Lukas in China #1 – Impro im Reich der Mitte

Lukas und Tobias auf der Chinesischen Mauer
Lukas und Tobias auf der Chinesischen Mauer

Lukas Maier ist Komponist, Pianist und Impromusiker in München, spielt unter anderem für fastfood theater und Bühnenpolka und war Anfang 2017 für über 3 Wochen in China unterwegs. In seinem exklusiven Reisebericht für Impro News erzählt er über seine Erlebnisse mit der Improtheaterszene im Reich der Mitte.

Lukas Maier, Foto: Melissa Bungartz
Lukas Maier, Foto: Melissa Bungartz

Liebe Leserinnen und Leser,
ich war in China. Knapp einen Monat. Um dort zu improvisieren.

Wann auch immer ich von China hörte, ob in Form von Zeitungsberichten, Eindrücken aus Film und Fernsehen oder Erzählungen meines reiselustigen Vaters, war ich einerseits beeindruckt und verblüfft, im selben Moment aber auch überfordert und verstört. Die Größe des Landes, die Massen an Menschen, die fremden Gepflogenheiten oder die unbekannte Sprache und Schrift. Der Verkehr, der Smog, die staatliche Überwachung oder die politisch und gesellschaftlich umstrittene Situation im Allgemeinen. All das lag immer in sicherer Entfernung, berührte mich nicht in meinem Alltag und eine Reise in dieses Land der Superlative stand nicht unbedingt an erster Stelle auf meiner Prioritätenliste.

Gleichzeitig konnte ich aber nie verleugnen, dass das Reich der Mitte gerade wegen seiner Andersartigkeit und Exotik immer schon eine anziehende und faszinierende Wirkung auf mich ausgestrahlt hatte. Außerdem war ich länger schon wieder in Reisestimmung und hatte Lust auf einen etwas längeren Aufenthalt im Ausland und neue Erfahrungen im unbekannten Terrain. Dass ich mich letztendlich in „improvisationstheatraler“ Mission auf den Weg machen würde, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet, war aber ein weiterer Anstoß und große Motivation, um tatsächlich loszuziehen. Viele meiner Bekannten und auch ich selbst hatten keine Vorstellung von Improvisationstheater in China und sowohl vor als auch nach meiner Reise habe ich viele neugierige und verwunderte Reaktionen beobachten können. Nicht zuletzt deshalb habe ich mich entschlossen einen Reisebericht über meine kleine Impro-Tour durch Chinas Großstädte zu schreiben und zu versuchen, andere, unbekanntere Seiten dieses interessanten Landes zu beleuchten.

Exklusiv für Impro News möchte ich von meinen spannenden wie ernüchternden, verbindenden wie befremdlichen und wundervollen wie frustrierenden Erfahrungen erzählen. Ich bitte zu beachten, dass China ein Land im stetigen Wandel ist, in dem Dinge genauso schnell aus dem Erdboden sprießen, wie sie wieder verschwinden. Diese Tatsache könnte diesen Reisebericht bereits morgen jeglicher Aktualität berauben. Viele Eindrücke werde ich natürlich aus einer subjektiven Perspektive schildern, wie ich sie zusammen mit meinem Freund Tobias, der mich auf der Reise begleitet hat, wahrgenommen habe. Ich berufe mich außerdem auf Standpunkte und Einschätzungen von Menschen vor Ort, die ich soweit wie möglich auf Richtigkeit zu überprüfen versucht habe.

Am Ende dieses mehrteiligen Reiseberichts schließe ich mit einem Interview mit Sarah Hübner. Die Improspielerin, Theaterpädagogin und Deutschlehrerin, die schon seit drei Jahren in China wohnt, war vor Ort meine Kontaktperson Nummer eins. Sie kann uns noch einen ganz anderen Eindruck über Improvisationstheater in China vermitteln und wird am Ende meine offenen Fragen beantworten. Danke, Sarah!

Dieses „Ja“ war der Anfang meines Improabenteuers in China.

Mein Name ist Lukas Maier, ich bin 25 Jahre alt und arbeite als Komponist, Pianist und Impromusiker in München. Improvisationstheater gehört für mich in die Kategorie: „Dinge, die glücklicherweise plötzlich so in dein Leben geschubst wurden“. Kurz nach meinem Abitur 2011 in der oberbayerischen Provinz saß ich mit meinen beiden besten Freunden im Auto auf dem Weg zu meinem ersten Improgig in der damals abenteuerlich großen Hauptstadt München. Christine Sittenauer, eine der bekannteren Improschauspielerinnen Münchens, hat mich mehr oder weniger dazu gezwungen, Musik für ihre Improgruppe zu machen. Zu meinem Glück! Denn schon wenige Jahre später habe ich mich als gefragter Improvisationstheatermusiker in München etablieren können und spiele sowohl für die alten Hasen vom renommierten fastfood theater als auch für die jungen Wilden von der Bühnenpolka. Dazu kommen noch viele Gastauftritte, verschiedenste Langformkooperationen, Schülerprojekte und das internationale Ensemble Bake This. Dieses darf ich seit 2013 am Klavier begleiten und sollte eine besondere Schlüsselrolle für meine Chinareise spielen. Schlüsselrolle insofern, da ich die bereits erwähnte Kollegin, Sarah, damals überhaupt erst über die Bake This Crew habe kennenlernen dürfen und sie im letzten Sommer bei einer Bake This Veranstaltung wiedertreffen konnte. Sarah verließ besagte Improgruppe leider ungefähr zeitgleich mit meinem Eintritt, da sie zu Unterrichtszwecken nach China berufen wurde. Nach einer kurzen gemeinsamen Probenphase und einer Show war sie also erstmal völlig verschwunden bis zum Wiedersehen im letzten Jahr.

Wir trafen uns eines Abends in der Pause einer Bake This Show wieder und schnell schwebte, neben ein paar Rauchwolken meiner Zigarette, die fixe Idee einer China-Reise in der Luft. Beflügelt von Sarahs eindrucksvollen Erzählungen und von der absonderlichen Vorstellung in einem Land zu improvisieren, das sich für mich jeglicher Vorstellung entzog, sagte ich ohne lange Überlegung zu. Eine Entscheidung wie aus jedem Improlehrbuch: Sage „Ja“ und vertrau deinen Impulsen. Dieses „Ja“ war der Anfang meines Improabenteuers in China.

Das kleine Suzhou – das Venedig des Ostens

Sarah wohnt zusammen mit ihrem Freund Kai, ein sympathischer Australier und wohlgemerkt unser späterer Bühnenlichttechniker, in der Stadt Suzhou (Provinz Jiangsu), die ca. 85 Kilometer westlich von Schanghai liegt. Sie bestellte uns einen Fahrer, der uns am Flughafen Schanghai-Pudong abholte und zu ihr „aufs Land“ fuhr, wie die Chinesen „scherzen“. Suzhou, wegen seiner vielen Kanäle und wirklich ansprechenden Gärten auch „Venedig des Ostens“ genannt, gehört zu den berühmten kulturhistorischen Städten Chinas und ist vor allem für die Einheimischen ein beliebter Tourismusort. In einem chinesischen Sprichwort heißt es zum Beispiel: „Im Himmel ist das Paradies, auf Erden gibt es Suzhou und Hangzhou.“ Chinesen waren immer positiv entzückt, als wir ihnen berichteten, dass wir unser „China-Basecamp“ in Suzhou aufgeschlagen hätten. Sie freuten sich, weil es dort so schön klein und überschaubar sei. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Suzhou übrigens vierzehn Millionen Einwohner hat.

Im vermeintlich kleinen Suzhou sollte bereits wenige Tage später der erste Workshop mit dem Ensemble Channel 21, das Sarah dort aus der Erde hob, stattfinden. Als ich in Deutschland von der Gründung der Gruppe hörte, war ich begeistert und bewunderte Sarah sehr dafür.

Aber es war für mich schwierig, mir Improvisationstheater in China vorzustellen. Impro in einem Land der Zensur? Ich bin in Deutschland, in einer freien Demokratie aufgewachsen und es war Zeit meines Lebens selbstverständlich, alles überall immer so sagen zu können, wie ich es eben sagen wollte. Freie Meinungsäußerung ist für mich eine unverzichtbare Bedingung für künstlerisches Arbeiten im Allgemeinen, ins Besondere für die Umsetzung von Improvisationstheater. Die Philosophie des Improvisationstheaters und die Idee des Augenblicks stehen für mich in einem starkem Kontrast zu der unterdrückenden sozialistisch-autoritären Staatsform in China, in der kein Platz für Andersdenkende, für eine bunte Meinungsvielfalt oder gar regierungskritische Äußerungen zu sein scheint. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Fragen stellten sich mir. Gibt es dort wirklich eine Improszene? Wie gründet man dort eine Gruppe? Welchen Themen wenden sich die Darstellenden zu? Welche Spielvorschläge und Impulse wird das Publikum auf die Bühne rufen? Was wird man umsetzen?

Wird fortgesetzt…

Die Redaktion

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Die Redaktion hat diesen Text durchgesehen und veröffentlicht. Er gibt die Meinung der/des am Anfang genannten Autorin/en wieder. Ist niemand benannt, dann ist es die Meinung der Redaktion.
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