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Auf der Bühne
von Stephan Holzapfel:
BERLIN – Im gut gefüllten aber nicht ausverkauften Ratibortheater spielten Matt Horgan und René Dellefont von „Dad’s Garage“ aus Atlanta am 10.01. ihre Show “The American Tourist”, die versprach, einen besonderen Blick der amerikanischen Spieler auf ihre Gaststadt zu werfen. Allerdings löste in der ersten Hälfte nur eine der Geschichten dieses Versprechen halbwegs ein (siehe Video).
Sehenswert war das meist schnelle und konsequente Akzeptieren der beiden Amerikaner. Ihr gekonntes “Ja, und”-Spiel trieb die Szenen flott voran und machte auch aus scheinbar verkorksten Anfängen noch gelungene Momente. Bewundernswert das Tempo ihrer Ideen. Schauspielerisch war es weniger spannend – viele Wörter, wenig Körper. Auch wurde kaum je eine Emotion groß gemacht und ausgespielt, ja, Matt Horgan musste auch in ernsthafteren Situation häufig grinsen, was es dem Zuschauer schwer machte, mit seinen Figuren mitzufühlen. Ungewöhnlich: Weiter lesen…
Auf der Bühne
von Stephan Holzapfel:
“Ein Glück, das hätten wir hinter uns gebracht”, schnauft Robert Munzinger, nachdem er zusammen mit Billa Christe und Tom Jahn mehrere Minuten zu lauter Musik wild getanzt hat. “In Chicago ist die Gruppe ‘Two men, no Show’ so auf die Bühne gekommen und das wollten wir unbedingt auch ausprobieren”, erklärt er den ungewöhnlichen Show Auftakt nach der Pause. “Aber die waren 10 Jahre jünger als wir”, ergänzt Tom Jahn.
Lust am Ausprobieren
Auch diese Selbstironie und die Lust am Ausprobieren sind es, die die 3 Gorillas in der Special-Show “Chicagorillas” am 25.11.11 sympathisch machen. Vor allem aber ihre große Spielfreude. Sie sind entspannt, sie sind schnell, sie sind im Moment und mit Spaß dabei. Gibt es doch mal ein Missverständnis wird selbstironisch gelächelt oder eine launige Bemerkung gemacht. Das liebt das Publikum, wahrscheinlich weil es dann spürt, dass improvisiert wird, und dass die Spieler locker bleiben, obwohl etwas schief geht. Werden diese ironischen Distanzierungen überreizt, schlägt die Wirkung schnell ins Gegenteil, so wohldosiert aber erhöhen sie den Charme.
Vor der Pause spielen die drei eine Oper, ein Brecht-Weill-Musical, ein Pina-Bausch-Tanztheater und ein Filmgenre (hier: Thriller), haroldartig verschränkt, bis auf das Tanzstück alles zweiteilig. Diese Form war der Gorilla-Beitrag für das “Second City”-Festival in Chicago und lässt vermuten, dass in Amerika auch Genres präsentiert werden sollten, die dort mit Deutschland verbunden werden.
Knisternde Spannung
Beim Improtheater ist Adaptieren und Parodieren ja äußerst beliebt. Spannend ist die Frage, ob das Ergebnis auch funktioniert, wenn man das Original nicht kennt. Beim Thriller war das an diesem Abend der Fall. Die aufgebaute Spannung brachte selbst die bei jeder Kleinigkeit lachende Dame in der zweiten Reihe zum verstummen.
Die Spieler zeigten einen Mann, der gerade seinen Chef ermordet hat und in stürmischer Nacht zu seiner schwangeren Frau zurückkehrt. Plötzlich erscheint ihm – unsichtbar für seine Frau – der Geist des Ermordeten. Einerseits war es storytellingmäßig etwas inkonsequent, dass der Geist im zweiten Teil keine Rolle mehr spielte und stattdessen ein menschlicher Rächer die Szene betrat. Andererseits war dieser für die Geschichte ergiebiger, da auch die Frau mit ihm interagieren konnte – natürlich kannten sich alle drei Figuren, Rächer und Ehefrau hatten mal was zusammen.
Die Gorillas zeigen im zweiten Teil der Geschichte, was sie können: die Angst und Bedrohung der Figuren werden deutlich spürbar, das Publikum hält stellenweise den Atem an. Außerdem stimmt der Rhythmus und es gibt Überraschungen – die Frau schlägt sich scheinbar auf die Seite des Rächers um ihm dann plötzlich die Waffe zu entwenden. Beklemmend auch Billa Christes abschließendes “Wir werden immer für dich sorgen”-Lied für das Ungeborene, nachdem ihr “Mann” den zweiten Mord begangen hat. Das Baby als Inbegriff des Unbelasteten, Unschuldigen verstärkt im Kontrast die Gewalt und Schuld der Eltern.
Schönes Schauspiel
Es sind aber auch die kleinen Details, die Freude machen. Wie Robert Munziger z.B. pantomimisch eine Waffe lädt, ist an sich schon sehenswert. In einer anderen Szene spielt er einen Jugendlichen. Ohne dass Robert offensichtlich etwas “macht”, sieht man plötzlich einen lässig-schlunzigen Halbwüchsigen vor sich. Besonders wirkungsvoll, weil nicht überzeichnet. Gutes Schauspiel bereichert Improszenen ungemein.
Albern und schief – die Oper
Ganz anders die “Oper” – sicher kann es auch den besten Sängern mal passieren, dass sie schief singen. Aber hier schien es mir, dass es den Spielern sowieso nicht so wichtig war. Ein bisschen Rauf- und Runterjodeln, ein bisschen bedeutungsschweres Knödeln – fertig ist die Opernparodie. Schön, wer darüber lachen kann, für alle anderen bleibt wenig übrig. Natürlich ist Oper schon im Original eine oft skurrile, manchmal vielleicht sogar lächerliche Kunstform. Aber – sie ist eben auch ästhetisch und emotional berührend. Die Impro-Parodie (nicht nur der Gorillas) versucht es noch nicht einmal, gefragt wird bewusst nach einem banalen Problem (hier: Laufmasche).
Natürlich sind Impro-Spieler keine Opernsänger, aber Tom Jahn hat durchaus eine beeindruckende Bassstimme. Sehr gerne würde ich ihn mal einen sinistren Bösewicht oder alten König singen hören, Rollen, die in der Oper eben von Bässen verkörpert werden. Doch der Klamauk-Modus wird leider nicht in Frage gestellt.
Zahnpasta-Blues
Nachdem die Gorillas in der zweiten Hälfte Formen spielen, die sie bei anderen Gruppen auf dem Chicago-Festival gesehen haben, beendet Tom Jahn die Show mit einem Blues. Und der ist richtig cool! Rauchige Stimme, fetter Sound, yeah! (Keyboard: Felix Raffel) Schade nur, dass Tom Jahn wieder nur über ein banales Problem singen möchte (Zahnpasta leer). Klar, ganz witzig. Kann man machen. Aber könnte man nicht auch mal ein echtes Problem zum Thema machen?
Wenn man bedenkt, dass beim Blues mitunter sogar auch improvisiert wird, hätte das Improtheater hier die Chance, sich mit einer großen Kunsttradition wirklich zu verbinden, statt sie immer nur zu parodieren.
Kunst&Handwerk
von Stephan Holzapfel:
Liebe Berliner Theatersportler,
bitte nehmt mir diesen Brief nicht übel, er ist kritisch und auch provokativ, ja, aber ich möchte niemanden persönlich angreifen, sondern zur Diskussion anregen. Wer meine Sicht nicht teilt, soll mir bitte gerne widersprechen.
Viele von euch sind sehr gute Improspieler. Ihr könnt mit nichts auf die Bühne gehen und das Publikum durch eure Szenen faszinieren. Ihr könnt lustig und überraschend sein, Spannung erzeugen und lösen, kleine und große Dramen spontan auf die Bretter bringen.
Warum vertraut ihr euch so wenig? Warum vertraut ihr dem Improtheater so wenig?
Warum glaubt ihr, dass ihr Fanfaren, Sensationen, Preise, Wettkampf braucht, eine vom Sport geliehene Spannung? Ist das Improtheater an sich nicht interessant genug?
Natürlich dürft ihr so viel Theatersport spielen, wie ihr möchtet. Aber bitte beschwert euch dann nicht, wenn das Improtheater wieder mal nicht richtig ernst genommen wird: “Naja, ganz lustig, aber kein richtiges Theater.” Warum sollte jemand Impro für voll nehmen, wenn ihr es selber schon nicht tut? Dieses ganze Tamtam und Drumherum, dieses Aufwärmen, Abstimmen, Bepunkten, Lauter-und-länger-Klatschen – was da allein manchmal für Zeit drauf geht! Zudem wird häufig eine Atmosphäre erzeugt, die für sensible Gemüter schwer zu ertragen ist.
Klar, viele von euch spielen auch andere Impro-Formen. Nicht zu leugnen ist allerdings, dass Theatersport das Ding der Stunde ist in Berlin. Ein Turnier jagt das nächste, und warum? Weil ihr es veranstaltet. Weil ihr mitmacht. Weil ihr es so wollt. Je mehr Theatersport aber gespielt wird, desto mehr wird das Publikum Improtheater mit Theatersport gleichsetzen, Theatersport erwarten, wenn Impro veranstaltet wird. Und dann werden alle sagen: das Publikum will es doch so.
Vielleicht sollten wir nackt spielen!
Manche argumentieren, dass Impro durch Theatersport bekannter würde und das sei doch gut so. Dann sollten wir vielleicht alle nackt spielen. Da wären wir mit einem Schlag berühmt und berüchtigt, die Massen würden strömen. Und wenn Impro dadurch so richtig bekannt ist, ziehen wir uns wieder an und sagen, eigentlich spielt man das ja bekleidet.
Mag das Beispiel auch überspitzt sein – nackt spielen hat mit gegeneinander spielen gemeinsam, dass Impro durch etwas interessant gemacht werden soll, was mit Impro eigentlich nichts zu tun hat.
Denn Impro ist das Gegenteil von Konkurrenz, es ist eine sehr komplexe Form der Kooperation. Das ist doch aufregend! Warum vertretet ihr das nicht offensiv, warum versteckt ihr das hinter einem inszenierten Wettkampf? Theatersport wurde vor Jahrzehnten für Leute erfunden, die gerne zum Wrestling gehen, einem durchinszenierten pseudo-sportlichen Krawall. Ich habe starke Zweifel, dass das noch zeitgemäß ist.
Ist Theatersport zeitgemäß?
Impro liegt sicher im Zeitgeist – alles ist unsicher, alle müssen flexibel sein, man sucht den einmaligen Moment im Strom der Massenunterhaltung, Interaktivität ist angesagt. Theatersport ist sogar Impro mit “Gefällt mir”-Button. Aber – gibt es nicht auch eine große Sehnsucht nach Authentischem, nach Ehrlichkeit, nach weniger Inszenierung? Hat nicht z.B. die Piraten-Partei auch durch ihren Willen zur Transparenz gepunktet?
Offenheit hat immer eine starke Wirkung. Auf die Bühne gehen und sagen: “Wir haben nichts in der Hand, aber wir werden nun versuchen, etwas gemeinsam zu erschaffen. Mit dem, was in uns ist, mit dem, was zwischen uns passiert und mit dem, was Sie – das Publikum – uns vorschlagen.” Kaum ein Publikum wird sich dieser Haltung verschließen.
Doch der Theatersport glaubt das nicht, stattdessen wird eine Sensations-Wettkampf-Fassade aufgebaut, hinter der der Kern von Impro – Kooperation – verschwindet. Beim Theatersport verlangt man vom Publikum sogar, gemeinsame Szenen getrennt zu bewerten! Das ist doch crazy! Wir wissen doch alle, dass man Szenen manchmal am besten unterstützt, indem man sich zurückhält. Theatersport lässt das Publikum im Unklaren, was wirklich passiert und die Spieler oft genug auch. Denn dass aus gespielter Konkurrenz echte wird, das passiert immer wieder und oft unbemerkt.
Spielst du noch oder kämpfst du schon?
Ehrlich gesagt glaube ich zwar erst Mal nicht, dass echte Konkurrenz bei der anstehenden Berliner Improliga ein Problem werden wird und die Teams verbissen um den Titel des Berliner Impromeisters kämpfen werden. Ich habe auch Verständnis dafür, dass man nicht pauschal gleich alle Gruppen zum Turnier bittet, natürlich gibt es Unterschiede, so dass vielleicht nicht alle automatisch zusammenpassen. Allerdings verstehe ich auch gut, dass sich die anderen Gruppen ausgeschlossen fühlen, vor allem weil ja das erklärte Ziel die Vernetzung der Szene ist, was schwierig ist, wenn man einen exklusiven Club eröffnet.
Es wäre alles viel leichter, wenn es nicht Theatersport wäre. Jetzt spielt jeder gegen jeden, es gibt eine Tabelle, jede Gruppe macht alles mit oder gar nichts. Wie anders wäre es gewesen, wenn die Gruppen nicht “gegeneinander” sondern miteinander spielen würden. “Foxy Freestyle trifft Paternoster.” Wieso ist das schlechter als “gegen Paternoster”? Dann könntet ihr nämlich einfach mal eine dritte Gruppe einladen und gemeinsam spielen, die Profis lassen die Amateure gut aussehen und die Amateure lernen von den Profis. Oder auch mal umgekehrt. Herausforderungen kann man sich doch trotzdem stellen, aber warum müssen diese pseudoobjektiv bepunktet werden? Ist das denn so ein Mega-Spaß fürs Publikum, dass man dafür die ganzen Nebenwirkungen in Kauf nimmt?
Es werden Spieler ausgeschlossen
Jetzt ist die Rede von einem “Qualifikationsturnier”, von “Aufstieg” und “Abstieg”. Glaubt ihr im Ernst, dass da keine echte Konkurrenz aufkommen wird? Wer will schon in der zweiten Liga spielen, natürlich werden dann Gruppen gewinnen wollen! Alle werden auffällig häufig sagen, dass es nur um den Spaß geht, aber in den Proben wird gezielt Theatersport geübt werden (auch wenn man schon Komplexeres probte), man wird sich überlegen, womit man am besten ankommt, man wird den Schiedsrichter ungerecht finden und die Zuschauer parteiisch. Man wird die Sieger beneiden, vor allem wenn sie schon wieder gewonnen haben und man selbst noch nie. Am Anfang wird der Zauber des Neuen vieles überdecken, aber wenn immer die anderen bei dem coolen nächsthöheren Turnier mitmachen dürfen, dann werden vielleicht auch die gelassenen Spieler etwas unruhig werden.
“Nicht schön gespielt, aber gewonnen!” Ist das Berlins Impro-Zukunft? Bitte tut uns das nicht an! Bringt die Szene zusammen und nicht auseinander. Improspieler sind doch keine Übermenschen, gibt’s einen tollen Preis, wollen den auch Leute haben. Und wenn es nur 20% der Spieler sind, das reicht locker für eine vergiftete Atmosphäre.
Doch selbst wenn ab sofort alle Gruppen in der Liga mitmachen dürften und der Sieger zur Strafe geteert und gefedert würde, dann würden immer noch die ausgeschlossen, die gar kein Theatersport spielen wollen. Wäre ich der einzige – geschenkt. Aber ich bin nicht der einzige. Am Ende werden auch Spieler mitmachen, die nicht so ein gutes Gefühl haben, einfach weil es ein Mega-Event ist und man nicht dauernd abseits stehen möchte. Das kann es nicht sein, wirklich nicht.
Die Theatersportturniere sollen die Szene näher zusammenbringen, das mag sein, mindestens genauso wichtig scheint mir aber der PR-Aspekt zu sein. Was keine Schande ist. PR ist legitim und notwendig. Dass ihr dabei auf Theatersport verfallen seid ist vielleicht naheliegend. Das Naheliegende zu nehmen gilt ja als Improtugend. Vielleicht war es aber auch ein Spiel auf Sicherheit, was eher als Untugend gilt. Ihr habt sozusagen die Armrede gewählt und nicht die freie Szene. Darüber kann ich nicht abschließend urteilen, ich muss kein Geld mit Impro verdienen. Aber ein bisschen fantasielos isses schon, oder?
Wir sind Berlin, wir können mehr
Mensch, Leute, wir sind Berlin, die Hauptstadt, Deutschlands Kulturmekka! Wenn uns hier schon nichts Originelleres und Moderneres als Theatersportligen einfallen, um Impro bekannt zu machen und die Szene zu vernetzen, wem denn dann?
Übrigens Armrede versus freie Szene: Theatersport kann gutes Improtheater sein, dass er es häufig nicht ist, liegt auch daran, dass man beim Theatersport auch mit schlechtem Improtheater Erfolg haben kann. Ich fand es faszinierend und tragisch zugleich, dass die Spieler von Rocket Sugar Factory am 01.10. mit einer soliden, aber keinesfalls besonderen Armrede mehr 5-Punkte-Stimmen bekamen als mit ihren teilweise sehr virtuosen freien Szenen, (die allerdings auch sehr gut bewertet wurden). Wobei dieses Phänomen aufs Improtheater generell zutrifft.
Dass Theatersporterfinder Keith Johnstone den real existierenden Theatersport scheiße findet, ist wahrscheinlich bekannt. Ein Interviewer verglich Johnstone mal mit Frankenstein, der ein Monster erschaffen habe. „Ja“, meinte Johnstone, das Ding ist völlig außer Kontrolle.“
Wem ist hier eigentlich langweilig?
Manche entwickeln eine solche Begeisterung für Theatersportligen, dass ich das Gefühl habe, sie langweilen sich mit Impro schon ein bisschen. Vielleicht sind es ja eigentlich die Spieler, die den Extra-Kick durch den Wettkampf brauchen, gar nicht so die Zuschauer? Falls dem so ist, liebe Spieler, dann auf zu neuen Impro-Horizonten! Neue Formate, neue Experimente, neue Lehrer, neue Mitspieler. Stell euch Herausforderungen, probiert euch aus, schmeißt die Spiele weg, spielt freie Szenen, was auch immer. Nur sucht die Spannung im Spiel, nicht im Wettkampf.
Eingefleischte Theatersportler werde ich mit diesem Brief wohl kaum aufhalten können. Dass der Theatersport eine große Dynamik entfalten kann, sehe ich natürlich auch. Doch ihr solltet bedenken, dass euer Theatersport eigentlich nur spielen will. Er wollte nie mehr sein als eine große Gaudi. Wenn ihr ihn zu ernst nehmt und Ligen mit ihm veranstaltet, ihn in Spielsysteme quetscht, ihn mit Tabellen traktiert und mit wahren Siegern und echten Verlieren quält, dann überfordert ihr ihn. Vielleicht wird er dann griesgrämig und verbissen und möglicherweise sogar bissig und – beißt am Ende sogar euch.
Denkt darüber nach.
Herzliche Grüße an alle
Stephan Holzapfel
Allgemein
Morgen startet in Berlin das internationale Improfestival IMPRO 2010. Alljährlich laden die Gorillas internationale und nationale Größen des Improvisationstheaters ein, um in Berlin an Workshops teilzunehmen, zu unterrichten und auch zu spielen. Die gezeigten Shows sind dabei eine Mischung aus experimenteller Workshop-Präsentation und Leistungsschau – also ein absolutes Muss für die Improszene in Berlin und Brandenburg. Aber darauf müssen wir nicht mehr hinweisen.
Vielmehr würden wir gern eine kleine Zusammenfassung von jeder Show veröffentlichen, um diese inspirativen Auftritte auch jenen zugänglich zu machen, die keine Karte mehr bekommen konnten. Wer also zu einer Vorstellung von IMPRO 2010 geht und gern etwas schreiben würde, der kann uns über das Kontaktformular erreichen. Wir würden uns sehr freuen.
Die in folgender Liste grün markierten Veranstaltung der IMPRO 2010 decken wir momentan ab (Spielplan):
Fr, 26.03.10, 20:30: Eröffnungsshow, Ratibor Theater
Sa, 27.03.10, 17:00: Fabio Mangolini, Ratibor Theater – Thomas
Sa, 27.03.10, 20:30: Eröffnungsshow, Ratibor Theater – Sonja
So, 28.03.10, 13:00: Festivalreihe Orte, Weltreise, Kreuzberg
So, 28.03.10, 13:45: Festivalreihe Orte, Weltreise, Kreuzberg
So, 28.03.10, 14:30: Festivalreihe Orte, Weltreise, Kreuzberg
So, 28.03.10, 15:15: Festivalreihe Orte Weltreise, Kreuzberg
So, 28.03.10, 20:30: Inspiration In Jazz, Kunstfabrik Schlot – Thomas
Mo, 29.03.10, 19:30: Festivalreihe Orte, Museum für Kommunikation
Mo, 29.03.10, 20:00: Crumbs feat. DJ Hunnicutt, F40 – English theatre - Marco
Mo, 29.03.10, 20:30: Funky Frauleins of Sweden, Ratibor Theater – Thomas
Di, 30.03.10, 19:30: Festivalreihe Orte, Adolf-Glaßbrenner-Grundschule
Di, 30.03.10, 20:00: Crumbs feat. DJ Hunnicutt, F40 – English theatre
Di, 30.03.10, 20:30: Inspiration In Jazz, Kunstfabrik Schlot
Mi, 31.03.10, 20:00: Festivalreihe Orte, Wasserwerk Riemeisterfenn
Mi, 31.03.10, 20:00: Weibershow, Mehringhoftheater
Mi, 31.03.10, 20:30: Gimmicks meet Impro 2010, Ratibor Theater
Do, 01.04.10, 19:30: Festivalreihe Orte, Klavierbauwerkstatt
Do, 01.04.10, 20:00: Shakespeare, F40 – English theatre
Do, 01.04.10, 20:00: What would the DJ do?, Mehringhoftheater
Do, 01.04.10, 21:00: Festivalreihe Orte, Klavierbauwerkstatt
Fr, 02.04.10, 20:00: Commedia dell’Arte, F40 – English theatre – Stephan
Fr, 02.04.10, 20:00: Grand Prix de l’Improvisation, Mehringhoftheater
Fr, 02.04.10, 20:30: The Facebook, Ratibor Theater – Thomas
Sa, 03.04.10, 20:00: Grand Prix de l’Improvisation, Mehringhoftheater
Sa, 03.04.10, 20:00: Commedia dell’Arte, F40 – English theatre
So, 04.04.10, 18:00: Open Stage, Ratibor Theater – Thomas
Auf der Bühne
von: Stephan Holzapfel

Publikums-Stimmen zum Auftritt aus der Pause und direkt nach der Show:
Meister im Geschichtenerzählen sind die Verstörten Wunschkinder – wie die meisten Improgruppen – nicht: Szene nachts am See, Mann und Frau ziehen sich aus und wollen schwimmen, da kommt die Mutter des Mannes und stört entschieden die Zweisamkeit. Der Konflikt ist klar: der Mann muss sich von der Herrschaft seiner Mutter befreien, wenn er seine Beziehung leben will. Schafft er es oder verliert er seine Freundin? Doch das wird allenfalls angespielt, es gibt mehr Geplänkel (“Wir sezieren doch bloß Frösche für Biologie”) und Sexualitäten (“Ich muss nur schnell meine Muschi rasieren”). Am Ende bringt die Mutter ein Diaphragma vorbei – der Konflikt ist verschwunden, aber wie und warum? Man erfährt es nicht.
Trotzdem.
Trotzdem sind die Verstörten Wunschkinder an diesem Abend (19.03.10) auf ihre Art großartig. Das Bühnenrausch ist prall gefüllt, die Luft stickig, die Stimmung super. Auch der kritische Kritiker langweilt sich seltenst. Denn obwohl so mancher Szene die dramatische Konsequenz fehlt, sind die Spieler ständig für einen überraschenden Einfall gut, so dass die “Was passiert als Nächstes”-Spannung kaum je abreisst. Selbst das “Diaphragma” wird zum erfolgreichen Szenenende, da es ein früherer, abgelehnter Vorschlag aus dem Publikum war, die Überraschung ist wieder mal gelungen.
Das Energielevel ist hoch an diesem Abend, vor allem in der ersten Hälfte, die Spiellust ist deutlich spürbar, besonders Sascha wirft sich mit Verve in die Szenen (gelegentlicher Kommentar einer älteren Dame hinter mir “Der ist wirklich gut”). Das Theatersport-Setting ist deutlich ansprechender als allgemein üblich: Statt wie in der Regel hinten in der Ecke sitzen die Spieler fast mittig und frontal zum Publikum auf ihren Bänken, es gibt die blaue und die rote Mannschaft (mit entsprechenden T-Shirts, die alle den Gruppennamen tragen), das Publikum benennt die Teams, diese entwickeln zu ihrem Namen eine gemeinsame Bewegung, die bei jeder Szenenbewertung gezeigt wird. (Die “Quacksalber” schütteln z.B. pantomimisch Pillendöschen, die “Alohas” machen Südsee-Tanzbewegungen.) Man lacht und weint auf der Bank, neckt sich, triumphiert, schmollt – alles ist Show und wirkt doch nicht aufgesetzt, besonders Suse kann das sehr beeindruckend.
Auch während der Szenen spielen die Wunschkinder gelegentlich auf mehreren Ebenen: Anne z.B. zeigt dem Publikum durch ihre Mimik schon mal, dass sie ein Angebot überrascht oder sie gerade verzweifelt auf einen Einfall wartet, sie kann diese Metaebene ungewöhnlich komisch kommunizieren. Und als sie als Gebärdendolmetscherin das Wort “Berge” übersetzt, indem sie die Kontur ihrer Brüste nachzeichnet, jubelt das Publikum begeistert – und das wohl nicht nur wegen des üblichen Sex-Lachreflexes, sondern vielleicht auch wegen der Entspanntheit der Spielerin, die ebenso selbstverständlich bereit ist, ihre Segelohren als optischen Effekt einzusetzen. Die Spieler fühlen sich auf der Bühne sichtlich wohl und das überträgt sich.
In der Pause schreibt das Publikum Herausforderungen für die Mannschaften auf Zettel, der Moderator wählt dann für jede Gruppe eine Aufgabe aus. Dass die blaue Gruppe “eine Frühlingsszene ohne sexuelle Anspielungen” spielen soll und Moderator Dominik die Spieler explizit um eine “sinnvolle” Geschichte bittet, lässt vermuten, dass die Gruppe ihre Schwächen durchaus kennt und daran arbeitet. Richtig so! Denn dass die Verstörten Wunschkinder einen eigenen Stil haben, liegt an ihren Stärken und nicht an ihren Schwächen.
Die Verstörten Wunschkinder spielen jeden dritten Freitag im Monat im Bühnenrausch.
Auf der Bühne
von Stephan Holzapfel:
„Die Abgabefrist war anders nicht einzuhalten.“ Dank Daniel von den Changeroos wissen wir nun, warum der Mensch so fehlerhaft ist: Gott konnte sich eine Konventionalstrafe damals nicht leisten und musste die Krone der Schöpfung unausgereift abliefern.
Die Spielfreude ist den 5 Changeroos an diesem Abend (21.02.10) anzumerken, sie zeigen schönen körperlichen Einsatz, besonders Daniel ist hier zu loben, der außerdem wunderbar unglücklich gucken kann. Energetisch ist aber sicher noch ein wenig Luft nach oben. Immer wieder gelingen den Spielern starke Wendungen: Eine Frau setzt ihrem Mann einen Haarreifen auf (Gegenstand aus dem Publikum). Er wird erregter, sie klebt sich einen Schnurrbart an, er freut sich auf das Rollenspiel. Ja, ja, so eine Standard-Sex-Szene denke ich. Doch dann sagt die Frau: „Dann mal ab in die Küche, den Abwasch machen.“ Sehr erfrischende Umdeutung des „Rollenspiels“! Hier wäre der ideale Punkt zum Beenden, doch der wird verpasst, das passiert an diesem Abend leider häufiger, deshalb labbern manche Szenen etwas aus. Hier wünsche ich den Changeroos mehr Mut zum Schnitt.
Die Spieler zeigen großes Potential, das weiter entwickelt werden sollte, denn noch gibt es kleine technische Unsicherheiten, z.B. beim Zettel-Spiel: Die vom Publikum aufgeschriebenen Sätze werden nur nebenbei gerechtfertigt, sie verändern die Geschichte nicht wirklich, die Zettel werden zu schnell hintereinander aufgenommen, es wird auch nicht immer klar, was auf dem Zettel steht und was der Spieler hinzufügt, es endet in einem ziemlichen Durcheinander. Vielleicht sind zwei Vorgaben neben den Zetteln auch schon zu viel.
Bei den meisten Szenen fehlt aber nur ein bisschen Konsequenz, um sie richtig gut werden zu lassen, ein gutes Beispiel ist vielleicht die Geschichte mit dem Berlinale-Bären:
Erste Szene des „Siegerfilms“: Ein brummender Bär mit Spielzeug, seine Betreuerin ist bei ihm.
Zweite Szene: Bär sitzt im Schneidersitz, guckt unglücklich, raucht. Betreuerin: „Ist das deine Vorstellung von Freiheit?!“
(Wirkungsvoll, weil die Szene mit einem deutlichen Unterschied von Emotion und Körper im Vergleich zur ersten Szene beginnt. Ein körperliches Angebot ist ja oft auch sehr viel stärker ist als ein verbales. Schön auch die Sinngebung der Zigarette als falsches Freiheitsversprechen, hier besonders passend, da der Bär ja eigentlich ein Wildtier ist.)
Doch der Bär misstraut den Bärinnen im Wald, sie wollten immer nur das eine: seine Kreditkarte und eine größere Höhle.
(„Größere Höhle“ ist stärker als „Kreditkarte“, denn ersteres passt zur Bärenwelt, letzteres nicht.)
Letzte Szene: Bär glücklich mit Bärin, er zeigt ihr seine große Höhle mit Tiefgarage.
(„Tiefgarage“ passt nicht zur Bärenwelt, „Winterschlafzimmer“ o.ä. wäre besser. Vor allem aber wird nicht klar, warum der Bär sich nun wohl fühlt. Bärinnen, die auf Status Wert legen, waren ihm ja gerade noch ein Gräuel. Hier fehlt die Rechtfertigung für diese Veränderung.)
In der Zugabe am Ende der Show wird die Geschichte gerettet: Die Bärin ist unzufrieden, sie möchte eine größere Höhle. Der Bär ist wieder unglücklich.
(Viel besserer Schluss, da nun auch die ersten Szenen integriert sind. Die letzte Szene erklärt seine Angst vor den Bärinnen und bestätigt sie. Die zwischenzeitliche Veränderung bleibt zwar unerklärt, doch das kann der Zuschauer auffüllen: Er hat es halt noch mal versucht. Vielleicht war es auch eine Rückblende.)
Die Vorgabe „Honigbär“ wurde übrigens doppelt versüßt: zum einen bekamen die Zuschauer für jeden Vorschlag eine Mini-Tüte Fruchtgummi. Zum anderen nannte die Bärin ihren Partner pfiffig „Honey.“
Das mehrstimmige Singen klappt zwar noch nicht, doch ansonsten entsteht gesangsmäßig schon viel Schönes, Gruppenjüngste Charlotte hat sogar Popsänger-Qualitäten, sie ist auch mit eigenem Gesangsprogramm unterwegs. Ihre improvisierten Texte langten an dem Abend zwar noch nicht ganz an ihre Stimme heran, doch man freut sich trotzdem über ihre Auftritte.
Abschließend wird ein Charity-Song für arme Raumfahrer gesungen, deren Raumstation leckt. Zum Glück haben sich die 12 Zuschauer in der Brotfabrik zwei Zugaben erklatscht, denn dieser Song hat wirklich Spaß gemacht.
Allgemein
Wir sprachen mit unserem Impro-News.de-Kritiker Herrn Zwackelmann, dessen Besprechungen neben Freude und Lob auch Kritik und vor allem eine allgemeine Diskussion zum Thema “Wie sollte man improvisiertes Theater besprechen?” auslösten.
Impro-News: Hallo Herr Zwackelmann, was zurzeit die Impro-News.de-Leser am meisten interessiert ist sicher, wer steckt hinter Zwackelmann. Verraten Sie uns bitte, (auch wenn es den Spannungsbogen vorschnell abknickt) wie sie wirklich heißen.
SH: Ich heiße Stephan Holzapfel und bin 37 Jahre alt.
Impro-News: Sie spielen selbst Improtheater. In welcher Gruppe spielen Sie und wer waren Ihre Lehrer?
SH: Ich spiele bei den Unverhofften und den Peperonis. Ich habe 2003 mit Impro angefangen und seitdem diverse Kurse gemacht, vor allem bei den Gorillas und bei Deniz Döhler.
Impro-News: Was machen sie, wenn sie sich nicht mit Impro-Theater befassen?
SH: Beruflich moderiere ich Rundfunksendungen über klassische Musik für Kinder und Einsteiger und zusätzlich auch Familienkonzerte auf der Bühne. Wie beim Impro versuche ich hier bunte Unterhaltung und Anspruch zu verbinden. In meiner Freizeit nehme ich noch Gesangsunterricht, wobei mir die Gesangstechnik leider sehr schwer fällt. Gerade miste ich meine Wohnung aus, denn ich möchte bald mit meiner Freundin zusammenziehen.
Impro-News: Was fasziniert Sie an Impro-Theater?
SH: Wenn es beim Spielen gut läuft, komme ich in einen Zustand von großer Entspanntheit und großer Konzentration gleichzeitig. Das ergibt ein völliges Aufgehen im Moment. Ich mag das Körperliche am Theater und die Möglichkeit, extreme Haltungen einzunehmen. Im Alltag bemühe ich mich um Ausgeglichenheit und Ruhe, auf der Bühne spiele ich gerne Figuren, die z.B. von ihren (negativen) Emotionen fortgerissen werden. Es ist manchmal schön, so etwas zu spielen, denn im richtigen Leben möchte ich natürlich nicht, dass negative Emotionen zu viel Macht über mich bekommen. Allerdings spiele ich auch gerne Tiere. Vielleicht, weil sie sehr körperlich gespielt werden müssen. Leider bin ich momentan dazu nur eingeschränkt in der Lage.
Und ich mag witzige Szenen und Spiele, bei denen die Figur bemüht ist, sehr selbstsicher zu erscheinen, obwohl sie keine Ahnung hat (Reklamation u. Armrede, bei der eine Erfindung vorgestellt wird). Auch das Zettel-Spiel mag ich, da die Figur einen völlig unpassenden Satz als ihren verkaufen muss. Ich mag Komik, die aus so einer Spannung erwächst, vielleicht weil es im Leben auch häufig so zugeht: der Boden schwankt, doch man zeigt tapfer Haltung. Ich möchte mein Leben im Griff haben, doch tatsächlich liegen viele Dinge außerhalb meiner Kontrolle. Außerdem freue ich mich sehr, wenn es uns gelingt, Geschichten schlüssig, dicht und vielleicht sogar überraschend zu entwickeln und sie zu einem stimmigen Ende bringen. Ich scheitere beim Spielen darin leider noch häufig. Aber wenn es gelingt, ist es ein echtes Glücksgefühl.
Schön am Impro finde ich, dass man seine eigenen Ideen spielt und keinen fremden Text. Und ich mag es, sich zum Spielen nicht vorbereiten zu müssen. Mein Job besteht nämlich zu 90% aus Vorbereitung, die eigentliche Moderation nimmt dagegen wenig Zeit ein.
Impro-News: Haben Sie Vorbilder? Warum und wer sind diese?
SH: Ich nehme mir jeden zum Vorbild, der so spielt, wie ich es auch gerne können würde.
Impro-News: Warum haben Sie sich entschlossen Kritiken auf Impro-News.de zu schreiben?
SH: Da kommt vieles zusammen. Zum einen ist mir Impro-Theater im letzten halben Jahr sehr wichtig geworden. Ich hatte letztes Jahr eine gesundheitliche Krise, die durchaus existenziell war. Seitdem fühle ich mich beim Impro besonders lebendig und habe viel mehr Lust als früher, auch existenzielle Konflikte im Impro-Theater darzustellen und anzuschauen. Als ich von Impro-News erfuhr, hatte ich gerade mein Projekt wieder aufgenommen, sämtliche Impro-Gruppen Berlins anzuschauen. Ich hatte das Gefühl, ich entwickle zunehmend einen Blick und ein Gespür dafür, wo Szenen funktionieren und woran sie scheitern.
Außerdem hatte ich einige Zeit davor zum ersten Mal richtig Johnstone gelesen: zum einen verstand ich jetzt endlich viele Dinge, von denen meine Trainer jahrelang geredet hatten, denn mir wurde klar, warum Johnstone darauf gekommen ist und was er genau damit meinte. Und zum anderen stellte ich fest, dass mir Johnstone aus der Seele spricht: viele Sachen, die ich beim Impro unbefriedigend fand, kritisiert Johnstone vehement. Und man sieht es doch immer wieder. Ich hatte einfach Lust, mich dazu zu äußern. Wobei ich kein Johnstone-Jünger bin. Johnstone ist sehr streng und schreibt äußerst bissig. Ich gebe zu, dass mir das einerseits sehr gefällt. Andererseits denke ich schon, dass die Welt doch etwas größer ist und Raum für viele Varianten des Impro-Theaters bietet.
Impro-News: Waren sie von den Reaktionen überrascht oder hatten sie deswegen unter Synonym geschrieben?
SH: Ich war von der deutlichen Gekränktheit mancher Reaktionen überrascht. Wahrscheinlich war ich etwas naiv. Andererseits hatte ich Gekränktheit auch befürchtet und wollte deshalb erst mal unter Synonym schreiben, weil ich wußte, daß ich mich zu manchen Aufführungen sicher auch sehr kritisch äußern würde. So groß ist die Impro-Szene nun doch nicht und ich möchte eigentlich nicht angefeindet werden. Jetzt sieht es für mich allerdings so aus, dass vor allem das Schreiben unter Pseudonym das größte Unverständnis ausgelöst hat.
Impro-News: Uns liegt noch ein Artikel von Ihnen über die Changeroos vor, den wir noch nicht veröffentlicht haben, da wir, wie versprochen, keinen mehr unter Pseudonym schreiben lassen wollen. Man kann aus dem Artikel erkennen, dass es vielleicht nicht der beste Abend der Changeroos war. Machen sie einen Unterschied bei den Gruppen, auf welchem Level der Professionalität sie spielen?
SH: Die Erwartungshaltung ist bei einer professionellen Gruppe schon etwas anders. Den Mordart-Artikel hätte ich sicher weicher formuliert, wenn Paternoster nicht eine seit Jahren spielende Truppe professioneller Bühnenkünstler gewesen wäre, sondern eine Amateurgruppe, die sich mit einem neuen Format auf die Bühne wagt. Dass ich diese konkrete Aufführung unbefriedigend fand, hätte ich allerdings auch deutlich gemacht.
Impro-News: Glauben Sie, dass die momentane Diskussion etwas für das Improtheater bringt?
SH: Ich hoffe es. Wenn die Diskussion konstruktiv verläuft, kann das Improtheater eigentlich nur profitieren. Die Themen Kritik, Qualität, Subjektivität/Objektivität, Beurteilungskriterien sind ja sehr zentral. Ich glaube, dass viele schon darüber nachdenken und auch in ihren Gruppen diskutieren. So ein Forum kann einen weiteren Beitrag dazu leisten. Meiner Überzeugung nach muss sich jeder mit solchen Themen auseinandersetzen, der sich beim Impro weiterentwickeln möchte. Das Impro-Theater als Ganzes muss sich auch solchen Fragen stellen, wenn es ernster genommen werden will. Und ich glaube, dass noch sehr viel Potential in dieser Theaterform liegt.
Impro-News: Sind sie mit der Qualität des in Berlin gebotenen Improtheaters zufrieden?
SH: Ich habe schon viele unterhaltsame und anregende Stunden im Improtheater verbracht und man sieht immer wieder hervorragende Spieler. Leider ist die Chance, eine mittelmäßige oder sogar schlechte Aufführung zu erwischen, für meinen Geschmack zu hoch. Und obwohl es schon einige unterschiedliche Konzepte gibt, ist die mögliche Bandbreite sicher noch lange nicht ausgeschöpft. Berlin ist ja immerhin ein Mekka der Kultur.
Impro-News: Werden sie weiter für Impro-News.de schreiben? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?
SH: Ich möchte sehr gerne weitermachen. Ich werde allerdings nur schreiben, solange es mir Spaß macht und solange ich das Gefühl habe, dass meine Texte auch akzeptiert werden. Dass sich mal eine Gruppe nicht adäquat dargestellt sieht, wird vielleicht passieren, dafür gibt es ja auch die Kommentarfunktion, um jederzeit etwas geraderücken zu können. Wenn mir allerdings deutliches Unverständnis entgegenschlägt und Anfeindungen sich häufen, werde ich sicher nicht auf Biegen und Brechen Kritiken schreiben. Ich muss zwar nicht von jedem geliebt werden, aber gehasst zu werden ist sicher nicht mein Ziel. Kritik kann meiner Meinung nach sehr wertvoll sein, wenn man sich nicht verletzt fühlt. Selbst wenn man die Kritik letztlich zurückweist, hat man sich auseinandergesetzt und sich damit seiner Position versichert. Aber Kritik hat auch schnell Nebenwirkungen. Gerade beim Impro kann sie dazu führen, dass man sich blockiert fühlt, und dann spielt man schlechter als zuvor. Ohne Feedback, das neben Stärken auch Schwächen benennt, wird es allerdings nicht gehen, wenn man ein hohes Niveau anstrebt.
Impro-News: Wir würden uns freuen, wenn Sie weiter schreiben und danken für das offene und interessante Interview.
Auf der Bühne
Anmerkung der Redaktion zu diesem Artikel:
Im Anschluss an die Veröffentlichung dieses Artikels gab es fundamentale Kritik aus der Improszene hinsichtlich verschiedener Aspekte dieser Veröffentlichung. Die Redaktion von Impro-News.de nimmt diese Kritik sehr ernst und wird die Kriterien für die Veröffentlichung weiterer Rezensionen diesbezüglich überarbeiten (und im Rahmen dieses Blogs auch veröffentlichen!). Wir haben uns jedoch dagegen entschieden, den folgenden Artikel im Nachhinein zu löschen, da im Zusammenhang mit den Kommentaren ein deutlich differenzierteres Bild entsteht und es aus unserer Sicht sehr schade wäre, diese dann ebenfalls löschen zu müssen. Wir möchten aber noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich bei dem folgenden Artikel um die persönliche Meinung eines unabhängigen Mitglieds der Improszene handelt, welches aus eigenen Gründen vorgezogen hat, unter einem Pseudonym zu schreiben. Wir empfehlen, neben dem Artikel auch die daraufhin erstellten Kommentare zu lesen!
von: Zwackelmann
Paternoster spielt MordArt seit Jahren. Die Vorstellungen sind oft ausverkauft. Es kann eigentlich nicht immer so mäßig sein wie am Donnerstag (04.02.10) im halbvollen BKA-Theater.
Eine unglückliche Weichenstellung gleich zu Beginn: das von der Moderatorin bestimmte Mordopfer (und der spätere Komissar) hat keinerlei Hauptrollenqualitäten. Körper, Mimik und Stimme sind eigentlich immer irgendwie gleich. Und auch sonst sprüht der Abend nicht gerade vor Tempo, Spannung und Spiellust. Es wird sehr viel rumgestanden und geredet. Die ständige Verhörsituation wirkt auf Dauer statisch. Die Figuren und Beziehungen verändern sich kaum, man erfährt wenig bis gar nichts über ihr Umfeld und ihre individuellen Geschichten.
Dabei können die Spieler natürlich Impro – sie sind aufmerksam, merken sich alles, können alles rechtfertigen. Stark die “Split-Screen”-Szenen: zwei Szenen laufen parallel, ständig werden Sätze der einen Szene von den Spielern der anderen Szene aufgegriffen und in einem anderen Zusammenhang weiter verwendet. Während in der einen Szene gesprochen wird, läuft die andere stumm weiter. Das ist sehr gekonnt und schafft eine Intensität, die dem Rest des Abends häufig fehlt.
Ein brillanter Hauptdarsteller hätte sicher einiges herausreißen können, aber ist es vielleicht auch das Konzept, das eine gute Geschichte verhindert?
Engt das Konzept zu sehr ein?
Das Mordopfer holt sich vom Publikum als Vorgaben Beruf, Hobby und eine vertraute Person, dann folgen drei Arschloch-Szenen, in der das spätere Opfer Hass auf sich zieht (die Fahrschülerin wird sexuell genötigt, der Synchron-Schwimm-Partner aus dem Team geworfen und die Ehefrau gedemütigt).
Das Publikum stellt drei Gegenstände (Indizien) zur Verfügung und bestimmt den Tatort (Schwimmbad). Vor der Show war jeder Zuschauer aufgefordert, eine Mordart auf einen Zettel zu schreiben, nun wird eine ausgelost (Erstechen).
Dann sehen wir das tote Opfer mit den Indizien (Schal um die Augen, Kondom im Mund, Damenschuh in der Hand) wie es vom Spurensicherungs-Paar gefunden wird. Die beiden sind als im weitesten Sinne komisches Paar angelegt – Frau Siefert und Frau Seifert kabbeln sich ständig (durchaus gekonnt).
Keiner kennt den Mörder
Im Laufe des Abends ermittelt nun der Komissar, der vom Opfer-Darsteller gespielt wird. Die restlichen drei Spieler sind Verdächtige, wer von ihnen Täter ist, wird verdeckt ausgelost. Weder das Publikum, noch der Komissar, noch die Mitverdächtigen wissen, wer es ist. Und das ist ein echtes Problem, wie der Kritiker vermutet:
Die drei Verdächtigen müssen bis zum Schluß alle ähnlich verdächtig bleiben, damit die “Wer war es”-Spannung nicht leidet, denn Kommissar und Publikum sollen es herausbekommen. Damit ist es aber schwierig, den Figuren und Beziehungen Dynamik zu verleihen.
In einem guten Krimi ist das “Wer war es” raffiniert konstruiert. Doch wie soll man das als Impro-Spieler leisten, wenn niemand weiß, welcher Mitspieler der Mörder ist? Fiese Fallen, Verfolgungen, Drohungen, Duelle, alles was Action und schöne Bilder liefern könnte – wie soll man es spielen, wenn keiner weiß, wer der andere ist und auch niemand es verraten darf? Tatort, Mordart und Indizien sind ja von außen bestimmt, die Schauspieler müssen das alles nachträglich in die Geschichte einführen, so, dass jeder verdächtig ist, der Täter aber einen Hauch mehr. Ja, die Spieler von Paternoster schaffen das, aber es beengt sie wohl auch. Einen schwierigen Knoten zu binden mag eine reife Leistung sein, aber möchte man das auf einer Bühne sehen?
Witze statt Action
Völlig unnötig Tempo aus der Show nehmen aber die regelmäßigen Dialoge zwischen Komissar und Pianist . Der Komissar soll wohl hier seinen Fall reflektieren, es wird aber vor allem gewitzelt und das eher flach. Sowieso verlässt sich Paternoster an diesem Abend sehr auf Gags, häufig sexuell gefärbt. Sicher lachen viele, aber wer nur still die Augen verdreht, bleibt im Dunkeln. Und muss im Altersheim unbedingt die Karikatur einer total debilen Tattergreisin gespielt werden? Wie die alte Dame in der fünften Reihe sich dabei wohl gefühlt hat?
An diesem Abend wird der wahre Täter verhaftet – wohl dadurch, dass er als einziger den Konflikt mit dem Ermordeten leugnete und regelmäßig Kondome mit Blaubeergeschmack kaufte. Schön, dass wir nun den Mord sehen, durchaus mit Spannung gespielt. Mit Ach und Krach wird auch gerechtfertigt, warum das Opfer Schal um den Hals, Schuh in der Hand und Kondom im Mund hat, doch plausibel wirkt das nicht, eher klamaukig. Sind drei Indizien vielleicht etwas viel?
Die Zuschauerin, die den Täter schon zur Pause ahnte und ausgelost wird, gewinnt Freikarten und “ein Essen zu zweit” – eine Tütensuppe.
Kann MordArt auch ganz anders sein? Der Kritiker wird sich einen zweiten Eindruck verschaffen.
Paternoster spielt MordArt jeden letzten Samstag im Monat im BühnenRausch und jeden ersten Donnerstag im BKA-Theater (im März ausnahmsweise erst am 18.)
Auf der Bühne
von: Zwackelmann
Wenn Profi-Schauspieler beim Impro spiellustig sind, macht das Zuschauen einfach Spaß. Körperausdruck und Mimik sind eine Show für sich. “Ach ja, das möchte ich auch mal können,” denkt der Amateur im Stillen und sieht Carsta Z. von Turbine William dabei zu, wie sie eine offensichtlich massiv tablettenabhängige Rütli-Lehrerin darstellt. Was ein konsequent gespielter Tick für eine Komik entwickeln kann!
Des Kritikers Fantasie geht mit ihm durch und er sieht die vier Schauspieler nicht mehr in der Märchenhütte, sondern auf einem mittelalterlichen Marktplatz. In Windeseile haben sie die Bühne aufgebaut, springen darauf und unterhalten das herbeigeströmte Volk mit flinken Späßen und derben Zoten. Der Stadtadel linst aus den Fenstern seiner Herrenhäuser und lacht mit. Wie es sich für ihren Stand gehört, rümpfen die oberen Herren aber auch gelegentlich die Nase:
Turbine William spielt an diesem Abend (01.02.10) die sexuelle Karte doch ganz schön häufig. Ist ja auch immer ein Lacher. Schlüssig zu Ende erzählte Geschichten sind nicht so wichtig. Tragische Situationen werden durchaus gekonnt eingeführt – Frau hat Kaffee des Mannes vergiftet, da kommt der Sohn herein und erzählt freudestrahlend, dass er zum ersten Mal Kaffee getrunken hat – dann wird das aber doch nicht konsequent ernst genommen. Am Schluss ist das Problem der Mutter nicht mehr, dass sie ihren Sohn vergiftet hat, sondern nur noch, dass er “vor ihren Augen” stirbt – “Stirb woanders!” Naja. (Das langsame – comichafte – Sterben des Sohnes wird dagegen wieder virtuos dargestellt.)
Am Ende ist alles Lachen und es heißt sehr häufig “das klingt nach einem Lied”. Aber warum singt vor allem der Kerl im blauen Hemd, der selten einen sauberen Ton trifft und dessen Texte kaum besser sind? An der Sangeskunst sollte noch geschliffen werden, denn die Musiker haben einiges zu bieten: unwillkürlich wendet man den Kopf – wo ist denn dieser Backroundchor? Tastenkönig Sjan zaubert ihn aus seinem Keyboard, sein Partner Peter H. an der Cajón (kubanisch-peruianische Basstrommel) steuert groovige Rhythmen bei.
Besonders ist auch die Bühne der Märchenhütte: die Spieler können ihren Kopf von oben durch das Dach stecken (z.B. als Hexe im Baum) und lassen schon mal Seifenblasen schneien. Doch obwohl alle Szenen durch “Es war einmal…” eingeleitet werden: es ist eine ganz normale Show, Märchen kommen wenig vor.
Lob verdient der Moderator Roger J.: Er ist wortgewandt, witzig, stets Herr der Lage und auch bei launigen Bemerkungen über einen abgelehnten Vorschlag (“rosa Schlüpfer”) bleibt er charmant. Der “rosa Schlüpfer” (ein junger Mann) bekam zum Abschluss übrigens den Birnen-Anstecker als “schönster Vorschlag”.
Turbine William wie die Birne spielt in verschiedenen Besetzungen an unterschiedlichen Orten, z.B. jeden 3. Samstag im Bühnenrausch, in der Märchenhütte noch jeden Montag im Februar.
Auf der Bühne
von Zwackelmann:
Genre-Replay, neutrale Szene: Das Publikum wünscht sich als Beziehung “Friseur und Frisierter”, doch bereits nach zwei kurzen Sätzen rutscht dem Frisierten die Perücke vom Kopf und was macht der Moderator? Er beendet die Szene!
Wie soll das denn funktionieren, denkt sich der Kritiker. Aber gerade durch die Kürze gelingen den Spielern von Wat’n da los und den Schnürsenkeln echte Überraschungseffekte, skalpieren bei “Horror” den Kunden mit einer Hebelkonstruktion und lassen bei “Bollywood” die Hüften kreisen.
Die Show im völlig überfüllten Saal des Theaterdocks ist auf sympathische Weise unterhaltsam, kommt ohne ständiges Morden oder wiederkehrende Sexualitäten aus. Moderator Felix wirkt angenehm entspannt und seine gelegentliche Unbeholfenheit macht ihn nur noch sympathischer. Hier schafft die kleine Unprofessionalität tatsächlich Authentizität. Schön selbstironisch die Bemerkung: “Sie denken sicher, jetzt kommen die albernen Aufwärmübungen, die beim Impro-Theater üblich sind – und genau die machen wir jetzt.”
Wat’n da los tritt seit einigen Jahren regelmäßig auf und die Spieler fühlen sich auf “ihrer” Bühne sichtlich zu Hause. Die Gäste von den Schnürsenkeln dagegen spielen nur sporadisch vor Publikum und tapsen nicht gerade wie geborene Siegertypen auf die Bühne. Doch die leicht hängenden Schultern, das etwas Nerdartige ihres Auftritts erweist sich überraschend als Ressource: umso größer der Kontrast, wenn sie dann als Metal-Rocker explodieren und unschlagbar die Wirkung, wenn sie wirklich einen Nerd darstellen, wie am Freitag (29.01.10) einen völlig gehemmten Physik-Professor.
Ein echtes Highlight war der Bananensong der Wat’n-da-los-Damen: leicht, verspielt, melodisch, sehr musikalisch gesungen, sogar mehrstimmig, ja, einmal sogar kurz polyphon. So etwas hört man selten, schon gar nicht bei Amateuren, dabei singt Susanne sonst nur “unter der Dusche”. Ihre Partnerin war gar eine Aushilfe aus Österreich, die beiden sangen zum ersten Mal zusammen.
Konsequent erzählte Geschichten wurden eher nicht geboten, doch es war eben eine Spieleshow, bei der die Effekte im Vordergrund standen. Hier zu kritisieren hieße kleinkariert sein, so nur der Hinweis, dass die Impro-Welt noch auf eine Darstellung von Kindern wartet, die die lieben Kleinen nicht nur zu Karikaturen verzerrt. Und Türkisch besteht nicht nur aus Üs. Dass die Punktevergabe etwas chaotisch verlief störte nicht wirklich, im Gegenteil:
Schiedsrichterin: “Ich würde sagen, wir machen 3 zu 2, dann haben wir nämlich Gleichstand vor der Pause.”
Moderator (lächelnd): “Es ist üblich, dass man so etwas macht, nur sagt man es dem Publikum eigentlich nicht.”
Wat’n da los spielt immer am 29. eines Monats im Theaterdock der Kulturfabrik Moabit (im Februar aber am 28.)
Die Schnürsenkel treten sporadisch an unterschiedlichen Orten auf.
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