Naked Stage vom Theater ohne Probe

Naked Stage Ensemble

von macro:

BERLIN – Am Montag den 11.7.2016 spielte das Theater ohne Probe zum zweiten Mal ihr neues Format “Naked Stage”. Dazu gesellte sich Lisa Rowland (BATS, San Francisco), die diese Form dort regulär spielt. Um die Enttäuschung vorweg zu nehmen – nur die Bühne ist nackt, es hat nichts mit den SpielerInnen zu tun. Jetzt werden wohl einige Leser abspringen … anyway.

Liebe ist wie Regen, sie fällt auf jeden

“Naked Stage” ist ein Dreiakter. Es findet an einem einzigen Ort statt. Aus drei von den Zuschauern vorgeschlagenen Varianten wurde per Applaus eine Hochzeitsuite bestimmt. Das Ensemble richtete dann den Raum nach und nach ein. Insbesondere wurden reichlich Ausgänge geschaffen (Tür zum Bad mit Jacuzzi, zum Garten, zur Lobby des Hotels und ein Fahrstuhl zur Tiefgarage), um damit viele Optionen für Auf- und Abgänge zu haben. Neben wenigen Möbeln (Bett, Sitzgruppe) war ein als Geschenk verpackter Schleudersitz mit der Aufschrift “Last Exit” sowie eine Fenstergravur “Liebe ist wie Regen” durchaus sinnstiftend für den Geschichtsverlauf.

Der 1. Akt: die Voraussetzungen

Der erste Akt zeigt die frisch Vermählte (Susanne van Dyk) am Tag nach ihrer Hochzeit allein. Sie wird von ihrer besten Freundin (Lisa Rowland) besucht. Nach und nach treten Figuren auf – der serviceorientierte Hotelangestellte (Thomas Jäkel), die Assistentin des Ehemannes (Uta Walter) und die alles bezahlende Tante (Ilona Lentz). Dabei werden die Beziehungen/Positionen fast brachial von den Spielern selbst benannt. Und damit sind sie auch für alle klar. Im ersten Akt dreht sich alles um den abwesenden Ehemann. Die Exposition ist gesetzt, die Basis geschaffen und die Richtung des Stückes nimmt Umrisse an.

Der 2. Akt: die Zuspitzung

Akt Zwei zeigt den nun allein in der Suite sitzenden Ehemann (Sören Boller). Wir sehen nun die nüchterne Sicht des Workaholics in diversen Konstellationen. Das die Eheleute sehr unterschiedliche Auffassungen ihrer Beziehung haben, wird dabei ohne gemeinsame Szene wunderbar herausgearbeitet. Das Spiel mit unterschiedlichem Wissen der Charaktere wird munter vorangetrieben und kommt leichtfüßig daher. Es entwickelt sich organisch das Theatergenre “Farce”, ohne dabei die Aufrichtigkeit zu verlieren. Zum Ende des Aktes geht die Ehefrau fremd (abgeblendet von Lichtfrau Manou Voigt). Jetzt liegt viel Einsatz auf dem Tisch, die Zuspitzung des Konflikts bis zum Höhepunkt gelingt wunderbar.

Ehefrau und beste Freundin starren erschrocken in den Garten (Fotos: macro)

Der 3. Akt: die Lösung und was macht ein Ende aus

Es gibt keine Schnitte oder Zeitsprünge mit Ausnahme zwischen den Akten. So springen wir zum nächsten Morgen und den Folgen. Das Finale hat nun die Lösungsmöglichkeiten im Happy End (Komödie) oder Katastrophe (Tragöde). An diesem Abend wurde sich da nicht entschieden – das Ende war sehr offen – und das sorgte hinterher auch für Diskussionsstoff. Die finale Szene hatte ihre Stärke und war ein gutes Ende. Zwei Nebenpersonen teilen einen privaten Moment mit Bezug zum Thema und sind dabei theatral stark. Mir persönlich aber war es tatsächlich noch zu undefiniert – genau weil es auf der Kippe von Komödie und Tragödie zumindest noch einen Hinweis gebraucht hätte. Ich meine also nicht ein klebriges Über-Happy-End, sondern nur eine Spur wohin es gehen könnte. Es war sehr angenehm, das im Foyer dann mit anderen Zuschauern und Spielern zu besprechen. So soll Theater sein – was dafür spricht das das Ende gut so war.

Das Format “Naked Stage”

Das von Tim Orr entwickelte Format ist schwierig zu spielen. Die SpielerInnen behalten eine Figur und spielen diese durchgehend. Auf- und Abgänge geschehen aus der Situation heraus. So wechselten sich schnelle Auf- und Abgänge mit längeren Passagen ab, es gab Raum für Monologe und einfach nur fürs Beobachten. Das war sehr angenehm und hier zeigt sich auch ein gut zusammenspielendes Ensemble. Das Hauptpersonen einen ganzen Akt nicht auftreten und damit die Geschichte vorantreiben, empfand ich als eine sehr starke Entscheidung. Ausgewogenheit und Mut zur Ruhe sind essentiell. Die SpielerInnen waren alle durch die Bank sehr stark. Jede Figur fand ihr persönliches Ziel und blieb dabei. Es wirkte nicht wie von der Story aus gedacht, sondern alles passierte durch die Figuren und machte es damit folgerichtig. Es war ein wirklich gelungener Abend. “Liebe ist wie Regen, sie lässt alle Blumen erblühen.”

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macro

Mirko 'macro' Fichtner schreibt seit 2011 für Impro-News. Er ist Gründungsmitglied der Improbanden und Mitorganisator des Berliner Impro Marathon. Webseite: macrone.de
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