IMPRO 2011: Ist Improtheater mehr als Comedy?

von Stephan Holzapfel:

Am Sonntag (20.03.11) fand im Rahmen des Improfestivals eine Podiumsdiskussion im Ratibor-Theater statt, Titel war „Improvisationstheater – Eigenständige Theaterform mit Zukunft oder amüsante Sketche?“

Ich habe versucht, die wichtigsten Aussagen und einige interessante Details zusammenzufassen. Außerdem besteht hier die Möglichkeit, die gesamte Diskussion nachzuhören. In der ersten Stunde diskutierte das Podium, in der zweiten durften sich auch die Zuschauer mit Fragen einbringen.

[audio:http://www.berlinimpro.de/Diskussion200311ganz.mp3|
titles= Mitschnitt Podiumsdiskussion]

[Link zur Audiodatei]

Es diskutierten:

Christoph Jungmann von den „Gorillas“

Beatrix Brunschko, Leiterin des Bereichs Improtheater beim „Theater im Bahnhof Graz“

Tanja Knauf, Perfomance-Künstlerin

Friedhelm Teicke, Leiter des Bereichs Bühne beim Stadtmagazin „Zitty“

Randy Dixon, künstlerischer Leiter von „Unexpected Productions“ aus Seattle, USA

Theatersport ist Popmusik

Zuschauer beim Theatersport Berlin Admiralspalast
Theatersport, seit 15 Jahren erfolgreich in Berlin - Foto: Thomas M. Jauk

Einig waren sich bei der Diskussion alle Beteiligten, dass Improtheater mehr sein kann als Comedy und auch mehr sein sollte. Randy Dixon verglich Comedy-Impro mit Popmusik, sie sei überall, aber Musik sei eben noch viel mehr. Besonders Friedhelm Teicke beschrieb das Problem, dass Impro für das Publikum vor allem mit Comedy verknüpft sei, bedingt durch Fernsehformate wie „Schillerstraße“ aber auch durch den Impro-Alltag, der sehr stark von Gruppen bestimmt sei, die Spiele-Shows machten. Er wünschte sich mehr Risikobereitschaft von den Spielern.

Auch Beatrix  Brunschko forderte die Bereitschaft zum Risiko, das auch die Möglichkeit echten Scheiterns mit einschließt, Scheitern, dass nicht lustig ist. In ihrem Ensemble komme immer dann Unzufriedenheit auf, wenn sie merkten, dass sie zu routiniert spielten, sich nur auf das verliessen, was sie sicher könnten. Dann würde es Zeit für neue Aufgaben. Sie berichtete, dass längere Formen im Kommen seien und sehr viele Gruppen, mit denen sie Workshops mache, schon längere Formate im Programm hätten.

Christoph Jungmann sah die Entwicklung weniger positiv, er bemerke zwar auch das starke Bedürfnis vieler Amateure nach längeren Formen, dafür würde es dann aber am schauspielerischen Handwerkszeug mangeln, er rät diesen Gruppen, lieber bei den Spiele-Shows zu bleiben. Randy Dixon sah in diesem Punkt aber auch die Profis in der Verantwortung, in Seattle würden sie z.B. Schauspiel-Kurse für Improspieler anbieten.

Ob kurze oder lange Formen  – die Haltung ist wichtig

Randy Dixon
Randy Dixon auf der IMPRO2010 - Foto Impro-News

Spieler, die ohne Spiele keine Szene entwickeln könnten, würde er nicht unbedingt als Improspieler bezeichnen, eher als Spiele-Spieler. Für ihn liege der Unterschied nicht so sehr in kurzen oder langen Formen, sondern in der Haltung. Randy Dixon erzählte, dass er einen Kurs in „Serious Improvisation“ gegeben habe, aber unterrichtet hätte er wie immer, auch Spiele, nur der Name des Kurses war anders. Die Schüler hätten jedoch auf Grund des anderen Kurstitels solidere, ernsthaftere Szenen zu Stande gebracht und nicht so sehr nach Lachern gesucht. Randy Dixon meinte, dass wir mehr Gruppen brauchten, die sich mit einer ernsthafteren Art Impro auseinandersetzten, dazu müssten die Gruppenmitglieder aber tiefer in die Gruppenarbeit einsteigen, am „Groupmind“ arbeiten.

Theatersport sei für ihn dagegen „Personality Improv“, man würde sich nicht wirklich an die Szenen und noch nicht einmal an die Gags erinnern, sondern denken, „der Typ war wirklich lustig“ oder „der konnte gut singen“. Wenn eine Gruppe intensiver daran arbeiten möchte, im Moment zu sein und ernsthafter zu spielen, sei es allerdings notwendig, dass alle Gruppenmitglieder es wirklich wollten, sonst würde es sehr schwer.

Enttäuschendes Deutschland?

Christoph Jungmann fand, dass die entscheidenden Impulse aus dem Ausland kämen. Als die Gorillas vor 1 ½ Jahren die Deutsche Impromeisterschaft veranstalteten, sei er von den Shows ziemlich enttäuscht gewesen, er zeigte sich hingegen begeistert von der Strindberg-Show des schwedischen Ensembles.

Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner
Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner - Fotos: Gorillas

Wie die Versuche der Gorillas, im Stile von Georg Büchner zu improvisieren, zu beurteilen sind, darüber gäbe es bei den Gorillas selbst sehr unterschiedliche Ansichten, erzählte Jungmann. Er fand die bisherigen Versuche zu dicht am Original-Drama „Woyzeck“, es seien dann doch sehr einfache Dialogzeilen und sehr einfache Erklärungen der Charaktere entstanden. Ihn würde vor allem eine Übersetzung der Büchner-Geschichten ins Heute interessieren, er meinte, die Gorillas seien da noch sehr am Suchen. Friedhelm Teicke lobte aber ausdrücklich die früheren Versuche der Gorillas, im Stile Fassbinders zu improvisieren.

Die Erwartung des Publikums

Randy Dixon erzählte, dass die Theatersport-Shows seines Ensembles ein anderes Publikum hätten als ihre „ernsthafteren“ Formate. Das Publikum des einen Show-Typs sei überwiegend nicht an der jeweils anderen Art Impro interessiert. Das Publikum sei „trainiert“, es wisse, was es in den jeweiligen Shows erwarte.

Bei der Konzeption eines Formats leite Randy Dixon die Frage, was das Publikum erleben soll. Viele Interaktionen in den Shows basierten auf dem Leben der Schauspieler oder des Publikums, bei einer Show sind z.B. die Zuschauer eingeladen, auf die Bühne zu kommen, ihre Narben zu zeigen und zu erzählen, wie sie sie bekommen haben. Auch der Rest des Publikums sei dadurch beteiligt, da sie dabei an ihre eigenen Narben und Erlebnisse denken würden. Das Publikumserlebnis  wird dann jedoch nicht einfach nachgespielt, sondern in die „Sprache des Theaters“ übersetzt. Eine alberne Geschichte führt dabei manchmal zu einer ernsten Szene, ein „schweres“ Erlebnis umgekehrt schon mal zu einer leichteren. Laut Randy sollte man nicht nur komisch oder nur ernst sein, der zentrale Begriff seiner Philosophie sei „variety“ (Vielfalt, Abwechslung).

Die Beschränkungen beim Impro liegen für ihn nicht beim Publikum, sondern bei den Schauspielern. Was z.B. oft passiere sei, dass eine Szene bei einer Theatersport-Show abstrakter würde und die Schauspieler dächten, dass sei nicht Theatersport und das Ganze durch einen Witz zerstörten. Randy Dixon meinte, nur beim Impro könne man Ereignisse des Tages schon am selben Abend auf die Bühne bringen und fragte sich, warum das nicht öfter gemacht wird.

Improtheater an der Schauspielschule

Christoph Jungmann wunderte sich, warum so wenige junge Schauspieler sich zusammen tun und Impro spielen. Tanja Knauf sah das Problem in den Schauspielschulen, in denen Improvisation zur Rollenentwicklung benutzt, aber nicht als eigenständige Theaterform gelehrt werde. Randy Dixon bestätigte, dass viele Schauspieler ihm erzählt hätten, dass sie Improvisationsübungen an der Schauspielschule gemacht hätten, was sie nicht so spannend gefunden hätten.

Beatrix Brunschko unterrichtet auch an der Schauspielschule in Graz und erzählte, dass dort eine Improvisation inzwischen zur Diplomprüfung gehöre. Und zwar eine wirkliche Improvisation. Bis vor kurzem mussten die Kandidaten bei der Aufnahmeprüfung nämlich 3 Rollen und eine Improvisation vorbereiten (!).  Als Beatrix Brunschko sich irgendwann traute, den Professoren zu sagen, dass eine Improvisation, die man vorbereiten könne, keine sei, gaben sie zu, sich damit nicht auszukennen („Wir können das nicht, das müssen dann Sie machen“).

Friedhelm Teicke von der „Zitty“ sah eine zunehmende Nutzung von Improvisation für das herkömmliche Theater zur Stückentwicklung. Christoph Jungmann erzählte wie mal in München ein namhafter Regisseur die Schauspieler in einem Stück ein paar Minuten improvisieren ließ, was ein enormes, positives Medienecho ausgelöst hätte, sehr zum Ärger der Münchner Improtheaterkollegen, die so etwas seit Jahren machten und weder diese Aufmerksamkeit noch Anerkennung bekämen.

Die Medien haben Probleme mit dem Improtheater

Randy Dixon und Friedhelm Teicke beschrieben beide, dass die Medien Probleme mit dem Improtheater haben, weil jeder Abend anders sei und man deshalb keine Besprechungen machen könne. Friedhelm Teicke erwähnte die große Konkurrenz der Angebote in Berlin und man müsse eben auch immer sehen, was neu und frisch sei und Improtheater sei für viele Medienleute etwas, worüber man schon viel geschrieben habe und was nicht mehr so aktuell sei. Randy Dixon beschrieb die Vorteile der sozialen Netzwerke im Internet, durch die sie nun weniger abhängig von der Presse seien.

Die Frage aus dem Publikum, ob Improtheater nicht auch etwas fürs Internet wäre, wurde im Prinzip bejaht, Beatrix Brunschko sah eigentlich keine Grenzen, Tanja Knauf gab aber zu bedenken, dass es schon wichtig sei, dass Spieler und Publikum gemeinsam den Moment teilten, sonst würde das Besondere, das man anzubieten habe, gefährdet. Randy Dixon erwähnte, dass die Zuschauer zunehmend an Live-Interaktion gewöhnt seien, er erzählte von einer Show, bei der die Zuschauer den Schauspielern Dialogzeilen per SMS schicken konnten, was allerdings etwas ausgeufert sei, da noch 3 Tage nach der Show Nachrichten eintrafen.

Ist Improtheater förderungswürdig?

"Die Musen des Dramas huldigen Goethe" von Angelika Kauffmann entstand 1788 - Quelle: Wikimedia
"Die Musen des Dramas huldigen Goethe" von Angelika Kauffmann entstand 1788 - Quelle: Wikimedia

Fürs Improtheater Fördergelder zu bekommen sei quasi unmöglich, waren sich alle einig. Die Gorillas hätten es längst aufgegeben, den Hauptgrund sahen alle darin, dass Impro mit Comedy und Unterhaltung gleichgesetzt werde, was grundsätzlich nicht gefördert würde. Für Impro-Comedy möchte auch niemand Förderung haben, Impro sei ja auch eine Theaterform, die wenig Mittel benötige. Für die Entwicklung anspruchsvollerer Formate, die nicht so ein großes Publikum erreichen, sei Förderung aber wünschenswert. Friedhelm Teicke meinte, dass so etwas auch grundsätzlich möglich wäre, dazu müsste aber erst ein Bewusstsein dafür entstehen, dass es ganz verschiedene Formen von Improvisationstheater gibt. Um die weit verbreitete Annahme, Improtheater sei automatisch Comedy, zu verändern, schlug Tanja Knauf vor, einen anderen Namen für die ambitionierteren Formen des Genres zu suchen.

Ein weiteres Problem bei der Förderung läge darin, dass Gelder oft projektbezogen vergeben würden. Beim Improtheater habe man aber eben keine so klar zu beschreibenden Projekte wie in anderen Bereichen, weil es ja jeden Abend anders sei. Denkbar sei vielleicht noch eine Spielstättenförderung, meinte Friedhelm Teicke. Randy Dixon erwähnte, dass es in Amerika sowieso keine Kunstförderung gäbe. Mehr Geld würde er vor allem einsetzen, um Menschen zu bezahlen, denn es gäbe so viele kluge Leute, die sich mit Improtheater beschäftigen würden.

Zwackelmann

Stephan Holzapfel ist seit 2010 bei Impro-News.de. Neben Artikeln und Interviews gibt es auch zahlreiche Videos.
Zwackelmann
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4 thoughts on “IMPRO 2011: Ist Improtheater mehr als Comedy?”

  1. Dass es einfach nichts Neues in der Berliner Improtheater-Szene gäbe als die ewiggleichen Spielchen, ist Ausdruck ziemlicher Ignoranz. Sicherlich – die meisten Shows basieren nach wie vor auf Games. Aber wer den Rest ausblendet, kennt sich entweder nicht aus oder will es nicht sehen. Hier ein paar Beispiele von neuen Langformshows oder experimentellen Formaten nur aus dem letzten Monat:
    – „Bühnenpiraten“ von TS Berlin
    – „Ick und Berlin“ von Die Gorillas
    – „Nachbarn“ von Turbine William
    – „Impro Nuevo“ von Zen-ta B & Improküche
    – „Foxy Story“ von Foxy Freestyle

    Mir scheint manchmal, als würde Trash mit Comedy verwechselt. Und in ernsten Stücken oder Szenen dürfte nicht gelacht werden.
    Warum zum Beispiel kann ich das Scheitern (auch das von Trixi geforderte wirkliche Scheitern) nicht heiter nehmen? Muss man sich denn zerfleischen? Natürlich sollte nicht alles mit einem Gag gerettet werden. Aber ohne innere Leichtigkeit gibt es kein freies Spiel.

  2. Als Outsider aus der Berliner Szene kann ich mich dazu nicht äußern, was Dan schreibt. Ich finde aber einige erfrischende, neue Impulse im Bericht und danke hierfür! Speziell Randy Dixons Ausführungen zur „Personality Improv“ und dem „group mind“ finde ich sehr interessant. Allerdings: Dass wir am Group Mind arbeiten sollten, ist mir klar, aber wie?

  3. @ Dan: Es gäbe noch eine Menge mehr spannender Formate zu nennen, die sich teileweise aber auch garnicht an den Games bedinen. Wir haben auf Impro-News über eine Menge berichtet und auch die Impronale in Halle ist stets eine gute Leistungschau der Entwicklungen.
    Ich denke, dass besonders wichtig ist, dass wir Unterhaltung nicht mit Lachen gelichsetzen.

    @ Chris: Um am „group mind“ zu arbeiten kann man zum einen viele Übungen in diese Richtung in die Proben einbauen. In Radim Vleceks Buch: Workshop Improvisationstheater (ISBN 3-4030-34232) sind diese Übungen mit dem Vermerk Gruppe gekennzeichnet.
    Zum anderen sollte man versuchen mit seinen Improkollegen so viel wie möglich zu erleben. Gemeinsam Filme schauen, Theater besuchen, Bücher lesen, Themen aufbereiten und essen. Das kann sehr hilfreich sein.

  4. @Thomas: Ja, meine Aufzählung ist nur exemplarisch.
    @Chris & Thomas: Group mind, so wie ich Randy verstehe, heißt auch, über Übungen hinausgehen. Die Gruppen müssen sich verständigen, was sie wollen, statt nur zu sagen: So eine Improshow wie die Gruppe XY – das machen wir auch. Das kann eben auch heißen, dass mal alle Ensemble-Mitglieder sich die drei Büchner-Stücke lesen. Oder es kann auch heißen, dass man sich immer wieder neu fragt, was man denn eigentlich will (und ggf. auch die Unterschiede aushält).

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