Foxy Freestyle nagelt das Tarantino-Genre

von macro:

BERLIN – Am Freitag den 10.10.2014 rief Foxy Freestyle zum Tarantino-Genre und die Zuschauer strömten zu Hauf in die Alte Kantine der Kulturbrauerei. Dan, Edita, Paul und Stefanie packten musikalisch begleitet von Andrés einen unglaublich coolen Impro-Abend auf die Bretter. Tarantino scheint mir auch ein ideales Improgenre geschaffen zu haben, und die Foxys haben das beeindruckt auf den Punkt gebracht.

Stefanie und Edita bei der Brautkleidanprobe

In der 1. Hälfte wurde das Genre in das Mietshaus-Format verpackt. Nach und nach wurden vier Etagen eines Hauses mit Abfragen ausgestattet und es mit Zweierszenen gestartet. Langsam verwoben sich dann die Etagen, obwohl jede Geschichte für sich stand. Der Film “Four Rooms” könnte Pate gestanden haben, auch wenn kein verbindender Charakter dabei war. Nach der Pause wurde ein Charakter der ersten Hälfte gewählt, der der Held der durchgehenden Geschichte wurde, denn die Filmwelt des Quentin Tarantino ist stark vernetzt.

Das Tarantino-Genre

Der Autorenfilmer Quentin Tarantino ist kein klassisches Genre, seine Filme sind im Grundsetting verschieden – so sind Thriller, Rache-Epos, Road-Movie, Exploitation-Movie oder Western in seinem Œuvre zu finden. Und dennoch gibt es eine klare und deutliche Handschrift und wiederkehrende Elemente.

Die Foxys begannen Szenen mit typischer Tarantino-Musik, jedoch ohne auf direkt in Filmen verwendete Titel zurückzugreifen. Der Musiker Andrés spielte Songs ein, laut. Die Spieler begannen mit Tätigkeiten, getrieben vom Rhythmus. Hörte die Musik abrupt auf, begann sofort der Dialog. Damit war der Raum etabliert und der filmische Drive ging auf die Szene über. Den weiteren Szenenverlauf begleitete Andrés dann instrumental und steuerte ebenso Geräusche gekonnt ein.

Coole Figuren und kriminelle Energie

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Die Tarantino-Figuren sind starke, einprägsame Charaktäre. Foxy Freestyle stellte diverse spannende Figuren im Verlauf der Show dar. Physische und mimisch gut unterscheidbar, und immer wieder die Ankerpunkte der Figur aufgreifend auch nach langen Pausen. Die Figuren sind wahrhaftig, oft cool und Hochstatus, aber auch die Tiefstatus kommen vor und können tragende Rollen einnehmen (z.B. Robert De Niro in Jackie Brown). Besonders Dan und Stefanie mit sehr unterschiedlichen Charakteren an diesem Abend beeindruckend.

Die Themenwelt ist geprägt von krimineller Energie, manchmal Morbidität, Drogen – mündend in Gewalt. So entwickelten sich eine angedeutete Mafiageschichte, Kleinkriminelle und selbst ein nach Abfrage besonders positives Paar schnell und gekonnt in diese Richtung. Spannend auch, das die Foxys nach einer tollen Etablierung zweier starker Charaktere einen davon mitten in der Geschichte sterben zu lassen und sich selbst zu zwingen, nochmal in unbekanntes Land vorzudringen. Es ist ein gutes Mittel, um sich noch mehr gestalterische Möglichkeiten zu erschließen.

Fucking viel labern und scheißschnelle Action

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Der Tarantino-Talk: die Figuren dürfen labern. In bester Impromanier tun sie das eine und reden über etwas ganz anderes. Das Handeln bringt die Story voran – in diesem Universum gern etwas kriminelles – das Labern entwickelt die Charaktere. Dabei haben sie oft eine starke Meinung und diskutieren die in filmischer Lässigkeit aus. Wer erinnert sich nicht an die beiden Killer, die vor der Tür über Fußmassagen reden. Dabei lassen sich die Foxys wie im Vorbild viel Zeit um genüsslich über tote Katzen zu philosophieren, bis die Gewalt plötzlich und schnell hereinbricht. Booom. Dann zieht das Handlungsttempo ruckartig an. Trotzdem verfallen sie bei der Darstellung von Gewalt nicht in Hektik sondern verzögern diese gekonnt, um die Wirkung auf der Bühne maximal auszuspielen.
Die Sprache ist verfickt deutlich. Ansagen und Aussagen werden gemacht, keine scheiß Fragen gestellt (Impro-Hint). Zeit ist da, alles auszuleuchten. Labert der andere Scheiße, sagt es ihm. Es ist keine übertriebene Freundlichkeit nötig. Und das darf gern eskalieren, wenn der Hurensohn gegenüber den anderen nervt. Denn dann bricht die Action los.

Eine scheiß klare Anseh-Empfehlung

Mexican stand-off mit Edita, Paul, Dan, Steffi (alle Fotos: macro)

Szenisch ist an dem Abend alles bärenstark. Alles hat Drive und Lässigkeit. Die Figuren haben klare Ziele oder Bestimmungen. Alles endete in einem großen Showdown in einem Mexican stand-off und wird blutig. So soll es sein. Foxy Freestyle gelingt eine großartige Tarantino-Interpretation. Es ist eine scheiß klare Anseh-Empfehlung.
So in etwa alle 6 Monate spielen die Foxys diese Specialshow. Termine erfahrt ihr unter www.foxy-freestyle.de.

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macro

Mirko 'macro' Fichtner schreibt seit 2011 für Impro-News. Er ist Gründungsmitglied der Improbanden und Mitorganisator des Berliner Impro Marathon. Webseite: macrone.de
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