Interview mit Noah Telson über das Comedy Cafe Berlin

BERLIN – Seit Oktober 2015 gibt es das Comedy Cafe Berlin. Es wird gemeinschaftliche von den Freunden Nina Spiri, Dino Spiri und Noah Telson betrieben. Dan Richter traf sich zum Interview mit Noah und beide Sprachen über ihn, das Comedy Café und vieles mehr.

Dan Richter, Foto: www.danrichter.de
Dan Richter, Foto: www.danrichter.de

Dan: Wie lange wohnst du schon hier?

Noah: Ich wohne jetzt sechs Jahre hier. Aber ich habe in Berlin schon früher gelebt. Ich habe hier die Highschool abgeschlossen. Als ich siebzehn war, kam ich nach Berlin und ging dann an die JFK-Schule nach Zehlendorf. Und dann ging ich in die Uni in den Vereinigten Staaten. Aber ich wollte immer zurück nach Berlin kommen. Und so habe ich mich in ein Masters-Programm eingeschrieben, mit dem ich hierher kommen konnte.

Gute Atmosphäre für kreative Leute

Dan: Warum Berlin?

Noah Telson, Foto: Paul Green

Noah: Es scheint hier eine kreative Energie zu geben, die sehr spürbar ist und die einen an die 70er Jahre in New York und andere Orte in den USA erinnern, die gewissermaßen die kreative und künstlerische Bewegungen hervorgebracht haben. Ich habe den Eindruck, dass das im Moment hier passiert, und irgendwie wollte ich Teil dieser Bewegung sein. Und es ist eine Stadt, die sehr viel Spaß macht. Man kann es sich leisten. So etwas gibt es in den USA überhaupt nicht.

Dan: Du meinst, man kann es sich leisten, wenn man anfangen will, als Künstler zu leben?

Noah: Ja. Das ist der Punkt, den ich meine. Es gibt hier eine gute Atmosphäre für kreative Leute, die Zeit und Raum brauchen, um kreativ zu sein und sich nicht andauernd darüber den Kopf zerbrechen müssen, wie sie ihre Brötchen verdienen. (…)

Dan: Du hast in New York mit Improvisieren angefangen?

Noah: Ja, genaugenommen in New York. Ich ging zur Theaterschule. Ich hatte Theatergeschichte als Hauptfach gehabt und nahm dann an vielen Theaterstücken teil, und einiges davon war Impro. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich so viel wie hier gespielt habe. Als ich nach Berlin kam, habe ich bei ComedySportz vorgesprochen und wurde aufgenommen, und damit bekam ich erstmals richtiges Impro-Training.

Dan: Hast du viel Impro in New York gesehen.

Noah: Na ja. Ich war ein begeisterter Zuschauer von „Who’s line is it anyway“ und diesen Sachen. Von Langform-Impro wusste ich so gut wie nichts oder zumindest nicht, was die Unterschiede sind. Ich habe einiges von UCB (Upright Citizens Brigade) und ihrer Sketch Comedy mitbekommen. Damals wohnte mein Bruder in New York. Ich besuchte ihn und zusammen gingen wir dann zu UCB. Aber selber habe ich dort nicht improvisiert.

Kein Raum und keinen Respekt

Dan: Sprechen wir übers Comedy Cafe Berlin. Auf mich macht es einen gewissen amerikanischen Eindruck.

Noah: Ja, klar.

Dan: Ich war neulich beim Improv Jam und die Art, wie du es präsentiert hast, erinnerte mich an einige amerikanische Shows, die ich damals gesehen habe. Ist das Absicht oder fließt das ganz natürlich?

Noah: Wahrscheinlich beides. Ich nehme Impro aus einer bestimmten Perspektive, einem bestimmten Interesse wahr. Und ein großer Teil dieses Interesses ist zuhause in den USA entstanden, aus einem bestimmten Stil, von UCB, von i.O. und diesen Sachen. Der Impro-Jam hat definitiv da seine Quelle. Ich war noch nie bei einer deutschen Open Stage Impro Jam, ich weiß nicht, wie das dort ist, also kann ich nur etwas aus meinen eigenen Erfahrungen erschaffen. Ich kann mir ein paar Unterschiede vorstellen, weiß aber nicht, ob das auch so ist.

Dan: Verstehe. Warum hast du das Comedy Café eröffnet?

Noah: Wir, das heißt die englischsprachige Impro- und Comedy-Szene, litten ein bisschen darunter, keinen Raum zu haben. Kein Raum und keinen Respekt. Respekt ist vielleicht zu viel gesagt, aber wir waren es müde, dass man dort, wo wir auftraten, an uns immer nur in zweiter Linie dachte. Man ging in eine Bar, baute eine hilfsmäßige Bühne in der Ecke eines großen Raums auf, wartete darauf, dass die Anwesenden ruhiger wurden, die sich kaum dafür interessierten. Das heißt, es gab keinen richtigen Raum für uns. Und dann gab es Orte wie den Kookaburra, der ein richtiger Comedy Club ist, wo wir auch auftraten, aber deren Hauptfokus sind die deutschen Shows, und das zu Recht, denn damit machen sie wesentlich mehr Umsatz. Die Dienstagabende, an denen wir spielten, brachten nicht so viel Umsatz. Das heißt, es ging uns darum, unsere Comedy mehr in den Fokus zu rücken, indem wird den Leuten eine Heimat geben, die diese besondere Art der Comedy aufführen, sei es Langform-Impro oder Comedysportz oder Stand Up, ich meine Stand Up im englischen oder amerikanischen Stil. Ich wollte auch die beiden Erfahrungen miteinander verschmelzen – auf großen Bühnen und in kleinen Bars aufzutreten. Also die Erfahrung, auf einer richtigen Bühne aufzutreten, statt auf Bierkisten, wo man Licht und Fokus hat, wo man eine Kasse und eine Institution um die Show herum, während man immer noch eine entspannte Atmosphäre hat, man kann sein Bier mit in die Show nehmen, man kann dort abhängen, das ist alles Teil der Atmosphäre. Die Bühne ist niedrig, so dass man Augenkontakt mit dem Publikum herstellen kann. Diese zwei Seiten miteinander zu verbinden, darum ging es mir. Und in gewissem Maße ist uns das auch gelungen.

Dan: Wenn du über die Unterschiede des Stils sprichst, meinst du ja nicht nur die Sprache. Wo siehst du die Unterschiede zwischen deutscher und englischsprachiger Comedy und Impro?

Noah: Ich glaube, der entscheidende Unterschied ist die Frage: Was ist das Ziel von Impro? (Ich spreche jetzt mal nur über Impro.) Ist unser Ziel, das Publikum zum Lachen zu bringen? Ist unser Ziel Comedy? Oder ist unser Ziel etwas Größeres als Comedy? Ich komme von dem Standpunkt, dass das Ziel Comedy ist. Ich möchte Menschen zum Lachen bringen. Ich bin weniger interessiert daran, das Dilemma der Menschheit zu entfalten. Wir können diese Dinge berühren, aber eben durch Comedy. Aber mein oberstes Ziel ist, die Leute zum Lachen zu bringen und zu sehen, was die Kriterien dafür sind. Manchmal überlappt sich das. Man kann über „Wahrheit in der Comedy“ (Truth in Comedy) reden, wie Del Close. Sind wir ehrlich mit unseren Szenen? Und wenn ja, wie lassen wir aus dieser Wahrheit Comedy entstehen? Oder ist es irgendetwas anderes? Ich glaube, es gibt ein paar Unterschiede zwischen deutschem und englisch-amerikanischem Impro-Publikum, die andere Erwartungen an Impro haben. Ich glaube, deutsches Publikum mag Impro sehr. Sie finden es lustig, aber sie sind sehr ruhig. Es gibt nicht so viel Interaktion, während in amerikanischer Impro die Zuschauer wie Rocker sind – viel Interaktion, sehr viel Gelächter. Vielleicht verallgemeinere ich ein bisschen zu viel.

Dan: Das ist schon in Ordnung. Ich meine, es ist ja klar, dass das deine persönliche Perspektive ist.

Noah: Ja, darüber könnte man stundenlang reden.

Dan: Wenn du einen Traum wahr werden lassen könntest, wie sähe das Comedy Café in fünf oder zehn Jahren aus?

Noah: Ich möchte den Ausbildungs-Teil ausbauen. Ich möchte noch mehr Berlinern nahe bringen, was wir hier machen, damit sie interessiert sind und vielleicht selbst mitmachen. Ich möchte jeden Abend Shows haben, nicht nur vier Mal pro Woche. Ich möchte mehrere Shows pro Tag haben. Und das hieße, ein paar grundlegende Dinge im Programm zu ändern. Länger geöffnet zu haben ist hier ein gesetzliches Problem. Ich würde gern ein bisschen von diesem Kram bewältigen. Aber abgesehen von diesen strukturellen Problemen, möchte ich viel mehr Workshops anbieten, möchte Leute anziehen, die ihre eigenen Langform-Gruppen bilden, Teams, mit denen wir Cage-Matches und so ein Zeug haben können. Kurz gesagt: Ich will jede Woche einen Impro-Abend haben und jeden Abend ein Publikum, dass sich das auch anschaut.

Ups, was geht hier eigentlich ab? Warum mögen die das nicht?

Dan: Ich wünsche dir viel Glück damit. Das heißt, dein Herz schlägt für die Comedy. Machst du Unterschiede zwischen Lang- und Kurzform-Impro?

Noah: Ja. Ich führe beides auf, also ich will jetzt nicht das Eine gegen das Andere ausspielen.

Dan: Du trittst sowohl bei Good Luck Babara (Langform) und Comedy Sportz (Kurzform) auf?

Noah: Ja. Ich glaube, jetzt im Moment, das heißt, während ich versuche, meine Impro-Kenntnisse und -Fähigkeiten immer mehr zu verbessern, interessiere ich mich ein klein bisschen mehr für Langform und dafür, was das anbieten kann, aber Kurzform-Zeug gibt mir immer noch einen enormen Nervenkitzel. Es ist fast zu leicht, Comedy aus Kurzform zu erschaffen, da sie gewissermaßen schon in der Kurzform eingebaut ist. Es ist ungeheuer befriedigend, Menschen mit einem Kurzform-Game zum Lachen zu bringen. Aber ich sehe, dass das Café eher die Richtung Langform einschlägt. Ich glaube, dass damit mehr Leute angezogen werden.

Dan: Ich möchte noch mal auf die Unterschiede zu sprechen kommen. Du hast vorhin gesagt, dass die englischsprachigen Improvisierer (oder zumindest du selbst) mehr auf Comedy orientiert sind. Heißt das, dass die Deutschen sowohl Comedy als auch nicht-komödiantische Impro machen? Oder heißt es vielmehr, dass die Deutschen einfach nicht so lustig sind?

Noah: Oh, das ist aber eine ziemlich delikate Frage. Ich möchte hier nicht eine Falle treten, will aber auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich glaube, es gibt ein unterschiedliches Gespür für komisches Timing, sowohl was die Schauspieler als auch das Publikum betrifft. Die deutschen Schauspieler und Zuschauer scheinen einander zu verstehen, und als Außenstehender frage ich mich: „Ups, was geht hier eigentlich ab? Warum mögen die das nicht?“ Und dann merkt man, oh, die mögen es ja, aber sie mögen es auf eine andere Art. Und das empfinde ich manchmal als Herausforderung, die ich überwinden muss.

Dan: Diese Erfahrung machst du mit englischsprachigem Publikum nicht?

Noah: Nein. Bei einem englischsprachigen Publikum (nennen wir es jetzt einfach mal so), merkt man genau, wann das Publikum eine gute Zeit hat. Man weiß, wann es eine gute Show und wann es eine schlechte Show ist. Und das erkennt man daran, dass sie Lärm machen, oder eben auch nicht, etwa wenn sie einfach gehen. Das ist immer ziemlich glasklar. Es gibt diesen Witz von Paul Salmon, der einer der Komiker hier ist. Ich will mich jetzt nicht an seinem Material bedienen, aber es zeigt ziemlich genau, womit wir uns hier herumschlagen. Er hat einen Auftritt, und da ist ein Deutscher in der ersten Reihe, der die ganze Zeit nicht lacht und ihn einfach nur anstarrt. Nach der Show kommt der Typ zu ihm und sagt: „Das war eine großartige Show.“ Paul daraufhin: „Warum hast du dann nicht gelacht“, woraufhin der Typ antwortet: „Ich wollte dich nicht ablenken.“

Dan: Na ja, ich hab diese Erfahrung auch manchmal bei meinen Lesebühnen-Auftritten. Da gibt es einen Stammzuschauer, der mich jedes Mal anstarrt. Er macht nichts als nur Starren, aber er liebt es. Er lädt seine Eltern und Freunde ein, er…

Noah: Ist das nicht zermürbend?

Dan: Ja, klar. Auf der anderen Seite, bei einigen Shows meiner Impro-Gruppe Foxy Freestyle ist Comedy nicht das erste Ziel. Wenn dann etwas Komisches passiert, dann eher nebenbei, aber nicht, dass wir danach zielen. (Ich rede jetzt von einigen unserer Shows.) Die Stille, die dabei entsteht, kann für den einen oder anderen Spieler (auch für mich selbst) manchmal etwas irritierend sein. Aber wenn man sich nur die Show anschaut, war diese Stille völlig in Ordnung. Ich selber hätte auch nicht laut losgelacht. Das Publikum lächelt, ist an bestimmten Stellen mitgenommen, es geht mit dem Flow.

Noah: Ja, absolut. Dem würde ich überhaupt nicht widersprechen. Das ist auch, was wir unterrichten: „Folge der Furcht!“ „Verfolge das Schweigen!“ „Hab keine Angst davor, leise zu sein. Hab keine Angst vor dem Schweigen.“ Aber wenn ich mir das Stück als Ganzes anschaue, dann frage ich mich: „War es lustig?“ Und ich glaube, das ist der Unterschied. Ich rede jetzt von solchen furchtbaren Dingen, wie wenn ein Impro-Spieler einen Witz erzählt. Das hasse ich. Oder wenn jemand Fratzen zieht. Zumindest in Langform. Das zerstört einfach die Wirklichkeit. Da stimme ich mit dir völlig überein. Selbst wenn es lustig war, es ist einfach ein anderer Stil von Humor, der einfach nicht mit Langform besonders gut funktioniert. Aber die Frage ist: Bist du bereit und qualifiziert, Comedy aus einer Szene heraus zu entwickeln? Ich glaube nicht, dass das jeder kann. Und nicht jeder will das überhaupt. Manche Leute sind einfach von Natur aus lustig und können Comedy aus allem entwickeln, ohne einen Witz zu erzählen, ohne auf einen Scherz zurückgreifen zu müssen. Kennst du TJ & Dave?

Dan: Ja, klar.

Noah: Die sind ja ein großartiges Beispiel fürs Improvisieren von Realität und gleichzeitig ungeheuer lustig zu sein. Das ist der beste Humor, die beste Comedy.

Dan: Und dennoch haben sie lange Sequenzen von Ruhe.

Noah: Ja, natürlich. Aber sie wissen, dass das Publikum darauf vertraut, dass sie es zum Lachen bringen. Sie werden etwas ungeheuer Lustiges daraus machen. TJ & Dave sagen zwar, wir versuchen nicht, lustig zu sein. Aber ich glaube ihnen das nicht. Sie sind irre komisch.

Dan: Sie haben blinde Flecken für ihr Können?

Noah: Sie wissen, dass sie lustig sind. Sie spielen im i.O., und da weiß man eben, dass es eine Comedy-Show wird. Man geht da nicht hin, um „Theater“ zu sehen. Das sind in meinem Kopf zwei verschiedene Dinge. Sie sind verwandt, aber verschieden. UCB ist vielleicht noch ein besseres Beispiel. Sie haben das „The Upright Citizens Brigade Comedy Improvisation Manual“ herausgegeben, und das ist eben Comedy. Sie lehren eine Langform-Formel, und die ist darauf angelegt, um Leute zum Lachen zu bringen.

Es soll kommen, wen es interessiert

Dan: Lass uns noch mal über das Publikum sprechen: Wen willst du ins Comedy Café bringen? Deutsche oder die Expats?

Noah: Eine schwierige Frage. Ich glaube, als wir den Laden eröffneten, hatten wir eine klare Meinung darüber: Wir wollten Deutsche hierher bringen. Und das haben wir auch so formuliert. Jetzt denke ich, es soll kommen, wen es interessiert. Und ich denke, es gibt eine Menge Deutsche, die sich dafür interessieren. Und das ist es, worum es mir geht. Es gibt so viele Expats, die nie hierher kommen werden, sogar meine Freunde. Also, es ist mir nicht wichtig, wo du herkommst, sondern darum, was dir wichtig ist. Wir können wirklich noch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit für die Deutschen machen, mehr Sachen auf Deutsch posten usw. Aber die meisten unserer Shows sind eben auf Englisch. Wir haben einen deutschen Abend. Aber für diese Show bekommt man, so seltsam das auch klingt, am schwersten ein Publikum, was genau das Gegenteil ist von dem, was ich erwartet hatte. Ich dachte eine Deutsche Show in Deutschland wäre leicht. Aber das ist unser schwierigster Kampf im Moment.

Dan: Vielleicht ist es ja auch ein gutes Zeichen, in dem Sinne, dass ihr euch schon einen Namen für englischsprachiges Publikum gemacht habt?

Noah: Diese Reputation will ich gar nicht. Das passiert sowieso. Wofür ich bekannt sein will, ist, einen neuen Stil von Comedy einzuführen. Und vielleicht ist das der Grund, weshalb es für uns so schwer ist, an Donnerstagen ein deutschsprachiges Publikum zu bekommen. „Alternative Stand Up – Alternative Deutsche Comedy-Show“, so nennen wir das. Ich kann noch nichts endgültig darüber sagen, aber ich habe das Gefühl, dass viele von ihnen denken: „Oh, alternativ, das ist Underground, kein Mainstream. Dann kann es nicht so gut sein. Oder sie denken Alternativ heißt amerikanische oder englische Stand Up, dann schaue ich es mir doch gleich auf Englisch an, weil es dann viel lustiger ist. Manche Deutsche haben genau das zu mir gesagt: „Das deutsche Zeug ist nicht lustig. Nur das englische Zeug ist lustig.“ Ich mache diese Unterscheidung nicht.

Dan: Wo suchst du nach deutschen oder englischen Impro- oder Comedy-Acts?

Noah: Wir sind voll im Netzwerk drin. Das englischsprachige Netzwerk hat sowieso deutschsprachige Comedians drin. Manche lustigen deutschen Komiker haben mit englischsprachigen Auftritten angefangen und sich dann gesagt: „Hm, ich könnte ein größeres Publikum erreichen, wenn ich dasselbe auf Deutsch versuche.“ Vincent Pfäfflin ist so ein Beispiel, der inzwischen eine richtig große Nummer geworden ist. Für einen Underground-Komiker ist er wirklich riesig groß. Der hat genau das gemacht. Er hat das alternative englische Format genommen und es ins Deutsche transformiert. Wir zapfen also gewissermaßen dieses Netzwerk an.

Dan: Als ich hier bei der Eröffnungs-Show war, gab es eine Menge britischer Komiker. Wohnen die hier? Ladet ihr die mit einem Haufen Geld ein? Oder wie funktioniert das?

Noah: Mit einem Haufen Geld bestimmt nicht. Tatsächlich wohnen viele hier. Wir haben das Glück, dass die englischsprachige Comedy-Szene ziemlich gut mit London verbunden ist. Viele sind dort schon aufgetreten und haben diese Erfahrung mit hierher gebracht. Englische Komiker kennen noch viele Leute von zu hause. Viele sind auf Tour, und dann buchen wir sie hier. Das ist das eine. Aber wir haben auch viele englische Komiker, aber sie sollten eben vor einem größeren Publikum aufgetreten sein. Wie man sich ja vorstellen kann, können wir denen nicht so viel bezahlen. Aber wir haben eine ziemlich faire Einnahmenteilung. Und so können wir einige der wirklich großen Namen, wie zum Beispiel Hari Kondabolu, hierher einladen, und zwar nur durch Kartenverkäufe. Der Laden selbst erwirtschaftet durch die Shows keinen Gewinn ab. Wir decken die Fixkosten, und dann versuchen wir natürlich, die Leute zum Trinken zu animieren.

Ich will wirklich wissen, was die Deutschen zum Lachen bringt.

Dan: Noch etwas ganz anderes: Als ich hier bei der Eröffnungs-Show war, haben 90 Prozent der Komiker Witze darüber gemacht, wie ihr toller Humor von den Deutschen nicht verstanden wird oder allgemeiner gesagt – über ihr Fremdsein in Deutschland. Wie lange, meinst du, kann man diese Art von Humor aufrechterhalten?

Noah: Bis das Publikum aufhört, darüber zu lachen. Hm, vielleicht ist es gut, sich mit jemandem wie dir – einem Deutschen – darüber zu unterhalten. War es für dich lustig?

Dan: Für mich war ein paar der Witze lustig. Aber die meisten waren Klischees, die ich schon hundertmal gehört habe. Aber ich verstehe es natürlich auch. Wenn man neu ist in Berlin, oder überhaupt in einer fremden Stadt, fragt man sich die ganze Zeit: Warum sind denn die Leute so komisch hier?

Noah: Ja. Wenn du dir die Komiker anschaust, die neu nach Berlin kommen, kannst du eigentlich alle ihre ersten Witze vorhersagen. Es geht immer irgendwie darum, wie die Deutschen humorlos sind und gerne die Regeln befolgen und „Ist es nicht komisch, wie sie alle bei Rot stehenbleiben?“ und dann noch irgendwas über den Supermarkt. Aber ich glaube, wenn ein Komiker oder eine Komikerin ihre Komik entwickelt, wenn sie sich selber entwickeln, dann lernen sie, nuanciertere Dinge zu beobachten und werden das Territorium des Offensichtlichen verlassen. Und ich glaube, das ist einfach ein Symptom davon, dass das hier eine sehr junge Szene ist.

Dan: Ja, klar. Ich bin eigentlich mit meinen Fragen durch. Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Noah: Hm. Ja. Ich glaube, es ist eine wichtige Diskussion, die man über die deutsche Comedy führen muss, grade jetzt, wo Jan Böhmermann möglicherweise strafrechtlich für seine Comedy verfolgt wird. Man muss sich anschauen, welche Diskussionen um dieses Thema drumherum geführt werden. Es geht ja nicht nur um die Redefreiheit, sondern darum, was Humor ist und was macht eine Sache lustig? Man kann zwar über Zensur reden und ob das richtig oder falsch ist. Aber man kann genauso darüber reden, ob das, was er gemacht hat, lustig ist. Und wenn es lustig ist, warum ist es lustig? Und wenn es nicht lustig ist, warum nicht? Ich habe den Eindruck, dass er sich ein bisschen versteckt hinter der Attitüde: „Na, in den USA machen sie sowas ja auch.“ Er hat sich ja selbst als den deutschen Jon Stewart bezeichnet oder sich zumindest so inszeniert. Und ich finde seine Comedy eigentlich immer noch ein bisschen rudimentär. Aber natürlich glaube ich nicht, dass das, was er gemacht hat Strafverfolgung verdient. Das ist ja absurd. Aber warum ich das überhaupt anspreche: Viele Leute in Berlin oder in Deutschland überhaupt sind ziemlich zögerlich in Bezug auf Comedy, in Bezug auf die neue Comedy-Welle, die weggeht vom Kabarett, magischer Comedy, politischem Kabarett und diesen Sachen und die stattdessen auf aufrichtigen Sichtweisen beruht, auf ehrlichem, selbstreflektierendem, selbstironischem Humor. Ich will wirklich wissen, was die Deutschen zum Lachen bringt und ob sich die Art, wie sie Humor wahrnehmen, verändern kann. Und ich glaube, dass das der Fall sein wird. Ich glaube, dass das hier schon bewiesen wurde. Ich hätte nicht in Deutschland einen Comedy Club eröffnet, in dem Englisch gesprochen wird, wenn ich nicht geglaubt hätte, dass es auch funktioniert.

Dan: Aber wird es nicht immer kulturelle Differenzen geben, wenn wir zum Beispiel das amerikanische „The Office“ mit dem britischen vergleichen?

Noah: … und mit dem deutschen.

Dan: Oh nein! Oh nein! Lass uns bitte über die deutsche Version schweigen. Die ist ja entsetzlich. Aber wenn wir nur die amerikanische und die britische Version vergleichen, da sehen wir riesige Unterschiede.

Noah: Fandest du eine lustiger als die andere?

Dan: Ich habe ein paar Ausschnitte vom amerikanischen „Office“ gesehen. Aber von dem, was ich bisher gesehen habe, bin ich mir sicher, dass ich die britische Version bevorzuge.

Noah: Weißt du, warum?

Dan: Ja, ich glaube schon. Ich glaube, soweit ich es sehe, ist die amerikanische Version mehr wie eine Sitcom. Es gibt da einen Haufen Charaktere, und die kommen immer und immer wieder. Sie sind ein bisschen glamouröser. Wenn ich aber Ricky Gervais’ Figur sehe, dann will ich ins Kissen beißen. Das ist dann wirklich, wirklich peinlich.

Noah: Und deshalb magst du es!

Dan: Genau! Deshalb mag ich es.

Noah: Das ist wirklich interessant. Denn der Grund, warum ich es nicht ganz so sehr mag, ist, dass ich dieses Gefühl nicht ertragen kann. Ich lache nicht, sondern es ist mir peinlich.

Dan: Ja. Und wenn wir mal in die Vergangenheit zurückgehen, sagen wir in die 1930er und 40er Jahre… Hm, jetzt wollte ich Chaplin erwähnen, aber der ist ja auch Engländer.

Noah: Na ja, er verbrachte den Großteil seiner kreativen Zeit in Amerika.

Dan: Andererseits waren es Hitchcock und Chaplin, die Hollywood ein bisschen europäischen Stil injizierten. Aber egal. Nehmen wir Buster Keaton und Harold Lloyd auf der einen Seite. Und in Deutschland hatten wir in der Zeit Karl Valentin. Ich weiß nicht, ob dir der Name etwas sagt.

Noah: Nein.

Dan: Er war aus München. Und seine Comedy war zum Teil sehr schmerzhaft anzusehen. Wenn Harold Lloyd oder Chaplin hinfallen, dann stehen sie sofort wieder auf. Fallen! Boing! Aufspringen! Weiterrennen. Wenn aber Valentin über den Tisch fällt, dann schmerzt es. Es tut weh, es anzusehen. Er hat auch eine Menge Hörspiele gemacht. Und die funktionieren nicht nach dem Muster Witz mit Pointe. Es ist eher eine Form der grusligen Comedy. Es geht um das totale Missverstehen. Im Impro würden wir sagen: Er blockiert Ideen, immer und immer wieder. Und er verfängt sich in einer Falle. Ähnlich ist es heute bei Helge Schneider, der nicht auf Witze aus ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Amerikaner überhaupt verstehen, was der da treibt.

Noah: Na ja, ich würde sagen, dass es eine Menge amerikanischer Komiker gibt, die Comedy ohne Pointe betreiben. Die großen Komiker erzählen Beobachtungshumor. Es ist schon komisch. Ich habe ein bisschen eine entgegengesetzte Perspektive. Ich hätte jetzt gesagt, dass die deutsche Comedy, die man so sieht, ziemlich klassisch ist.

Dan: Ja, damit stimme ich völlig überein: Die deutsche Mainstream-Comedy ist entsetzlich.

Noah: Ja!

Dan: Aber wovon ich gerade spreche, sind die Dinge, die von Anfang an völlig anders sind.

Noah: Ja, diese Leute stechen historisch hervor.

Dan: Karl Valentin bekam ja mal ein Angebot, in die USA zu gehen, aber er hatte Flugangst. Er blieb die meiste Zeit in München. Ab und zu kam er nach Berlin, wo er ein viel besseres Publikum als in München hatte. Einmal fuhr er nach Österreich, und das war’s.

Noah: Und wie lange ging seine Karriere?

Dan: Ungefähr bis Mitte der dreißiger Jahre.

Noah: Kein Wunder.

Dan: Ja, aber es ist nicht so einfach. Sein Humor war ziemlich düster, manchmal sogar grausam. In den dreißiger Jahren hatte er ein Panoptikum, wo es eine Guillotine gab, mittelalterliche Folterinstrumente, und dabei blendete er offenbar völlig aus, dass zur selben Zeit außerhalb Münchens eines der größten Konzentrationslager errichtet wurde. Und gegen Ende der dreißiger verlor er seine Fähigkeit, lustig zu sein.

Noah: Das ist eine traurige Geschichte.

Dan: Ich danke dir, dass du sie dir angehört hast.

Noah: Ich danke dir.

Comedy Cafe Berlin

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Thomas Jäkel

Gründungsmitglied und Redakteur von Impro-News.de, Gründer und Improspieler beim Theater ohne Probe, Leiter der Freien Studentenbühne Eberswalde, Mitorganisator des Berliner Impro Marathon und Anhänger eines gelassenen und tiefsinnigen Improvisationstheaters. Webseite: thomas-jaekel.de
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