühren. Matthieu Loos räumte allerdings ein, dass sie noch nicht ganz die angestrebte Freiheit erreicht hätten.
Ein Regisseur im Improtheater
An der Arbeit mit Ionesco gefiel ihm auch, dass er dabei wie an eine klassische Theaterproduktion herangehen konnte. Er hat sich z.B. gezielt Leute für bestimmte „Rollen“ ausgesucht und in der Vorbereitung mit einem Theaterregisseur gearbeitet. Er vermisse beim Impro manchmal diese Möglichkeiten. Ihm gefiel, nicht nur ein Format festzulegen, in dem dann alles passieren kann, sondern darauf hinzuarbeiten, etwas Bestimmtes zu sagen. In der Show sei dann z.B. klar gewesen, dass es um die Angst vor dem Tod gehen würde und welcher Spieler die Figur desjenigen spiele, der am Ende stirbt. Offen sei der Weg dorthin gewesen.
Während der verschiedenen Shows habe manchmal der jeweilige Workshop-Leiter Regieanweisungen gegeben. Thomas Chemnitz würde so etwas gerne weiter entwickeln. Dass ein Improspieler Schauspieler, Autor und Regisseur zugleich sein müsse, sei manchmal etwas zu viel. Einen Live-Regisseur zu haben, der gelegentlich Hinweise gibt (zum Verlauf der Geschichte, aber auch zu Details) sei auch für das Publikum spannend, denn das sei Theaterarbeit, die es normalerweise nicht zu Gesicht bekäme.
 Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner - Fotos: Gorillas
Auf der Bühne
von Marco:
Nachdem ich in der ersten Hälfte des Impro-Festivals die Compagnie Combats Absurdes mit ihrer “Im Stile von… Ionesco” Performance auf der Bühne gesehen hatte und tief beeindruckt war (siehe mein Bericht dazu auf Impro-News), war ich sehr gespannt, wie es Matthieu Loos in seinem 3-tägigen Workshop zu dem Thema gelungen war, diese Art der Improvisation auch dem Festivalensemble nahe zu bringen. Wie Matthieu in unserem Interview sagte, war es auch für ihn ein großes Experiment.
Und für meinen Geschmack hat das Experiment hervorragend funktioniert! Die fünf deutschen Schauspieler gingen in der Vagantenbühne mit merklichem Respekt und vollem Engagement zur Sache, immer wieder durch Regieanweisungen von Matthieu (“sie fällt in tiefe Trauer…”) unterstützt. Dankenswerter Weise (ich denke, ich spreche da für das gesamte Publikum) wurden noch einmal die grundlegenden Elemente des absurden Theaters von Ionesco – und damit auch die Vorgaben für das Format – erläutert: Die Geschichte spielt den ganzen Abend an einem einzigen Ort und kreist letztendlich um ein einziges existenzielles Thema. Als Vorgabe wurde das Publikum um einen Traum gebeten, aus dem der Raum (in diesem Fall ein Zugabteil) und eine Schlussszene (die Hauptperson will aus dem Raum flüchten, kann aber nicht) extrahiert wurden.
Damit ging es dann los, es wurden wieder viele Requisiten auf die Bühne geschafft: Stühle zur Etablierung des Raums, Bücher (aus denen zwischendurch immer mal wieder vorgelesen wurde), Äpfel, Kartenspiele, die dann in der Folge wechselseitig und teilweise mit unterschiedlicher Deutung bespielt wurden. Sehr schön war, wie die Figuren sich Zeit ließen, ihren Charakter und das Verhältnis zu den anderen Spielern zu definieren (Zwillinge – das doppelte Lottchen, der Opa, eine Tochter, die Putzfrau, der Schaffner). Gerade in der Anfangsphase entstanden viele ruhige Szenen mit viel non-verbalem Spiel oder einfach nur gehaltener Spannung. Als Kontrapunkt hierzu gab es immer wieder Monologe, die sich bis ins Hysterisch steigern oder auch Dialoge zu einem mehr oder minder abwegigen oder auch tief philosophischen Thema (“Ist jeder Opa auch immer ein Vater oder umgekehrt oder sollte er es zumindest sein?”).
Gut erkennbar auch die Absicht, durch stark wirkende, physische Aktionen (alle auf der Bühne befindlichen Figuren entwickeln eine körperliche Obsession zu Mitspielern oder Gegenständen; ein Apfel wird von einer Spielerin oral vergewaltigt) zu provozieren und Akzente zu setzen.
Dabei ging alles nicht ganz so weit, war nicht ganz so konsequent, wie es die Compagnie Combats Absurdes in ihrem Auftritt vorgelegt hatten, aber es war definitiv spannend. Und es trug problemlos über die ganzen 90 Minuten, ohne langweilig zu werden. Und, für mich persönlich ein wichtiges Kriterium, ich verließ die Vorstellung mit dem Gefühl, Teil einer Schöpfung, einer Geburt von etwas Neuem gewesen zu sein. Etwas, was sich die Spieler auf der Bühne zu dem Thema erkämpft und erliebt hatten.
Ich möchte mehr davon sehen! Dank an Tabea Herion (Drama Light), Karin Werner, Rashid Sidgi (beide Theaterturbine Leipzig), Regina Fabian, Luise Schnittert, Leon Düvel (die Gorillas) und natürlich auch Harry Hawaii (der für die spannende Hintergrundmusik sorgte) und Matthieu Loos (für den Mut zum Risiko!).
Auf der Bühne
für Fans der IMPRO2011 und den Crumbs:
 DJ Hunnicutt
Heute Abend (Samstag, 26.03.2011) spielt DJ Hunnicutt im Klub der Republik in Prenzlauer Berg. DJ Hunnicutt sollte allen Crumbs-Fans als deren langjähriger Begleiter und DJ/VJ bestens bekannt sein (siehe auch den Artikel Wenn die Musik dirigiert auf Impro-News).
Wer vermutet, da auch den einen oder anderen Teilnehmer des an diesem Wochenende zu Ende gehenden Festivals zu treffen, vermutet vermutlich richtig (wir geben aber keine Garantie…).
Klub der Republik
Pappelallee 81 – Prenzlauer Berg
Berlin, Germany
ab 22.00h
Veranstaltungslink auf Facebook
Auf der Bühne
von Claudia Hoppe:
 August Strindberg, Quelle: Wikimedia
Dank bei Impro-News.de gewonnener Freikarten hatte ich am Mittwoch-Abend das Vergnügen, mir die erste Strindberg-Aufführung des Festival-Ensembles in der Vagantenbühne anschauen zu dürfen. Zugegeben: Die Konkurrenz war mit Weibershow im Mehringhoftheater und Unexpected Productions im English Theatre Berlin an diesem Abend wirklich hart. Dementsprechend klein fiel die Zuschauerzahl aus: elf Zuschauer vor vs. neun Spieler auf der Bühne. Um so beeindruckter war ich davon, was dieses neun-köpfige Ensemble hier hingelegt hat! Im Stile von August Strindberg zauberten sie in der ersten Hälfte der Veranstaltung ein Drama auf’s Parkett, das aus Storytelling-Perspektive ein absolutes Meisterstück war! Titel: “The Fallen Apple” (der Titel kam in diesem Fall von mir ). Im Folgenden möchte ich Euch eine Zusammenfassung des Stückes geben, soweit ich sie aus meiner Erinnerung rekapitulieren kann.
“The Fallen Apple”
Erste Szene: Eine Frau (sie wird in Kürze den Namen “Agneta” erhalten) sitzt auf der Bühne und schaut in die Ferne. Der Nachbar Johann-Erik kommt vorbei. Wir erfahren, dass Agneta offenbar längere Zeit in der Stadt gelebt hat und gerade zurück gekehrt ist. Es geht die Frage, wie es Adolf gehe (wir erfahren noch nicht, in welchem Verhältnis Agneta zu Adolf oder Johann-Erik steht). Adolf ist sehr krank. Abgang Johann-Erik.
Wir sehen Agneta kurz darauf mit dem Butler Sven, der allem Anschein nach Avancen für sie hegt. Die beiden kennen sich offenbar, seit Agneta ein Kind war und den Apfelbaum hoch geklettert ist. Sie betrachten den Apfelbaum. Sven zu Agneta: Ein Apfelbaum ist wie eine Frau – zuerst ist er klein und zart und muss beschützt werden vor Wind etc. Erst wenn er wächst, wird er stabil und schlägt Wurzeln und ist in der Lage, den Kräften der Natur zu trotzen.
In der nächsten Szene sehen wir Adolf, übel hustend, mit dem Nachbarn Johann-Erik. Sie sprechen über die Geschäfte. Adolf fragt Johann-Erik ober ihm Geld leihen könne – sehr viel Geld.
Adolfs Frau, Anna, kommt dazu. Von der Regie kommt die Anweisung, dass Johann-Erik und Anna flirten sollen. Adolf verlässt die beiden, um Johann-Eriks Hut zu holen, in dieser Zeit erfahren wir, dass Johann-Erik sich schon lange Hoffnungen auf Anna macht. Die beiden turteln ein wenig verlegen miteinander herum. Es wird der Doktor erwähnt und wie dieser Adolfs Gesundheitszustand beurteilt.
Wir erfahren auch, dass das Verhältnis zwischen Adolf und seiner Frau Anna kein besonders gutes ist. Die beiden leben nebeneinander her. Anna wünschte sich in der Vergangenheit offenbar mehr Zuneigung und Zärtlichkeit von Adolf. Adolf wünschte sich ein Kind von Anna, das diese ihm nie geboren hat. Stattdessen hat er alle seine Liebe auf seine Nichte Agneta (!) projiziert und in ihr offenbar das Kind gefunden, das Anna ihm nie gebären konnte.
In einer nächsten Szene sehen wir Adolf und den Doktor, sie reden über Adolfs Gesundheitszustand. Es sieht schlecht aus.
Anschließend sehen wir Adolf mit seinem Gärtner. Adolf möchte, dass der alte Apfelbaum gefällt wird, da er fast gänzlich abgestorben ist. Der Apfelbaum ist von innen vergiftet und trägt nur noch ganz wenige Früchte. Der Gärtner weigert sich, den Baum zu fällen. Der Apfelbaum hat große Bedeutung für Adolf, viele Erinnerungen hängen daran – speziell an Agneta, die hier als Kind hinauf geklettert ist.
Nächste Szene: In der Küche. Wir sehen den Koch und den Butler Sven. Sven macht sich ernsthaft Gedanken über den Gesundheitszustand von Adolf. Adolf ist ein guter Herr, erfahren wir. Der Gärtner stürmt hinein. Er ist sehr aufgebracht wegen der Fällung des Apfelbaums. Er erzählt Sven und dem Koch davon. Er meint, wenn der Herr den Apfelbaum fällen will, ist die Lage sehr ernst. Sven meint, der Herr würde vergiftet werden. Der Koch ist der Meinung, dass es gut ist, wenn Adolf stirbt, da die ganze Atmosphäre im Haus vergiftet sei. Genau wie der Baum muss Altes, Vergiftes weichen, um Platz für Neues, Nicht-Vergiftetes zu schaffen. Grund für die vergiftete Atmosphäre sei jedoch nicht Adolf selbst, sondern das Verhältnis zwischen ihm und seiner Frau. Und jetzt, wo Agneta aus der Stadt zurück gekehrt ist, sei alles noch schlimmer geworden, da der Herr seine Nichte doch über alles liebe. Wir als Zuschauer erfahren, dass Sven tatsächlich amuröses Interesse an Agneta hegt, und das nicht erst seit neuestem.
Szenenwechsel, oben im Haus. Anna höchst zynisch. Sie lädt Agneta und Adolf auf ein Kartenspiel ein. Fragt Sven herausfordernd, ob er zuschauen wolle, da das ganze Zusammenleben im Haus (und speziell zwischen den dreien) eh nur noch eine Farce sei. Im Zuge des Kartenspiels macht Anna Adolf jede Menge verbitterte Vorwürfe bezüglich ihres Zusammenlebens, dass er nie Interesse für sie gezeigt habe und seine Liebe immer nur auf Agneta fokussiert habe. Adolf kontert, dass Anna ihm schließlich nie ein Kind geschenkt und Agneta diese Rolle übernommen habe. Wir erfahren, dass Agneta eine Waise ist und offenbar als Baby / Kind von Adolf und Anna in den Haushalt aufgenommen wurde. Anna erwidert, dass es nie klar war, ob es wirklich an ihr lag, dass die beiden keine Kinder bekommen konnten, oder ob es nicht an Adolf gelegen habe. Agneta sitzt betreten da und sagt gar nichts. Immer wieder wird betont, wie ernst es um Adolfs Gesundheitszustand bestellt ist.
Anna und der Doktor im Garten im Mondschein. Der Doktor sagt, heute Nacht sei es soweit, Adolf werde sterben. Anna ist verwirrt und auch ein wenig bestürzt – wie könne der Doktor das so genau voraus sagen? Wir erfahren, dass es eigentlich der Doktor ist, der Adolf die ganze Zeit mit seiner Medizin vergiftet hat, denn auch der Doktor hegt Avancen für Anna. Heute Nacht soll Adolf die finale, tödliche Dosis erhalten.
In der Küche (Koch, Sven): Der Gärtner stürzt hinein. Er hat die Unterhaltung von Anna und dem Doktor im Garten mit angehört und ist in Panik. Er möchte nicht, dass sein Herr umgebracht wird. Klimax: Adolf, Agneta, Sven, Doktor: Adolf hustet unentwegt und verlangt nach seiner Medizin. Sven weigert sich, die Medizin zu bringen, traut sich jedoch nicht, in Anwesenheit von Agneta zu sagen, weshalb er sich weigert. Der Doktor sagt, Adolf muss die Medizin nehmen. Agneta drängt ebenfalls, die Medizin zu holen, da es Adolf sichtlich schlecht geht. Sven weigert sich, fleht Adolf an, die Medizin nicht zu nehmen. Agneta, in Panik um ihren geliebten Onkel, holt schließlich die Medizin und verabreicht sie Adolf, der daraufhin stirbt.
Anweisung der Regie: Eine Woche später. Johann-Erik und Anna am Strand. Sie sprechen über die Beerdigung. Johann-Erik erwähnt, dass Adolf Geldprobleme hatte und ihn vor seinem Tod um eine große Summe gebeten habe (Genial! Ich hatte mich schon gefragt, wo dieser Strang des Inhalts abgeblieben war). Dass nach Adolfs Tod an materiellen Gütern außer dem Haus nichts bleibe, und das Hause gehe vermutlich an Agneta (genial!!!). Er sagt Anna, dass seine Tür für sie immer offen stand und auch weiterhin offen stehe, sie jederzeit willkommen sei. Anna ist unsicher. Sie sagt, sie sei eine furchtbare Frau. Vergiftet. Wie könne Johann-Erik sie mögen. WAS kann er nur an ihr mögen? Er sagt, er mochte sie schon immer, genau wie sie war. Adolf habe ihr nicht gut getan, das Zusammenleben mit Adolf habe sie vergiftet. Sie zweifelt und fragt sich, ob sie nicht seit ihrer Geburt (“seit die Erde mich ausgespuckt hat”) vergiftet sei.
Johann-Erik erwidert: Selbst wenn sie vergiftet sei, sei es wie beim dem Apfel von Schneewittchen: Eine Seite ist vergiftet, die andere ist wunderschön und genießbar. Für ihn gibt es nur die genießbare Seite. Anna sagt, sie hofft, ihm in Zukunft nur die genießbare Seite zeigen zu können.
Ende.
Cast (in order of appearance):
Regie: Per Gottfredsson
Agneta: Elise Dano
Sven: Janne Berg
Johann-Erik: Thomas Chemnitz
Adolf: Juš Milčinski
Anna: Maja Dekleva
Doktor: Ivo Klvan
Gärtner: Marko Mayerl
Koch: Dave Morris
Die begeisternden Aspekte
Abgesehen davon, dass die meisten Figuren für meine Begriffe meisterhaft gespielt waren, war ich besonders von folgenden Aspekten der Aufführung begeistert:
1. Die Gegensätzlichkeit der beiden Frauen-Figuren – Agneta als die Gute, Junge, Schöne, Naive und Anna, die als ihre Ziehmutter verbittert, zynisch und vom Leben gezeichnet ist. Beide Spielerinnen haben ihre jeweilige Figur extrem glaubhaft verkörpert.
2. Dass wirklich jeder im Ensemble seine Rolle gefunden hat – einige Figuren (z.B. der Koch) waren nur kurz zu sehen und haben die Handlung inhaltlich vielleicht nicht viel voran gebracht, dafür aber die bereits existierende Geschichte sowie die anderen Figuren (auch die, die nicht auf der Bühne waren) weiter etabliert und “mit Sinn angereichert”.
3. Es gab keine losen Enden. Wer schon öfter Impro-Langformen gesehen hat weiß, dass die Spieler häufig mit dem Problem loser Enden zu kämpfen haben, und nicht alle Handlungsstränge am Ende sinnvoll miteinander verknüpfen können (einige geraten auch einfach in Vergessenheit). Das war hier nicht der Fall, insofern: Applaus schon allein dafür!
Den genialsten Coup finde ich jedoch, dass Agneta, die einzige im Haus, die offenbar nichts von der Verschwörung gegen Adolf wusste, letztendlich unabsichtlich diejenige ist, die Adolf die tödliche Dosis seiner “Medizin” verabreicht! Gescripted hätte man es nicht besser machen können!
Leider scheint die Aufführung nicht alle Zuschauer so beeindruckt zu haben, wie mich, denn vier der elf Zuschauer haben in der Pause das Theater verlassen (in der zweiten Hälfte wurden dann Szenen als Traumsequenzen gespielt).
Schlussendlich, was mich betrifft – ich hatte große Skepsis bezüglich “ernsthaftem” Impro-Theater – und ich muss nach wie vor sagen: als Zuschauer würde ich mir derlei Performances nicht wöchentlich anschauen, und als Spielerin bleibe ich vorerst auch dem heiteren Genre treu (das Leben ist schließlich ernst genug). Dennoch habe ich für mich gesehen, dass ernsthafte Impro-Performances durchaus keine “verkopfte Scheiße” sein müssen, sondern im Gegenteil, selbst in ihrer Dramatik von den Spielern elegant und locker flockig erzählt werden können. Nochmal ein großes Dankeschön dafür an Impro-News (meinen Kartensponsor, ohne den ich diese Vorstellung sicherlich nicht gesehen hätte) und das Festivalensemble für ihre grandiose Performance!
Auf der Bühne
von Dan Richter:
Es gab noch keine Vorstellung des Unexpected Productions Ensembles, aus der ich nicht inspiriert herausgekommen wäre. Haben sie sich eigentlich Schillers „Ästhetische Erziehung des Menschen“ als Credo gegeben?
In diesem Jahr improvisieren die Gruppen des Berliner Impro-Festivals im Stile eines von ihnen selbst gewählten Dichters. Es hat sich schon in den ersten Tagen des Festivals gezeigt, dass es durchaus verschiedene Konzepte zur improvisatorischen Umsetzung – sowohl zwischen den Gruppen als auch zwischen Spielern. So interpretierten Die Gorillas ihren Autor Büchner, indem sie zwei seiner Stücke sowohl inhaltlich als auch strukturell sehr dicht am Original adaptierten, was bei einigen Spielern ein gewisses Unbehagen aufkommen ließ – wo bleibt unsere spielerische Freiheit? Die Crumbs destillierten aus George F. Walker vor allem Handlungsmotive, die sie teilweise auch vor Impro-Herausforderungen stellten: Ein Grundmotiv Walkers ist z.B. ein negativer Held, der nicht lernt, sich also nicht verändert. Als Improspieler aber predigen wir einander immer und immer wieder: Lass dich berühren, lass dich verändern. Und ich rätsle noch heute, ob das wiederkehrende „Listen! Listen!“ von Lee Whites Figuren nicht doch auch ein wenig eine Aufforderung an seinen Mitspieler war.
Wie also würden Unexpected Productions in diesem Jahr auf dem Berliner Improfestival ihr Thema „Tennessee Williams“ umsetzen? Ausgerechnet am Abend des Todes von Elizabeth Taylor, die in zwei seiner Verfilmungen mitgespielt hat und drei Tage vor Williams’ hundertsten Geburtstag.
 Randy Dixon läßt sich einen Titel geben - Foto: Impro-News
In der ersten Hälfte führt uns Randy Dixon mit einem Erzähler-Monolog in eine Südstaaten-Szene ein, inspiriert von „Glasmenagerie“ und „Endstation Sehnsucht“: „Das Glück in diesem Haus ist zum Greifen nah, aber du kannst es nicht erreichen. So nah, dass es dir manchmal ins Gesicht spuckt, und das fühlt sich gut an.“ Bruder und Schwester leben mit ihrer Mutter in einem Haus, dessen Zerfallen sich bemerkbar macht. Auf den Klempner haben es sowohl Mutter als auch die überbehütete Tochter abgesehen. Der alkoholkranke Sohn, der als Schuhputzer arbeitet, will eigentlich fort auf ein Schiff und wird darin von seinem Kollegen bestärkt. Am Schluss flieht statt ihm die lebensuntüchtige Tochter und wird prompt von einer Straßenbahn überfahren.
So einfach, so dicht an den Motiven. Als Michael Bils nach „Dorothyyyyy!“ ruft, gelingt sogar noch eine koketteriefreie Referenz auf Marlon Brandos legendären Stellaaaa!-Schrei.
Randy Dixon entlässt uns mit dem Hinweis: „Das ist eure Stadt“, aber da zu 95% Improspieler im Publikum sind (davon die Hälfte Teil des Festival-Ensembles) wird in der Pause allerorten eher das Wie als das Was diskutiert. Mein alter Freund D. meint, sie hätten so dicht an Tennessee Williams gespielt und es wäre überhaupt zu gut gewesen, das könne er sich ja auch gleich im Theater anschauen. Die Schauspieler haben aber nicht allein die Motive und Charaktere gut erfasst. Sie sind, und das wird häufig übersehen, unglaublich gut in die Sprache eingestiegen. Wir sehen hier nicht nur gute Schauspiel-Improvisation, nicht nur gutes Storytelling, sondern wir sehen hier Dichter am Werk, die die sprachlichen Elemente so genau nehmen, dass es ein wahrer Genuss ist, ihnen dabei zuzusehen. Die Metaphern sind genau, Elemente werden wieder aufgegriffen, man spielt mit Bedeutungsebenen.
 Michael Bils und Stephen Sims kämpfen und umwerben sich im Hundeasyl - Foto: Impro-News
Während der vom Publikum vorgeschlagene Titel des ersten Stücks „The olive skinned man“ wie nebenbei eingebaut wird (es ist der von Dorothy angebetete Straßenbahnfahrer, der sie später überfährt), nutzen sie den zweiten Titel – „Dogs bark at night“ direkt und unmittelbar: Das Stück spielt in einem Hundeasyl. (Beide Herangehensweisen haben in der Impro ihre Berechtigung: Bau es sofort ein vs. Wirf den Stein weit weg.) Die Spieler entfernen sich vom Setting der „Katze auf dem heißen Blechdach“ wesentlich stärker. Es bleiben als Motive Verzweiflung, diabolische Weiber versus gedemütigte Männer usw. Fünf Personen, die sich umschnüffeln, miteinander spielen, und nur von einer dünnen Schicht der Zivilisation davon abgehalten werden, sexuell oder gewalttätig übereinander herzufallen.
 Der Hundefänger bekommt seine Injektion (v.r. Bils, Dixon, Sim, Hippie, Peters) - Foto: Impro-News
Die Entfernung vom Original lässt die Stärken des Miteinander noch mehr aufscheinen: Die Dialoge sind vielleicht weniger poetisch, dafür flinker. Typischer Impro-Humor kommt auf, da jetzt die Spieler stärker Zug um Zug aufeinander reagieren. Man gibt auch der physischen Komik eher freien Lauf: Aus irgendeinem Missverständnis kam die Annahme auf, es müssten einem bei Tollwut fünfzehn Spritzen auf einmal in den Bauch gerammt werden: Wir sehen die Injektionen einmal fast wie eine sexuelle Penetration und einmal wie eine benevolente Hinrichtung. Der Hundefänger (gespielt von Stephen Sim) wird gleich zu Beginn ins Bein gebissen und humpelt fortan. Und es erinnert natürlich an Paul Newmans Brick in Gips. Ob es eine bewusste Entscheidung war, ist aus Impro-Sicht fast gleichgültig: Ausschlaggebend ist, dass man durch mutige Entscheidungen, solche Symmetrien, Assonanzen, Metaphern, szenische Reime zulässt.
Die fünf Spieler strahlen eine beeindruckend entspannte Selbstverständlichkeit aus. Das Team wirkt absolut ausbalanciert. Jeder weiß, wann es Zeit ist, auf die Bühne zu gehen. Nach der ersten Szene lässt sich z.B. Randy Dixon über eine halbe Stunde Zeit bis er die Bühne wieder betritt, niemand vermisst seine Figur vorher (wahrscheinlich auch die Spieler nicht), und nun kommt sie genau im richtigen Moment. Jeder Schauspieler ist äußerst wach, keine Geste geht verloren, kein Satz wird vergessen, alles ist da, um wieder aufgenommen zu werden. Man vertraut sich blind.
 Applaus -auch für den atmosphärisch unterstützenden DJ Hunnicut (nicht im Bild) - Foto Impro-News
Auf der Podiumsdiskussion am 20. März war viel von dem Unterschied zwischen ernster und komödiantischer Improvisation die Rede. Nach einem Abend mit Unexpected Productions denke ich immer, jetzt müsste doch jedem klar ins Auge springen, wie unscharf diese Unterscheidung ist. Randy Dixon spielt im zweiten Teil nicht nur den Betreiber des Hunde-Asyls, sondern er wird auch eingeführt als derjenige, der die Hunde einschläfern lässt, wenn sie sich seltsam verhalten. Als man das im Laufe der Handlung schon fast vergessen hat, sehen wir wieder eine Hundefütterung, die Tiere sind aggressiver als sonst und versuchen zu flüchten. Außer ein kleiner, der anscheinend schon aufgegeben hat. Randy Dixons überraschende Reaktion darauf: „He’s next.“
Ohne Ernsthaftigkeit gibt es keine tiefe Komik. Ohne Spaß kein freies Spiel. Ohne Humor kein angenehmes Scheitern.
Beste Rolle des Abends: Michelle Hippes entsetzlich positive Mutter.
Bester Tempowechsel: Randy Dixons Auftritt als rennender Schuhputzer nach der langsamen Sommernacht
Bestes Akzeptieren: Michael Bils akzeptiert das indirekte Angebot, einen Kontrast zu setzen, und lässt sich durch die Anti-Tollwut-Spritzen demütigen.
Größte Aufmerksamkeit: Missie Peters erinnert sich noch nach einer Stunde an die Taktzeiten dreier verschiedener Straßenbahnen.
Preis für beste Körperkomik: Stephen Sim als Hundefänger.
Diese Show hat gute Chancen, das Highlight meiner Theater-Abende 2011 zu werden.
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