Impro 2015: Die Hoffmanns 1990

von macro:
BERLIN – Am 20.3.2015 gab es den nun schon fünften Teil der Hoffmanns-Familiensaga. Wir befanden uns im für die Stadt spannenden Jahr 1990 direkt nach dem Fall der Mauer. Die immense Vorgeschichte der Familie wurde auf zwei A4-Seiten jedem Zuschauer vorher überreicht und ein Stammbaum hing im Foyer des English Theater.

Die Hoffmanns 1990: Alan Cox, Lara Mottola, Mike Fly, Inbal Lori
Die Hoffmanns 1990: Alan Cox, Lara Mottola, Mike Fly, Inbal Lori

Naomi Snieckus (The National Theatre of the World, Toronto), die Regisseurin für Teil 5 und 6 ließ vom Publikum die Spieler für die jetzt lebenden Hoffmanns bestimmen: Hilde Hoffmann wurde von Lara Mottola (Quinta tinta, Turin) gespielt, Alan Cox (The School of Night, London) war Hildes Bruder/Onkel Karl, Hildes Kinder wurden Mike Fly (Toronto) und Inbal Lori (Three Falling, Tel Aviv). Ebenso wurde das Publikum zu diesem Jahr nach Ereignissen, Musik, Erfindungen u.ä. befragt.

Marko Mayerl, Inbal Lori, Robert Munzinger, Felipe Ortiz
Marko Mayerl, Inbal Lori, Robert Munzinger, Felipe Ortiz

Es wurde wieder in Kostümen gespielt, diesmal auch mit Garderobe an der Seite zum schnellen umziehen nach Bedarf. Der Sonderpunkt für die mutigste Kleidung ging dabei an Felix Raffel (Die Gorillas, Berlin), der am Piano mit einem Trikot der Fußball-Nationalmannschaft begleitete. Ähnlich wie in der von mir gesehenen Show Die Hoffmanns 1925 wurde mit einer zweigeteilten Bühne gearbeitet. Fokuswechsel waren das Häufigste Schnittmittel, die Szenenübergänge waren sehr organisch und flüssig.

Marko Mayerl
Marko Mayerl als Elfmeterschütze im WM-Finale 1990

Das Stück als gesamtes funktionierte im Gegensatz zu 1925 diesmal nicht so gut. Das initiale Angebot von Hilde, das Haus zu verkaufen, was sicherlich storytechnisch viel Potential entfalten könnte, wurde nur halbherzig auf die Auswirkungen der Familie untersucht. Es war Thema vieler Szenen, in denen wir kaum mehr über die Beziehung zwischen den Personen erfuhren und es mehr ein Abarbeiten am Plot war. Einige Nebenplots entwickelten mehr Kraft. Hildes Freund Felipe Ortiz (Picnic, Bogota) und ihr Sohn Matthias waren auf einer Technoparty (toll anzusehen) mit Afterhour auf einem Kreuzberger Dach bevölkerten Robert Munzinger (Die Gorillas, Berlin), Marko Mayerl (inédit théâtre, Straßburg) Maja Mommert (frei.wild, Berlin) und trafen dort auf den grummeligen Bewohner Lee White (Crumbs, Winnipeg). Eine Anti-George W. Bush-Demo geriet zum Desaster, als von diesem Dach Hildes Sohn Matthias mit einem Steinwurf einen Polizisten schwer verletzt. Im weiteren Verlauf ist hier vor allem Robert Munzinger stark, der sich berühren und uns teilhaben lässt, wie seine Figur zerbricht.

Hoffmanns 1990: Robert Munzinger, Inbal Lori
Hoffmanns 1990: Robert Munzinger, Inbal Lori

Lee White mit klar definiertem Want seiner Figur, der aufmerksam supportende Marko Mayerl oder die darstellerischen und physischen Fähigkeiten von Felipe Ortiz sorgen für schön anzusehende einzelne Szenen. Ebenso nehmen wir am WM-Final-Elfmeter teil, den die Hoffmanns im TV schauen. Viel an dem plotlastigen Stück scheint diesaml kopfgesteuert, ein*e Spieler*in spielt seine*ihre Idee, es wird nicht unbedingt Zug um Zug gemeinsam aufgebaut. Durchbricht dieses Muster, entsteht pure Schönheit – wie bei einer stockenden Flirtszene zwischen Karl und Siri (Beate Fischer, Theatersport Berlin), die Marko Mayerl als wuselnde Emotion in Gang und so die Liebe in des Stück bringt. Die beiden setzen dann auch den dramatischen Endpunkt mit dem Tod Karls und der Gänsehaut bereitenden Verzweiflung Siris.

Hoffmanns 1990 Mike Fly, Felipe Ortiz, Robert Munzinger
Mike Fly, Felipe Ortiz, Robert Munzinger

Gedanken zu den Hoffmanns

Das Konzept war mutig. Die Saga war klar das Zentrum des diesjährigen Festivals und es war ein Experiment. Sechs Shows sind auch ne ganze Menge. Ich hab mich vielen Zuschauern unterhalten – die häufigste Frage dieses Jahres war: Welche Jahre hast du gesehen? Wie es mir aus Erzählungen scheint, waren die Ensemble-Übergangsjahre am schwierigsten, also 1955 und 1990. Das Ensemble bekam unglaublich viel Informationen und Vorgaben, die sie sich erst zueigen machen mussten.

Die Nennung der konkreten Jahreszahl setzte die Erwartung an geschichtliche Daten hoch – was in der Improvisation schnell an die Leistungsgrenze für die Spieler kommt. Letztlich ist das Behaupten ja eine Spielqualität, die mit Fakten stark kollidiert. Im Nachhinein regte es zu Diskussionen an, was war falsch, was war richtig. Ich erfuhr einiges über die 20er Jahre in Berlin und unterhielt mich über Computer und Musik 1990. Und damit schafft das Stück etwas Wesentliches, was über den Moment hinausgeht.

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macro

Mirko 'macro' Fichtner schreibt seit 2011 für Impro-News. Er ist Mitglied bei 4gewinnt und Mitorganisator des Berliner Impro Marathon. Webseite: macrone.de
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