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Auf der Bühne

IMPRO 2013: Shortcuts

switch to english versionvon Sören Boller

BERLIN – Am Abend des 19.3.13 kamen im Kreuzberger Ratibor-Theater ein Festivalensemble bestehend aus Thomas Chemnitz (Gorillas, Berlin), Randy Dixon (unexpected productions, Seattle), Maja Dekleva (Kollektiv Narobov, Ljubljana),Davide Arcuri (Teatribu, Mailand), Henriette Konschill (Drama Light, Mannheim) sowie Felix Raffel (Gorillas, Berlin) am Klavier zusammen. In der ersten Hälfte sollten aus fünf kurzen Szenen

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Randy Dixon, Foto: Sören Boller

zwei längere Geschichten entwickeltwerden und in der zweiten Hälfte aus Begegnungen zwischen Charakteren kurze Einblicke in deren Leben eröffnen werden – laut Ankündigung „mit viel internationalem Charme, völkerverbindendem Witz und viel Musik“.

Kurze Schnitte – Lange Weile ?

Das Publikum wählte aus den fünf wirklich nur sehr kurz angespielten Szenen zum einen „Where is my beer?“ – ein anstehendes Ehedrama – sowie „Artic Ice“, wo es um zwei Polarforscher auf der Suche nach menschlichen Überresten gehen sollte aus. Während die „Artic Ice“-Szene ganz nach dem typischen Ablauf einer Impro-Abenteuergeschichte ablief, mit viel nicht besonders gut sichtbarer Action und der niemals aufgeklärten Frage worum es eigentlich überhaupt geht, konnten vor allem Randy Dixon und Maja Dekleva Weiter lesen…

Kunst&Handwerk

Noch Plätze für Berlin-Workshop von Randy Dixon im September

BERLIN – Wir haben gehört, dass es wohl noch Plätze für den Workshop “Raising Stakes” mit Randy Dixon am 15./16.09.2012 im BühnenRausch gibt. Also Berliner: nichts wie ran, so oft ist Randy nicht als Trainer in Berlin!

>> Weitere Infos

Auf der Bühne

Foxy Freestyle und Randy Dixon

von Thomas Jäkel:

BERLIN – Dass Foxy Freestyle internationale Kontakte pflegen, ist nicht ungewöhnlich und so boten sie auch am Freitag 23.03.12 mit ihren Gästen aus USA und Kanada in der Alten Kantine einen internationalen Improabend. Randy Dixon aus Seattle ist in Berlin schon lange kein Unbekannter mehr, aber auch sein Kollege Toni Beeman brauchte sich hinter dem Altmeister nicht zu verstecken. Die Dritte im Bund war Caitlin Curtis aus Winnipeg. Die drei Gäste wurden von Dan Richter, Stefanie Winni und Paul Moragiannis begrüßt.

Wenn das Publikum still ist, dann hast du es.

Der Ablauf des Abends ist schnell erklärt: In der ersten Hälfte wurde durch Abwahl die beste Szene gesucht und in der zweiten eine Art Harold gespielt. Aber die Besonderheit des Abend wurde von Dan Richter in seinem lesenswerten Blog verpostet. Denn das Sehenswerte fasst sich mit einem Zitat Randy Dixons zusammen: “Wenn das Publikum still ist, dann hast du es.”

Die Kunst von Randy und seinen Kollegen bestand nicht in den lauten, den knalligen oder ach so witzigen Momenten, die Kunst lag in der Stille. Beispielhaft dafür die erste Szene mit der Vorgabe “Life on Titanic”, in der Randy Dixon einfach als Kapitän am Steuer des Luxusliners stand. Auf dieser simplen Ausgangsbasis baute sich eine spannungsvolle Liebeszene zu einer Matrosin auf, die Vertretungsweise auf der Brücke wischte. Kurze Sätze mit schwachen Andeutungen bestimmten die Szene. Keiner der Spieler versuchte Endgültiges zu definieren, so dass diese Geschichte auch bis zum Schluss erzählt wurde.

Als Improvisierer soll man sicher schnelle und klare Entscheidungen treffen, aber mitunter sind die Zweideutigkeiten die Währung, die in eine längere Szene investiert werden kann.

Der Harold im zweiten Teil der Show lief ebenso durch, gemischt von direkt erzählten Szenen und abstrakteren Momenten. Hervorhebenswert war auch hier eine Szene zwischen Randy Dixon und seinem Kollegen Toni Beeman. Ausgangslage war ein Einstellungsgespräch, bei dem sich Chef und Bewerber einen verbalen Statuskampf lieferten. Toni Beeman begann in der Szene mehr und mehr die Haltung des Chefs zu kopieren und so lag die Lösung nahe, dass beide Hochstatusfiguren ihre Gleichheit erkannten. Das Nonverbale war hier soviel mehr wert als das gesprochene Wort, da sich der Text am Ende nur noch um ein sich gegenseitiges Überbieten rankte.

Für mich persönlich hae sich der Abend bei den Kollegen gelohnt, weil ich bei Foxy Freestyle wieder einmal andere Herangehensweisen und neue Leute sehen konnte. Für Shows wie diesen sei den Foxys auch einmal gedankt!

Auf der Bühne

Foxy Freestyle improvisieren mit Gästen aus Übersee

BERLIN – Für ihre Freitagsshow am 23.03.2012 in der Alten Kantine der Kulturbrauerei haben sich Foxy Freestyle besondere Gäste eingeladen:  Tony Beeman und Randy Dixon vom bekannten Seattler Improtheater “Unexpected Productions” sowie Caitlin Curtis aus Winnipeg werden mit ihnen spielen.

Wer etwas übrig hat für improvisierte Langformen und Stile, ist hier an der richtigen Adresse. Tony Beeman gilt als begnadeter Tausendsassa in Seattle. Randy Dixon ist nun bereits zum 10. Mal beim Berliner Improfestival und hat zahlreiche Langformen erfunden und weiterentwickelt. Caitlin Curtis zählt neben den Crumbs zu den Impro-Größen aus Winnipeg.

Man darf also gespannt sein.

Freiatg, 23.03.2012, 20 Uhr
Alte Kantine, Kulturbrauerei, Berlin Prenzlauer Berg

Alle Infos unter: www.foxy-freestyle.de

Auf der Bühne

IMPRO 2011: Videos von Unexpected Productions - Im Stile von Tennessee Williams

von: Stephan Holzapfel

Foto: Stephan Holzapfel

“Sex and passion” war das Thema nach der Pause am 23.03.11 im English Theatre Berlin. Diese Aspekte im Werk von Tennessee Williams leiteten die fünf Spieler bei ihrem improvisierten Theaterstück. Der vom Publikum gewünschte Titel “The dogs bark at night” führte zu dem Schauplatz “Tierheim” und zu einer Fülle von Hunde-Metaphern, mit denen menschliche Beziehungen und sexuelle Wünsche beschrieben wurden. Diese sprachlichen Raffinessen und die gekonnte Darstellung der Spannungen zwischen den Figuren machten vor allem den Reiz dieser Aufführung aus.

Beeindruckend fand ich, wie enorm ruhig und trotzdem kraftvoll gespielt wurde. Durch ruhige, aber präzise Gesten, Blicke und Bewegungen wurde eine große emotionale Spannung erzeugt, so war “viel los”, ohne dass äußerlich wahnsinnig viel passierte. Der Plot des Stückes ist hier sicher nicht das Wichtigste:

Foto: Stephan Holzapfel

Ein Ehepaar, das sich offensichtlich hasst, sucht im Tierheim nach seinem Hund. Der Mann verspürt eine starke homoerotische Anziehung gegenüber einem Tierheim-Angestellten. Beide Männer werden von einem Hund gebissen, der Tollwut (engl. “rabies”) hat und bekommen zur Therapie jeweils 15 Spritzen in den Bauch. Enttäuscht von den traurigen Verhältnissen im Tierheim (die Hunde haben kaum Platz und werden vom Leiter eingeschläfert, wenn sie sich merkwürdig verhalten), verlässt am Ende die Mitarbeiterin Jenny das Heim.

Im “Essential Cut” habe ich das Stück auf ein gutes Drittel gekürzt. Hier bekommt man glaube ich einen guten Eindruck von der Spielweise und den Zusammenhängen. Für den schnellen Einblick habe ich in den “best scenes” einige besonders spannungsreiche oder originelle Szenen konzentriert, wobei dabei natürlich viele Details fehlen. Wer möchte, kann sich das Stück aber auch komplett ansehen.

Es spielen: Randy Dixon, Michelle Hippe und Michael Bils von “Unexpected Productions”, die auch dieses Format entwickelt haben. Dazu kommen Stephen Sim von den “Crumbs” und Missie Peters von “SpeakEasy”.

Durch Klick auf die 4 Pfeile im Video wird der Vollbildmodus aktiviert, durch Klick auf “HD” kann das Video sehr viel größer angezeigt werden.

Siehe zu diesem Abend auch den Artikel von Dan Richter.

Auf der Bühne

IMPRO 2011: Unexpected Productions improvisieren „Tennessee Williams“

von Dan Richter:

Es gab noch keine Vorstellung des Unexpected Productions Ensembles, aus der ich nicht inspiriert herausgekommen wäre. Haben sie sich eigentlich Schillers „Ästhetische Erziehung des Menschen“ als Credo gegeben?

In diesem Jahr improvisieren die Gruppen des Berliner Impro-Festivals im Stile eines von ihnen selbst gewählten Dichters. Es hat sich schon in den ersten Tagen des Festivals gezeigt, dass es durchaus verschiedene Konzepte zur improvisatorischen Umsetzung – sowohl zwischen den Gruppen als auch zwischen Spielern. So interpretierten Die Gorillas ihren Autor Büchner, indem sie zwei seiner Stücke sowohl inhaltlich als auch strukturell sehr dicht am Original adaptierten, was bei einigen Spielern ein gewisses Unbehagen aufkommen ließ – wo bleibt unsere spielerische Freiheit? Die Crumbs destillierten aus George F. Walker vor allem Handlungsmotive, die sie teilweise auch vor Impro-Herausforderungen stellten: Ein Grundmotiv Walkers ist z.B. ein negativer Held, der nicht lernt, sich also nicht verändert. Als Improspieler aber predigen wir einander immer und immer wieder: Lass dich berühren, lass dich verändern. Und ich rätsle noch heute, ob das wiederkehrende „Listen! Listen!“ von Lee Whites Figuren nicht doch auch ein wenig eine Aufforderung an seinen Mitspieler war.

Wie also würden Unexpected Productions in diesem Jahr auf dem Berliner Improfestival ihr Thema „Tennessee Williams“ umsetzen? Ausgerechnet am Abend des Todes von Elizabeth Taylor, die in zwei seiner Verfilmungen mitgespielt hat und drei Tage vor Williams’ hundertsten Geburtstag.

Tennessee Williams Randy Dixon

Randy Dixon läßt sich einen Titel geben - Foto: Impro-News

In der ersten Hälfte führt uns Randy Dixon mit einem Erzähler-Monolog in eine Südstaaten-Szene ein, inspiriert von „Glasmenagerie“ und „Endstation Sehnsucht“: „Das Glück in diesem Haus ist zum Greifen nah, aber du kannst es nicht erreichen. So nah, dass es dir manchmal ins Gesicht spuckt, und das fühlt sich gut an.“ Bruder und Schwester leben mit ihrer Mutter in einem Haus, dessen Zerfallen sich bemerkbar macht. Auf den Klempner haben es sowohl Mutter als auch die überbehütete Tochter abgesehen. Der alkoholkranke Sohn, der als Schuhputzer arbeitet, will eigentlich fort auf ein Schiff und wird darin von seinem Kollegen bestärkt. Am Schluss flieht statt ihm die lebensuntüchtige Tochter und wird prompt von einer Straßenbahn überfahren.

So einfach, so dicht an den Motiven. Als Michael Bils nach „Dorothyyyyy!“ ruft, gelingt sogar noch eine koketteriefreie Referenz auf Marlon Brandos legendären Stellaaaa!-Schrei.

Randy Dixon entlässt uns mit dem Hinweis: „Das ist eure Stadt“, aber da zu 95% Improspieler im Publikum sind (davon die Hälfte Teil des Festival-Ensembles) wird in der Pause allerorten eher das Wie als das Was diskutiert. Mein alter Freund D. meint, sie hätten so dicht an Tennessee Williams gespielt und es wäre überhaupt zu gut gewesen, das könne er sich ja auch gleich im Theater anschauen. Die Schauspieler haben aber nicht allein die Motive und Charaktere gut erfasst. Sie sind, und das wird häufig übersehen, unglaublich gut in die Sprache eingestiegen. Wir sehen hier nicht nur gute Schauspiel-Improvisation, nicht nur gutes Storytelling, sondern wir sehen hier Dichter am Werk, die die sprachlichen Elemente so genau nehmen, dass es ein wahrer Genuss ist, ihnen dabei zuzusehen. Die Metaphern sind genau, Elemente werden wieder aufgegriffen, man spielt mit Bedeutungsebenen.

Michael Bils und Stephen Sims kämpfen und umwerben sich im Hundeasyl - Foto: Impro-News

Michael Bils und Stephen Sims kämpfen und umwerben sich im Hundeasyl - Foto: Impro-News

Während der vom Publikum vorgeschlagene Titel des ersten Stücks „The olive skinned man“ wie nebenbei eingebaut wird (es ist der von Dorothy angebetete Straßenbahnfahrer, der sie später überfährt), nutzen sie den zweiten Titel – „Dogs bark at night“ direkt und unmittelbar: Das Stück spielt in einem Hundeasyl. (Beide Herangehensweisen haben in der Impro ihre Berechtigung: Bau es sofort ein vs. Wirf den Stein weit weg.) Die Spieler entfernen sich vom Setting der „Katze auf dem heißen Blechdach“ wesentlich stärker. Es bleiben als Motive Verzweiflung, diabolische Weiber versus gedemütigte Männer usw. Fünf Personen, die sich umschnüffeln, miteinander spielen, und nur von einer dünnen Schicht der Zivilisation davon abgehalten werden, sexuell oder gewalttätig übereinander herzufallen.

Der Hundefänger bekommt seine Injektion - Foto: Impro-News

Der Hundefänger bekommt seine Injektion (v.r. Bils, Dixon, Sim, Hippie, Peters) - Foto: Impro-News

Die Entfernung vom Original lässt die Stärken des Miteinander noch mehr aufscheinen: Die Dialoge sind vielleicht weniger poetisch, dafür flinker. Typischer Impro-Humor kommt auf, da jetzt die Spieler stärker Zug um Zug aufeinander reagieren. Man gibt auch der physischen Komik eher freien Lauf: Aus irgendeinem Missverständnis kam die Annahme auf, es müssten einem bei Tollwut fünfzehn Spritzen auf einmal in den Bauch gerammt werden: Wir sehen die Injektionen einmal fast wie eine sexuelle Penetration und einmal wie eine benevolente Hinrichtung. Der Hundefänger (gespielt von Stephen Sim) wird gleich zu Beginn ins Bein gebissen und humpelt fortan. Und es erinnert natürlich an Paul Newmans Brick in Gips. Ob es eine bewusste Entscheidung war, ist aus Impro-Sicht fast gleichgültig: Ausschlaggebend ist, dass man durch mutige Entscheidungen, solche Symmetrien, Assonanzen, Metaphern, szenische Reime zulässt.

Die fünf Spieler strahlen eine beeindruckend entspannte Selbstverständlichkeit aus. Das Team wirkt absolut ausbalanciert. Jeder weiß, wann es Zeit ist, auf die Bühne zu gehen. Nach der ersten Szene lässt sich z.B. Randy Dixon über eine halbe Stunde Zeit bis er die Bühne wieder betritt, niemand vermisst seine Figur vorher (wahrscheinlich auch die Spieler nicht), und nun kommt sie genau im richtigen Moment. Jeder Schauspieler ist äußerst wach, keine Geste geht verloren, kein Satz wird vergessen, alles ist da, um wieder aufgenommen zu werden. Man vertraut sich blind.

Tennesee Williams Applausszene - Foto: Impro-News

Applaus -auch für den atmosphärisch unterstützenden DJ Hunnicut (nicht im Bild) - Foto Impro-News

Auf der Podiumsdiskussion am 20. März war viel von dem Unterschied zwischen ernster und komödiantischer Improvisation die Rede. Nach einem Abend mit Unexpected Productions denke ich immer, jetzt müsste doch jedem klar ins Auge springen, wie unscharf diese Unterscheidung ist. Randy Dixon spielt im zweiten Teil nicht nur den Betreiber des Hunde-Asyls, sondern er wird auch eingeführt als derjenige, der die Hunde einschläfern lässt, wenn sie sich seltsam verhalten. Als man das im Laufe der Handlung schon fast vergessen hat, sehen wir wieder eine Hundefütterung, die Tiere sind aggressiver als sonst und versuchen zu flüchten. Außer ein kleiner, der anscheinend schon aufgegeben hat. Randy Dixons überraschende Reaktion darauf: „He’s next.“

 

Ohne Ernsthaftigkeit gibt es keine tiefe Komik. Ohne Spaß kein freies Spiel. Ohne Humor kein angenehmes Scheitern.

Beste Rolle des Abends: Michelle Hippes entsetzlich positive Mutter.

Bester Tempowechsel: Randy Dixons Auftritt als rennender Schuhputzer nach der langsamen Sommernacht

Bestes Akzeptieren: Michael Bils akzeptiert das indirekte Angebot, einen Kontrast zu setzen, und lässt sich durch die Anti-Tollwut-Spritzen demütigen.

Größte Aufmerksamkeit: Missie Peters erinnert sich noch nach einer Stunde an die Taktzeiten dreier verschiedener Straßenbahnen.

Preis für beste Körperkomik: Stephen Sim als Hundefänger.

Diese Show hat gute Chancen, das Highlight meiner Theater-Abende 2011 zu werden.

Kunst&Handwerk

IMPRO 2011: Ist Improtheater mehr als Comedy?

von Stephan Holzapfel:

Am Sonntag (20.03.11) fand im Rahmen des Improfestivals eine Podiumsdiskussion im Ratibor-Theater statt, Titel war “Improvisationstheater – Eigenständige Theaterform mit Zukunft oder amüsante Sketche?”

Ich habe versucht, die wichtigsten Aussagen und einige interessante Details zusammenzufassen. Außerdem besteht hier die Möglichkeit, die gesamte Diskussion nachzuhören. In der ersten Stunde diskutierte das Podium, in der zweiten durften sich auch die Zuschauer mit Fragen einbringen.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

[Link zur Audiodatei]

Es diskutierten:

Christoph Jungmann von den „Gorillas“

Beatrix Brunschko, Leiterin des Bereichs Improtheater beim „Theater im Bahnhof Graz“

Tanja Knauf, Perfomance-Künstlerin

Friedhelm Teicke, Leiter des Bereichs Bühne beim Stadtmagazin „Zitty“

Randy Dixon, künstlerischer Leiter von „Unexpected Productions“ aus Seattle, USA

Theatersport ist Popmusik

Zuschauer beim Theatersport Berlin Admiralspalast

Theatersport, seit 15 Jahren erfolgreich in Berlin - Foto: Thomas M. Jauk

Einig waren sich bei der Diskussion alle Beteiligten, dass Improtheater mehr sein kann als Comedy und auch mehr sein sollte. Randy Dixon verglich Comedy-Impro mit Popmusik, sie sei überall, aber Musik sei eben noch viel mehr. Besonders Friedhelm Teicke beschrieb das Problem, dass Impro für das Publikum vor allem mit Comedy verknüpft sei, bedingt durch Fernsehformate wie „Schillerstraße“ aber auch durch den Impro-Alltag, der sehr stark von Gruppen bestimmt sei, die Spiele-Shows machten. Er wünschte sich mehr Risikobereitschaft von den Spielern.

Auch Beatrix  Brunschko forderte die Bereitschaft zum Risiko, das auch die Möglichkeit echten Scheiterns mit einschließt, Scheitern, dass nicht lustig ist. In ihrem Ensemble komme immer dann Unzufriedenheit auf, wenn sie merkten, dass sie zu routiniert spielten, sich nur auf das verliessen, was sie sicher könnten. Dann würde es Zeit für neue Aufgaben. Sie berichtete, dass längere Formen im Kommen seien und sehr viele Gruppen, mit denen sie Workshops mache, schon längere Formate im Programm hätten.

Christoph Jungmann sah die Entwicklung weniger positiv, er bemerke zwar auch das starke Bedürfnis vieler Amateure nach längeren Formen, dafür würde es dann aber am schauspielerischen Handwerkszeug mangeln, er rät diesen Gruppen, lieber bei den Spiele-Shows zu bleiben. Randy Dixon sah in diesem Punkt aber auch die Profis in der Verantwortung, in Seattle würden sie z.B. Schauspiel-Kurse für Improspieler anbieten.

Ob kurze oder lange Formen  – die Haltung ist wichtig

Randy Dixon

Randy Dixon auf der IMPRO2010 - Foto Impro-News

Spieler, die ohne Spiele keine Szene entwickeln könnten, würde er nicht unbedingt als Improspieler bezeichnen, eher als Spiele-Spieler. Für ihn liege der Unterschied nicht so sehr in kurzen oder langen Formen, sondern in der Haltung. Randy Dixon erzählte, dass er einen Kurs in „Serious Improvisation“ gegeben habe, aber unterrichtet hätte er wie immer, auch Spiele, nur der Name des Kurses war anders. Die Schüler hätten jedoch auf Grund des anderen Kurstitels solidere, ernsthaftere Szenen zu Stande gebracht und nicht so sehr nach Lachern gesucht. Randy Dixon meinte, dass wir mehr Gruppen brauchten, die sich mit einer ernsthafteren Art Impro auseinandersetzten, dazu müssten die Gruppenmitglieder aber tiefer in die Gruppenarbeit einsteigen, am „Groupmind“ arbeiten.

Theatersport sei für ihn dagegen „Personality Improv“, man würde sich nicht wirklich an die Szenen und noch nicht einmal an die Gags erinnern, sondern denken, „der Typ war wirklich lustig“ oder „der konnte gut singen“. Wenn eine Gruppe intensiver daran arbeiten möchte, im Moment zu sein und ernsthafter zu spielen, sei es allerdings notwendig, dass alle Gruppenmitglieder es wirklich wollten, sonst würde es sehr schwer.

Enttäuschendes Deutschland?

Christoph Jungmann fand, dass die entscheidenden Impulse aus dem Ausland kämen. Als die Gorillas vor 1 ½ Jahren die Deutsche Impromeisterschaft veranstalteten, sei er von den Shows ziemlich enttäuscht gewesen, er zeigte sich hingegen begeistert von der Strindberg-Show des schwedischen Ensembles.

Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner

Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner - Fotos: Gorillas

Wie die Versuche der Gorillas, im Stile von Georg Büchner zu improvisieren, zu beurteilen sind, darüber gäbe es bei den Gorillas selbst sehr unterschiedliche Ansichten, erzählte Jungmann. Er fand die bisherigen Versuche zu dicht am Original-Drama „Woyzeck“, es seien dann doch sehr einfache Dialogzeilen und sehr einfache Erklärungen der Charaktere entstanden. Ihn würde vor allem eine Übersetzung der Büchner-Geschichten ins Heute interessieren, er meinte, die Gorillas seien da noch sehr am Suchen. Friedhelm Teicke lobte aber ausdrücklich die früheren Versuche der Gorillas, im Stile Fassbinders zu improvisieren.

Die Erwartung des Publikums

Randy Dixon erzählte, dass die Theatersport-Shows seines Ensembles ein anderes Publikum hätten als ihre „ernsthafteren“ Formate. Das Publikum des einen Show-Typs sei überwiegend nicht an der jeweils anderen Art Impro interessiert. Das Publikum sei „trainiert“, es wisse, was es in den jeweiligen Shows erwarte.

Bei der Konzeption eines Formats leite Randy Dixon die Frage, was das Publikum erleben soll. Viele Interaktionen in den Shows basierten auf dem Leben der Schauspieler oder des Publikums, bei einer Show sind z.B. die Zuschauer eingeladen, auf die Bühne zu kommen, ihre Narben zu zeigen und zu erzählen, wie sie sie bekommen haben. Auch der Rest des Publikums sei dadurch beteiligt, da sie dabei an ihre eigenen Narben und Erlebnisse denken würden. Das Publikumserlebnis  wird dann jedoch nicht einfach nachgespielt, sondern in die „Sprache des Theaters“ übersetzt. Eine alberne Geschichte führt dabei manchmal zu einer ernsten Szene, ein „schweres“ Erlebnis umgekehrt schon mal zu einer leichteren. Laut Randy sollte man nicht nur komisch oder nur ernst sein, der zentrale Begriff seiner Philosophie sei „variety“ (Vielfalt, Abwechslung).

Die Beschränkungen beim Impro liegen für ihn nicht beim Publikum, sondern bei den Schauspielern. Was z.B. oft passiere sei, dass eine Szene bei einer Theatersport-Show abstrakter würde und die Schauspieler dächten, dass sei nicht Theatersport und das Ganze durch einen Witz zerstörten. Randy Dixon meinte, nur beim Impro könne man Ereignisse des Tages schon am selben Abend auf die Bühne bringen und fragte sich, warum das nicht öfter gemacht wird.

Improtheater an der Schauspielschule

Christoph Jungmann wunderte sich, warum so wenige junge Schauspieler sich zusammen tun und Impro spielen. Tanja Knauf sah das Problem in den Schauspielschulen, in denen Improvisation zur Rollenentwicklung benutzt, aber nicht als eigenständige Theaterform gelehrt werde. Randy Dixon bestätigte, dass viele Schauspieler ihm erzählt hätten, dass sie Improvisationsübungen an der Schauspielschule gemacht hätten, was sie nicht so spannend gefunden hätten.

Beatrix Brunschko unterrichtet auch an der Schauspielschule in Graz und erzählte, dass dort eine Improvisation inzwischen zur Diplomprüfung gehöre. Und zwar eine wirkliche Improvisation. Bis vor kurzem mussten die Kandidaten bei der Aufnahmeprüfung nämlich 3 Rollen und eine Improvisation vorbereiten (!).  Als Beatrix Brunschko sich irgendwann traute, den Professoren zu sagen, dass eine Improvisation, die man vorbereiten könne, keine sei, gaben sie zu, sich damit nicht auszukennen („Wir können das nicht, das müssen dann Sie machen“).

Friedhelm Teicke von der „Zitty“ sah eine zunehmende Nutzung von Improvisation für das herkömmliche Theater zur Stückentwicklung. Christoph Jungmann erzählte wie mal in München ein namhafter Regisseur die Schauspieler in einem Stück ein paar Minuten improvisieren ließ, was ein enormes, positives Medienecho ausgelöst hätte, sehr zum Ärger der Münchner Improtheaterkollegen, die so etwas seit Jahren machten und weder diese Aufmerksamkeit noch Anerkennung bekämen.

Die Medien haben Probleme mit dem Improtheater

Randy Dixon und Friedhelm Teicke beschrieben beide, dass die Medien Probleme mit dem Improtheater haben, weil jeder Abend anders sei und man deshalb keine Besprechungen machen könne. Friedhelm Teicke erwähnte die große Konkurrenz der Angebote in Berlin und man müsse eben auch immer sehen, was neu und frisch sei und Improtheater sei für viele Medienleute etwas, worüber man schon viel geschrieben habe und was nicht mehr so aktuell sei. Randy Dixon beschrieb die Vorteile der sozialen Netzwerke im Internet, durch die sie nun weniger abhängig von der Presse seien.

Die Frage aus dem Publikum, ob Improtheater nicht auch etwas fürs Internet wäre, wurde im Prinzip bejaht, Beatrix Brunschko sah eigentlich keine Grenzen, Tanja Knauf gab aber zu bedenken, dass es schon wichtig sei, dass Spieler und Publikum gemeinsam den Moment teilten, sonst würde das Besondere, das man anzubieten habe, gefährdet. Randy Dixon erwähnte, dass die Zuschauer zunehmend an Live-Interaktion gewöhnt seien, er erzählte von einer Show, bei der die Zuschauer den Schauspielern Dialogzeilen per SMS schicken konnten, was allerdings etwas ausgeufert sei, da noch 3 Tage nach der Show Nachrichten eintrafen.

Ist Improtheater förderungswürdig?

"Die Musen des Dramas huldigen Goethe" von Angelika Kauffmann entstand 1788 - Quelle: Wikimedia

"Die Musen des Dramas huldigen Goethe" von Angelika Kauffmann entstand 1788 - Quelle: Wikimedia

Fürs Improtheater Fördergelder zu bekommen sei quasi unmöglich, waren sich alle einig. Die Gorillas hätten es längst aufgegeben, den Hauptgrund sahen alle darin, dass Impro mit Comedy und Unterhaltung gleichgesetzt werde, was grundsätzlich nicht gefördert würde. Für Impro-Comedy möchte auch niemand Förderung haben, Impro sei ja auch eine Theaterform, die wenig Mittel benötige. Für die Entwicklung anspruchsvollerer Formate, die nicht so ein großes Publikum erreichen, sei Förderung aber wünschenswert. Friedhelm Teicke meinte, dass so etwas auch grundsätzlich möglich wäre, dazu müsste aber erst ein Bewusstsein dafür entstehen, dass es ganz verschiedene Formen von Improvisationstheater gibt. Um die weit verbreitete Annahme, Improtheater sei automatisch Comedy, zu verändern, schlug Tanja Knauf vor, einen anderen Namen für die ambitionierteren Formen des Genres zu suchen.

Ein weiteres Problem bei der Förderung läge darin, dass Gelder oft projektbezogen vergeben würden. Beim Improtheater habe man aber eben keine so klar zu beschreibenden Projekte wie in anderen Bereichen, weil es ja jeden Abend anders sei. Denkbar sei vielleicht noch eine Spielstättenförderung, meinte Friedhelm Teicke. Randy Dixon erwähnte, dass es in Amerika sowieso keine Kunstförderung gäbe. Mehr Geld würde er vor allem einsetzen, um Menschen zu bezahlen, denn es gäbe so viele kluge Leute, die sich mit Improtheater beschäftigen würden.

Personen&Gruppen

Randy Dixon und The Crumbs jetzt buchbar!

Wie die Agentur Culturalis pr & booking heute mitgeteilt hat, werden uns im Frühjahr 2011 wieder Improgrößen aus USA und Kanada in Europa besuchen. Zum einen wird Randy Dixon in Deutschland sein. Der künstlerische Leiter von Unexpected Productions und Entwickler verschiedenster Impro-Langformen ist für individuelle Gruppencoachings buchbar. Freie Termine sind im März 2011 vom 1. bis 11.3.2011 sowie 28. bis 31.3.2011

Damit die aus Kanada stammenden The Crumbs ihrer ständig wachsenden Fangemeinde gerecht werden können, touren sie im kommenden Jahr zum ersten Mal im Frühjahr und im Herbst durch Europa. Für das Frühjahr hat die Agentur bereits die Regionalplanung veröffentlicht. Im Raum Berlin und Brandenburg (Norddeutschland) werden sie vom 1. bis 8. April 2011 sein. Wer also mit den Kanadiern auf der Bühne stehe will, kann jetzt Auftritte mit ihnen buchen. Die gesamte Regionalplanung findet sich auf der Homepage: www.crumbs-in-europe.de

Für weitere Informationen und Buchungen bitte mit Marie Wellmann von Cluturalis in Verbindung setzen: Kontakt Marie Wellmann.

Auf der Bühne

Impro 2010: Festival-Webseite ist Online!

Die Gorillas haben bekanntgegeben, dass die Webseite für die Impro 2010 jetzt online ist. Sie ist unter http://www.improfestival.de zu erreichen.

Internationale Improgrößen in Berlin

Seit 2001 veranstalten die Gorillas mit Impro das größte europäische Improvisationstheater-Festival und bringen in Berlin internationale Improvisationsgrößen zusammen. So stehen auch 2010 wieder große Namen auf der Ensembleliste, wie Randy Dixon, Stephen Sim, Lee With oder Sonja Vlic.

Als Ensemble sind mit dabei das Theater im Bahnhof Graz, Unexpected Productions aus Seattle, The Improvements aus Stockholm, Fabio Mangolini aus Italien, Lama Alpaka aus Tel Aviv, Kolektiv Narobov aus Ljubljana, die Crumbs aus Winnipeg/Kanada, Theatersport Winterthur, fast food theater aus München, die Theaterturbine aus Leipzig und hidden shakespeare aus Hamburg.

Gleich in den Kalender schreiben!

Wir freuen uns besonders auf auf die Crumbs, die bei ihrer Show mit DJ Hunnicutt Videosequenzen einsetzen wollen (29. & 30.03). Ebenfalls gespannt sind wir auf The Improvements, die mit “Funky Frauleins of Sweden” schon auf der Impronale in Halle das Publikum begeistern konnten (29.03.).

Ein Schwerpunkt des Festivals liegt auf klassischen Formen des (Impro-)Theaters und so wird es eine Impro-Shakespeare-Show (1.4.) mit Unexpected Productions sowie zwei Abende Commedia dell’Arte (2. & 3.4.) mit dem Festivalensemble geben. Wer vom Zuschauen nicht genug bekommt, hat an den beiden Festivalwochenenden die Gelegenheit, sich in Workshops weiterzubilden (unter anderem in Commedia dell’Arte) oder kann mit den Improgrößen am letzten Festivaltag (4.4.) auf der Open Stage eine Szene wagen.

Die Impro 2010 ist ein echtes Muß für alle Improspieler und -freunde in Berlin und Brandenburg. Alle Infos unter www.improfestival.de.