Impro 2018: Our Lives Community oder die Wucht der Fragen

BERLIN – „Frage an die Performer: Aus welchem Land kommt ihr und wie fühlt ihr euch damit?“ Mit dieser Eröffnungsfrage startet am 23. März 2018 im Englisch Theatre Berlin die Performance Community im Rahmen des EU Projekts Our Lives von Die Gorillas. Unter der künstlerischen Leitung von Maja Dekleva aus Slovenien stellten sich die 7 Improvisateure aus 7 EU-Ländern gegenseitig Fragen, die sie performativ beantworteten und dabei einen unterhaltsamen und interessanten Abend gestalteten.

Our Lives: Community, Foto: Matthias Flurer
Our Lives: Community 22.03.2018, v.l. oben Gilles Delvaulx, Alexander Mitrev, Hannu Risku, v.l. unten Audrius Bruzas, Alenka Marinič, Beatrix Brunschko, Mia Møller/ Foto: Matthias Flurer

Die Form ist Community

Follow the follower. Als die sieben die Bühne betraten, entwickelten sie gleich ein gemeinsames körperliches Spiel. Impulse wurden aufgenommen und verstärkt, bis alle in die gleiche Handlung eingestimmt hatten. Schnell wurde den Zuschauern im ausverkauften Theater klar, da steht eine Gruppe auf der Bühne und diese Gruppe will und kann miteinander spielen.

Dieser Tanz aus Führen und Folgen setzt sich fort, bis sich der finnische Musiker Hannu Risku aus dem Pulk löst und an seine Instrumente setzte. Dann trat ein Performer an das vor einer Reihe Stühle am rechten Bühnenrand aufgestellte Mikrofon und fragt die oben genannte Eröffnungsfrage.

Ja, wie fühlt man sich damit, wenn man aus einem Land kommt? Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Die eine antwortet verbal, ein anderer sucht nach einem körperlichen Ausdruck. Allen scheint bewusst, dass sie Vertreter ihres Landes sind, aber nicht die Gesamtheit ihres Landes vertreten. So macht Beispielsweise Beatrix Brunschko keinen Hehl daraus, dass sie mit der politischen Situation in Österreich unzufrieden bis verzweifelt ist. Auch Alexander Mitrev kann nur zynisch über die Armut in Bulgarien sprechen, als Kleinkind mit Finger im Mund plappert er davon, dass seine Mutter 40 Jahre gearbeitet hat und sich nichts zur Seite legen konnte. Dabei springt er immer wieder trotzig auf und scheint sagen zu wollen, dass er nicht einverstanden ist, darauf reduziert zu werden.

Ehrlichkeit, bis hin zum Schmerz

Our Lives: Community 22.03.2018, v.l. Gilles Delvaulx, Mia Møller, Beatrix Brunschko, Alenka Marinič, Alexander Mitrev / Foto: Matthias Flurer

Ganz deutlich wird der Konflikt, als Mia Møller aus Dänemark die drei aus Osteuropa stammenden Kollegen fragt, wie es war in einem kommunistischen Land aufzuwachsen. Alenka Marinič aus Slovenia, Audrius Bruzas aus Litauen und Alexander Mitrev berichten von Mangel und glücklichen Momenten. Aber die Dänin setzt nach und fragt die westeuropäischen Kollegen, sich selbst eingeschlossen, wie es ihnen geht, wenn sie diesen Berichten zuschauen. Die Antworten fallen erschreckend ehrlich aus: sie fühlen sich überlegen.

Diese Ehrlichkeit, bis hin zum Schmerz, ist die große Stärke dieses Formats und zeigt das Vertrauen in der SpielerInnen-Community. Das Ensemble hatte sich selbst die Aufgabe gestellt, jede Frage zu beantworten, außer sie wäre zu persönlich. An diesem Abend wurde auf alles eine Antwort gegeben, egal wie bitter: Die Frage, welches Lied die SpielerInnen zur Beerdigung der eigenen Mutter improvisieren würden, traf tief und schmerzlich. Fast allen stand ein deutliches Nein im Körper geschrieben, aber sie überwanden die innere Ablehnung und rangen um eine Antwort. Hier wurde tatsächlich etwas persönliches auf der Bühne verhandelt.

„Wovon wird einer Klüger, in dem er zuhört und in dem man ihm etwas sagt.“ – Berthold Brecht

Fragen fragen und beantworten. Bricht man das Format auf sein Grundgerüst auf, dann ist es im Grunde einer Selbstbefragung, ein internes Interview einer Gruppe. Aber diese Fragen verließen den Bühnenraum mehr und mehr. Die Zuschauenden begannen sich selbst zu befragen, welche Antworten sie geben müssten und welche Fragen sie stellen würden. An diesem Abend gab es aber keine Möglichkeit für das Publikum Fragen an die Performer*Innen zu richten. Der darstellerischen Stärke des Ensembles ist es zu verdanken, dass die 90 Minuten nicht in eine Therapiesitzung umschlugen. Der Grad dahin ist aber schmal.

Our Lives: Community war ein nachhaltiges Theaterereignis. In meinem Kopf hat es viele Türen geöffnet und es formulierten sich Fragen zur Weiterentwicklung.

Fragen an das Format

Warum keine Fragen aus dem Publikum? Wenn man keine „blöden“ Fragen aus dem Publikum will, kann man sie dann nicht kuratieren? (Zum Beispiel indem das Publikum sie aufschreibt und die Spieler*innen nur sie inspirierende Fragen vorlesen.)

Ist eine Antwort genug? Ab und an schien mir eine Frage zwar beantwortet, aber nicht umfänglich, nicht ausreichend. Wären mehr Nachfragen nicht gut?

Was passiert, wenn man ein Thema setzt? Der Abend beschäftigte sich mit den Spieler*innen und ihrer Perspektive als Europäer*Innen. Würde man aber ein anderes Oberthema setzen, wie könnten dann die Fragen und die Fragen auf die Antworten vielleicht die Dimensionen eines Themas erschließen?

Läßt sich das Performative mit erzählerischen Strukturen mischen? An dem Abend war keine „herkömmliche“ Improszene zu sehen. Die bekannten Erzählformen wurden nicht genutzt, weil sie im Darstellen auch von den Darstellenden ablenken. Aber was passiert, wenn man sie mischt. Wenn man beispielsweise eine Stunde performativ auf Fragen antwortet und daraus inspiriert Szenen und Geschichten improvisiert und diese dann wieder befragt usw.

Was passiert mit der Zeit? Wie weit verändert sich das Format, wenn es 3, 5 oder 8 Stunden gespielt wird? Wann fallen die Schranken der Selbstzensur? Und ist das noch ansehenswert? Und wo ist das Ende? Denn das zu finden, war auch am Freitag Abend nicht leicht.

Ach ja, gefühlt könnte ich noch mehr Fragen stellen. Und genau das ist für mich das Geschenk solcher Experimente, sie inspirieren. Meist finden sie ihren Freiraum nur in den Spielplänen von Festivals. Daher sind Festivals so wichtig, sie sind die Kongresse und Tagungen der improvisierenden Zunft, die Tings der Impro-Community.

Our Lives: Community 22.03.2018, v.l. Gilles Delvaulx, Maja Dekleva Lapajne, Mia Møller/ Foto: Matthias Flurer
Our Lives: Community 22.03.2018, v.l. Gilles Delvaulx, Maja Dekleva Lapajne, Mia Møller/ Foto: Matthias Flurer
Thomas Jäkel
Follow

Thomas Jäkel

Gründungsmitglied und Redakteur von Impro-News.de, Gründer und Improspieler beim Theater ohne Probe, Leiter der Freien Studentenbühne Eberswalde, Mitorganisator des Berliner Impro Marathon und Anhänger eines gelassenen und tiefsinnigen Improvisationstheaters. Webseite: thomas-jaekel.de
Thomas Jäkel
Follow
Gefallen Dir die Artikel? Nimm dir eine Sekunde und helfe Impro-News per Patreon!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*