Die Impronale in Halle 2014

von macro:
HALLE/SAALE- Vom 27.-30. November fand in Halle zum 12. Mal die Impronale statt. Das Festival für Improvisationstheater begann am Donnerstag mit einem Maestro. Unter der Regie von Nadine Antler und Shawn Kinley wurde das Format von Keith Johnstone gezeigt.

Die Workshops

Am Freitag beginnt morgens der Workshopteil, der sich am Samstag fortsetzt. Die Workshopräume sind in der Stadt verteilt, jedoch zum Mittag und Abendbrot treffen sich alle in der Uni-Mensa, wo ein extra Impronale-Raum für die Essensversorgung bereit steht. Das ist ein großartiger Ort des Austausches, es vermischen sich die Spielerinnen und Spieler und es ist die kreative Energie spürbar.

Impronale Workshop
Impronale Workshop mit Michael Wolf (Foto: Markus Scholz)

Am Sonntag morgen schließt der Workshopteil mit einer Werkschau ab. Dabei werden zum Teil Arbeitsweisen der vergangenen 2 Tage präsentiert – wie die Workshops von Marko Mayerl oder Verna Lohner oder Steve Jarand – oder ein kurzes Stück vom Workshop von Michael Wolf. Gerade der letztgenannte Workshop mit dem Titel „Die Sau, die dreckige – Improvisieren im Stile von Rainer Werner Fassbinder“ zeigte beeindruckend, was in 2 Tagen alles möglich ist. Es wurden danach sehr intensiv Fragen an den Workshopleiter wie auch die Teilnehmer gestellt, die den Umgang mit harten Themen als Schauspieler thematisierten. Ebenso kam hier der Fassbinder-Ansatz der Bewertungslosigkeit des Spiels zur Sprache, ein Gegenentwurf zum Ansatz von Brecht. Hier wird die Bewertung ausschließlich dem Zuschauer überlassen. Es war ein wirklich spannendes und interessantes Ende der Impronale.

Der Improkal

Zum Improkal-Wettbewerb wurden 5 Formate eingeladen, die in einer jeweils einstündigen Show sich auf der großen Bühne im Puschkinhaus zeigen konnten. Das Publikum wurde direkt nach jeder Show dazu aufgefordert, aus dem Bauch heraus Schulnoten zum Gesamteindruck, zur Formatidee und zur Umsetzung auf Abstimmungszetteln zu vergeben.

„Faces of me“ – Schmidt`s Katzen und Jim Libby, Musik: Joe Weis

Faces Of Me (Foto: Markus Scholz)
Faces Of Me (Foto: Markus Scholz)

„Faces of me“ hat eine Hauptheldin, die gemeinsam von den 3 Katzen aus Hildesheim – Hannah Lerch, Kirsten Schmidt und Nele Kießling verkörpert wird. Dabei übernimmt jede Spielerin eine Facette der Figur – Beruf und Karriere, Liebe und Familie. Alle anderen Rollen des Stückes verkörpert Jim Libby aus Wien.
Die einzelnen Facetten wurden etwas wählerisch abgefragt. Um so verwunderlicher, das dabei eine überzeichnete Frau als polyamoröse Pastorin mit 2 Kindern heraus kam. Nachdem zu Anfang noch jede Facette in einzelnen Szenen dargestell wurden, begann nach und nach auch Interaktionen zwischen den Persönlichkeitsteilen. Szenen wurden übernommen, als Chorus wurde kommentiert und Haltungen in starke Bilder umgesetzt. Die männlichen Charaktäre waren für mich schwierig zu unterscheiden, wurden aber sehr gut und schnell definiert. In Sachen Orginalität und Frische des Formates war „Faces of me“ für mich

der stärkste Beitrag.

„Im Sinne von Brecht“ – Theater ohne Probe, Musik: Joe Weis

Im Sinne von Brecht  (Foto: Markus Scholz)
Im Sinne von Brecht (Foto: Markus Scholz)

Das Theater ohne Probe (ToP) aus Berlin brachte Episches Theater im Sinne von Brecht auf die Impro-Bühne. Ilona Lentz, Susanne van Dyk, Felix Engelmann und Thomas Jäkel (und Manou Voigt sehr gut am Licht) spielten nach den Vorgaben „Eingefrohrene Eier“ und „Landflucht“ ein Stück, das sich bewusst mit aktuellen Themen auseinandersetzt. Denn Brecht wollte Theater, das Menschen zum aktiven Denken anregt – schon während der Vorstellung. Dafür schuf er die Mittel der Verfremdungseffekte. Die Handlung wird dabei durch Kommentare oder Lieder so unterbrochen, dass beim Zuschauer größtmögliche Klarheit entsteht. Dadurch wird eine kritische Distanz durch Erkenntnis zum Dargestellten vermittelt. Zum Beispiel wurden eingewanderte Landarbeiter als dumm beschimpft, Thomas Jäkel trat aus der Figur heraus um klar zu machen, das es sich hierbei um ein unwahres Klischee handelt und wartete mit echten Zahlen zu dem Thema auf, um dann zurück in der Rolle sich wieder des Klischees zu bedienen.
Das Spiel der ToPs war intensiv, die Story sowohl sehr unterhaltsam als auch sehr spannend an den Themen entlang. Nach diesem Stück hatte jeder im Zuschauerraum tatsächlich eine Meinung oder wenigstens einen Diskussionsansatz. Schade das sie in Halle auf die sonst folgende Diskussion mit dem Publikum verzichteten – denn das macht das Format aus. Theater das etwas zu sagen hat und auch direkt in den Diskurs mit dem Publikum geht. In Aufführungen davor sind oft intensive Diskussionen über die Inhalte entstanden. Großartig wenn Improtheater so etwas schafft. „Im Sinne von Brecht“ war insgesamt mein persönlicher Favorit.

„Improkrimi – Ein-Mann-Kriminalstück“ – Maël Stocker, Musik: Joel Kuster

Improkrimi – Ein-Mann-Kriminalstück  (Foto: Markus Scholz)
Improkrimi – Ein-Mann-Kriminalstück (Foto: Markus Scholz)

Der Improkrimi ist ein Solo von Maël Stocker aus Luzern, begleitet an der Gitarre von Joel Kuster. Nach einigen Abfragen zu Ort, Tatwaffe und Transportmittel und einer kurzen Pause untermalt von Gitarrenklängen in der sich Maël Notizen macht geht es los. Maël nimmt live 3 Videos mit einem Smartphone auf, in denen er eine Hälfte eines Gespräches spricht und Pausen für die Antworten lässt. Auf einer Tafel hält er mit Kreide dabei entstehende Einzelheiten und Namen fest – das bildet auch ein sehr schönen Bühnenbild.
Maël Stocker beginnt die Geschichte als Erzähler, führt Personen ein und springt bei Dialogen oft zwischen den Ankerpositionen hin und her. Soundeffekte werden von Joel mit der Gitarre sehr eindrucksvoll umgesetzt. Zwischenzeitlich werden die aufgenommenen Videos abgespielt und nun live die zweite Person eingesprochen, was gut funktioniert. Hier wird das Solodasein auf der Bühne durchbrochen, es kehrt sogar so etwas wie Ruhe ein. Die sehr textlastige Show wirkt an vielen Stellen fahrig, die Charaktere haben wenig Raum, Beziehungen zueinander zu knüpfen. Das liegt zum Teil sicher auch am Krimiformat, das schwerer für die Bühne ist als oft vermutet. Der Kontakt zum Publikum stellt sich nicht so sehr ein, vielleicht ist es für einen so großen Saal dann auch nicht so geeignet. Für mich ist die positive Erkenntnis, dass die Nutzung von Videoeinspielern ähnlich wie bei Jacob Bannigans Solo „Game of Death“ ein sehr spannendes Stilmittel darstellen.

„Moyo“ – Shawn Kinley, Nadine Antler und die Workshopteilnehmenden, Musik: Joe Weis

Moyo (Foto: Markus Scholz)
Moyo (Foto: Markus Scholz)

Nadine Antler aus Würzburg und Shawn Kinley aus Calgary, Kanada haben sich auf die Suche nach universellen Geschichten des Lebens gemacht und daraus ist die Idee zu „Moyo“ entstanden. Zusammen mit den Teilnehmern ihres Workshops arbeiteten sie 2 Tage, um das Format als Weltpremiere zu präsentieren.
Ein Hauptstilmittel war die häufige Zuschauerinteraktion. Nach erst saalweiten Fragen per Mikrophon stürmten die 12 Spieler los und interviewten Zuschauer. In einer Art Zeitstrahl, gesteuert von der Laufrichtung und Geschwindigkeit von Nadine Antler spielten Paare Stories inspiriert von den Publikumsgeschichten auf einer Ebene und wechselten untereinander den Focus – oder Nadine zoomte in die Geschichte hinein und wir sahen mehr davon. Ein wirklich visuell und spielerisch superschönes Format. Es folgten weitere Teile – die den Lebenszyklus abdecken sollten – Kindheit, Erwachsen und Alter. Dabei wurde immer wieder das Publikum geschickt eingebunden. So sahen wir z.B. den ersten und den letzten Kuss eines Paares.
Manches war sehr emotional, und bei solchen Betrachtungen über das gesamte Leben mischt sich immer ein wenig Pathos. Auch war vielleicht der Anteil des Spieles durch das viele Abfragen schon etwas geschrumpft. Nachdem schon im letzten Jahr die „Show of the Dead“ mit Workshopteilnehmern brillierte, ist auch „Moyo“ ein klarer Beweis dafür, das dieses Konzept unbedingt weiter bestehen bleiben soll.

„No Exit“ – Matthieu Loos, Marko Mayerl und Lee White, Musik: Joe Weis

No Exit (Foto: Markus Scholz)
No Exit (Foto: Markus Scholz)

Das Allstar-Team mit den Improkal Vorjahresgewinnern Matthieu Loos, Lyon und Marko Mayerl, Straßburg/Frankreich schlossen sich mit Lee White, Winnipeg/Kanada zusammen für das Format „No Exit“. Inspiriert vom Drama „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre spielt diese Improlangform nur an einem Ort. Es gibt keine Schnitte, keine Zeitsprünge, keinen Ausgang – eine durchgängige Szene entwickeln sich die Charaktere und ihre Beziehung zueinander und deckt Mechanismen auf, sich selbst zu belügen. Die Drei lassen sich vom Publikum auf das Dach eines Wolkenkratzers versetzen und zelebrieren dort einen Geburtstag, in dem ihre Wünsche für das kommende Jahr analysiert werden. Die Szene baut sich langsam auf. Gerade Lee White versteht es die Spannung im richtigen Moment wieder anzuziehen. Obwohl die Szenerie sperrlich und wenig Bewegung auf der Bühne ist, hat alles Spannung. Aus meiner Sicht die stärkste schauspielerische Leistung. Die Herzen des Publikums hat „No Exit“ voll erobert. Dafür bekamen sie vom charmanten Impronale-Moderator Oliver Rank den in Form eines Puppenkleides eigenwillig gestalteten Improkal überreicht.

Es war wieder ein wirklich schönes Festival. Eine tolle Organisation, inspirierende Spieler und schöne Shows – danke Halle. Gerne wieder.

Mehr Infos:
Impronale-Webseite
Fotos von Workshops und Aufführungen von Markus Scholz auf Flickr
Fotos vom Maestro von Marcus-Andreas Mohr auf dem mam-foto-blog.

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Mirko 'macro' Fichtner schreibt seit 2011 für Impro-News. Er ist Mitglied bei 4gewinnt und Mitorganisator des Berliner Impro Marathon. Webseite: macrone.de
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