Impro 2013: Game of Death – brilliantes Solo von Jacob Banigan

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Game of Death Jacob Banigan Solo

BERLIN – Jacob Banigan zeigte am Sonntag, den 17.03.2013 seine Solo-Impro-Show im Kreuzberger Ratibortheater. Der düstere Titel „Game of Death“ gepaart mit Ankündigung von Tarotkarten ließ eine mystische und unheilvolle Vorstellung erahnen – und das könnte für die Aufführung falscher nicht sein.

Jacob Banigan, geboren in Canada und seit längerem im Theater im Bahnhof Graz tätig, spielt seit 20 Jahren Impro und war schon bei der ersten IMPRO mit dabei. In Berlin war er als Partner von Jim Libby mit der Rocket Sugar Factory des öfteren zu erleben.

Ertönt der Wecker, betritt der Tod die Bühne

Jacob nimmt sich am Anfang viel Zeit, die sehr komplexe Mechanik seines Soloformates zu erklären. Inspirationsgrundlage des Abends ist ein französchisches Tarot-Kartenspiel. Das Publikum zieht Karten und wird nach Assoziationen gefragt, ca. 10 Begriffe festigen sich auf die ersten gezogenen Tarot-Karten „Sterne“ und „Brief“. Eine dritte Karte läßt Bühnenassistent Felipe Ortiz (PICNIC, Bogota) wählen, die erst einmal unsichtbar für Jacob bleibt. Eine weitere Karte trägt die Nummer 16. Ein Kurzzeitwecker wird auf 16 Minuten gestellt. Ertönt er, betritt der Tod die Bühne und nimmt einen der Charaktäre mit sich. Als Zeitraum-Einheit für die 16 wird das Jahrhundert bestimmt. Mit einem Globus wird der Ort der Handlung ins mittlere China gelegt.

DJ Hunnicutt (The CRUMBS, Winnipeg) spielt eine traditionelle chinesische Flötenmusik an, die dann sofort aufgegriffen wird. Ein flötespielender Meister wird von dem jungen Ping gefragt, ob er gegen alle Tradition Künstler werden darf statt Metzger, wie es seine Familie will. Eine klassische Heldenreise beginnt. Dabei treten in kurzer Zeit unglaublich viele Charaktäre auf. Banigan nutzt dafür den gesamten Bühnenraum, um jeden neuen Charakter ganz unterschiedlich zu verorten und mit eindeutiger Mimik, Gestik und Sprache unterscheidbar zu halten. Gerade das präzise Wiedererscheinen jeder einzelnen Bühnenfigur exakt an dem gleichen Bühnenort macht es für den Zuschauer leichter – und vermutlich auch für den Spieler. Die etwa 20 verschiedenen Bühnenfiguren sind dabei alle äußerst klar und liebevoll ausgespielt. Das Publikum taucht ein in die diversen Charaktäre, häufig gehörte “Hach”-Laute sprechen für sich.

Mit einer unglaublichen Leichtigkeit treibt Banigan die Geschichte voran. Nach genau 16 Minuten stirbt Pings Vater einen dramatischen Bühnentod, der die Ordnung des Dorfes aus dem Gleichgewicht bringt. Das Läuten einer Glocke durch einen Zuschauer deckt später die dritte Tarot-Karte auf. Diese Karte – die „Maus“ – birgt dann die Lösung der Geschichte in sich, die Handlungsstränge werden stimmig und folgerichtig zusammengeführt.

Perfektes Zusammenspiel zwischen Musiker, Licht und Spieler

Game of Death Teil 1 des Gespräches wird gefilmtNicht unerwähnt soll hier DJ Hunnicutt bleiben, der viel Einfluß auf die Geschichte mit seiner Wahl passender Untermalung wie auch handlungstreibender Musik nahm – ein perfektes Zusammenspiel zwischen Musiker und Spieler. Ebenso schaffte es der Lichttechniker, viele Akzente zu setzen, um die weiten chinesischen Landschaften, Bambuswälder, Tageszeiten und Stimmungen im Dorf unterstützend zu malen. Es machte die gesamten Szenerie sehr intensiv erlebbar. So gab es Standing Ovations schon zur Pause.

Das Ganze hat etwas von einem Zaubertrick

Die zweite Hälfte beginnt mit zwei Tarot-Karten und dazugehörigen Inspirationen – der „Vogel“ und das „Mädchen“. Felipe Ortiz zeichent nun live mit einer Videokamera Jacob Banigan bei einem bruchstückhaftem und etwas rätselhaftem Gespräch auf. Dann wird per Leinwand und Beamer dieses Video eingespielt und Jacob spielt und spricht die fehlende Hälfte in den laufenden Film. Dabei entspinnt sich ein sehr emotinales Gespräch zwischen einem als Vogelkundler arbeitenden Vater und seiner Tochter. Nun ergibt die Erste, zum damaligen Zeitpunkt noch für das Publikum lückenhafte Performance plötzlich Sinn. Es passt an vielen Stellen unglaublich gut, Video und Schauspieler spielen gekonnt und inspiriert zusammen. Ich sah etliche Zuschauer ungläubig mit offenem Mund das Bühnengeschehen verfolgen. Das Ganze hat etwas von einem Zaubertrick, man weiß nicht genau wie das geht, und das macht es magisch. Viele im Raum werden sich ertappt haben beim Spekulieren, wie das wohl gemacht wurde.

Bei jedem Läuten der Glocke wechselte die Bühnenfigur

Game of Death VideoszeneDie nächste Szene: zwei weitere Tarot-Karten wurden gezogen, der „Ring“ und der „Berg“. Neben den allgemeinen Assoziationen kommt eine erlebte Geschichte aus dem Publikum, in der eine Frau in einer Seilbahn zwei Stunden gefangen war, weil der Strom abgeschaltet wurden. Das bildete das zentrale Motiv der Geschichte.

Ein weiteres Land wurde gewählt – Honduras, was Spanisch als Sprache festlegte. Bei jedem Läuten der Glocke durch einen Zuschauer wechselte Jacob seine Bühnenfigur. Es entspann sich eine wundervolle Szene mit plastischen Charaktären. Das komplette Spiel in der Spielsprache Gibberisch (bzw. Grammelot – beide Bezeichnungen meinen das Gleiche) zeigte, wie unabhängig von Worten große Geschichten funktionieren können. Banigan besticht durch seine Körpersprache und seinen Ausdruck, die über der Sprache steht. Er ist dabei in der Lage, spannend, witzig und klar eine komplexe Geschichte lebendig werden zu lassen.


Video: Stephan Holzapfel-Sander

Nicht enden wollender Applause, Standing Ovations, Fußgetrampel und Bravo-Rufe bezeugten, wie sehr das Publikum und ich hingerissen war von diesem Abend. Jacob fand zum Abschluß noch sehr warme Worte zum Festival und der Unterstützung des Publikums für die Improvisationskunst. Dieser Auftritt wird lange in Erinnerung bleiben – es war nicht unheilvoll und mystisch, es war brilliant und magisch.

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Mirko 'macro' Fichtner schreibt seit 2011 für Impro-News. Er ist Mitglied bei 4gewinnt und Mitorganisator des Berliner Impro Marathon. Webseite: macrone.de
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