Masken im Improvisationstheater

von Heike Reissig:

Masken haben eine uralte und faszinierende Tradition. Ihre Wurzeln liegen im Kult und bei vielen Völkern werden sie noch heute bei rituellen Tänzen verwendet. In unseren Breitengraden haben bekanntlich viele Menschen große Freude daran, sich zu Karneval oder Fastnacht hinter einer Maske zu verstecken. Auf der Bühne sind Masken hierzulande eher selten zu sehen; sie werden vor allem mit Commedia dell’arte sowie japanischem und chinesischem Theater in Verbindung gebracht.

Masken finden aber schon seit langem auch im Improvisationstheater Verwendung. Keith Johnstone, der legendäre Schauspiellehrer, Gründer des Loose Moose Theatre in Calgary, Kanada und einer der Begründer des modernen Improvisationstheaters, arbeitet schon seit den 1960ern mit Ganz- und Halbmasken und entwickelte daraus sein Konzept der „Trance Masks“. Diese Tradition der Maskenarbeit wird heute vor allem von Steve Jarand weiter vermittelt, einem Schüler von Keith Johnstone und Ensemblemitglied des Loose Moose Theatre.

Steve Jarand
(c) Steve Jarand

Kürzlich nahm ich an einem Masken-Workshop mit Steve teil und konnte bei dieser Gelegenheit ein interessantes Interview mit ihm führen. Darin gewährt er einige philosophische Einblicke in die faszinierende Welt der „Trance Masks“ und erklärt, wie die Arbeit mit Masken Impro-Darstellern helfen kann, auch wenn sie beim Improvisieren eigentlich gar keine Masken benutzen.

H: Steve, du arbeitest schon sehr lange mit Masken. Warum arbeitest du so gern mit ihnen?

S: Weil sie nicht urteilen, weil sie keine bestimmte Haltung haben, weil sie nicht versuchen, besser zu sein als ich. Sie sind einfach nur. Wir können keine Referenzen oder rationale Argumente benutzen, um sie besser zu machen. Solche Dinge können wir in unserem alltäglichen Leben einsetzen, wenn wir erreichen wollen, dass etwas besser aussieht als es ist. Wenn jemand viele Diplome hat, kann er so reden und handeln, als ob er mehr weiß, auch wenn das keinen Sinn ergibt; die Leute werden ihm glauben oder es zumindest versuchen, sie werden ihren Instinkt und ihre tieferen Gefühle unterdrücken, nur um ihm zu glauben, denn das ist das, was sie denken sollen oder was sie zuvor bereits gedacht haben. Doch all diese gesellschaftlichen Spielregeln oder Statusgeschichten kann man bei Masken nicht einsetzen, denn Masken sind viel einfacher gestrickt und viel näher an der Wahrheit als wir.

Wenn Kinder während einer Show aufstehen und gehen, weil sie sich langweilen oder sagen „das ist blöd!“, was kannst du darauf erwidern? Du kannst es nicht abstreiten. Du kannst nicht sagen, „weißt du, wir sind hier in einem Theater und du sollst so und so denken und fühlen“. Das geht nicht. Sie sind Kinder, also akzeptieren wir es. Und genau so ist es auch mit Masken: Was auch immer sie fühlen oder nicht fühlen, müssen wir akzeptieren.

H: Du bietest Masken-Workshops und die Arbeit mit Trance Masks für Improdarsteller an. Warum nennt sich das „Trance Masks“?

S: Weil wir versuchen, die Teilnehmer durch die Arbeit mit den Masken in eine Art Trance zu versetzen und ihnen so zu ermöglichen, diesen urteilsfreien, einfachen, kindlichen Wesenszustand, von dem ich eben sprach, wieder zu entdecken.

H: Damit sie nicht so verkopft sind und stattdessen intuitiv reagieren?

S: Genau.

H: Trance Masks bezieht sich auf die Arbeit mit Halbmasken, also auf Masken, die nur einen Teil des Gesichts bedecken.

S: Das stimmt. Wir arbeiten zwar auch mit Ganzmasken, aber wir verwenden Halbmasken, um die Leute in diesen tranceähnlichen Zustand zu versetzen und ihnen so zu ermöglichen, ihren Verstand und ihre Gedankenmuster einmal beiseite zu stellen. Dann können sie mithilfe der Halbmaske ganz unmittelbar und intuitiv aus dem Moment heraus reagieren. Sie können spüren, was genau gerade in diesem Moment passiert und wie sich das von Moment zu Moment ändert.

H: Kannst du mal etwas näher beschreiben, wie die Arbeit mit den Halbmasken eigentlich abläuft?

S: Wir benutzen dabei einen Spiegel, um auf diese Weise das Gesicht zu isolieren. Dieser Spiegel wird der Person, die die Maske trägt, vor das Gesicht gehalten. Sie sieht dann nur die Halbmaske im Spiegel und die Teile ihres Gesichts, die nicht von der Maske bedeckt sind, also vor allem den unteren Gesichtsbereich, Mund, Kiefer, Kinn. Und dann erlebt sie, wie dieser sichtbare Teil von ihr sich mit der Halbmaske zu einem neuen, ausdrucksstarken Wesen verbindet. Dieser Moment der Begegnung ist sehr aufregend.

H: Wenn ich dich richtig verstehe, geht es also darum, spontan und ohne nachzudenken auf den Anblick des Spiegelbildes zu reagieren und die Halbmaske auf diese Weise ganz intuitiv durch die eigene Gesichtsmimik zu ergänzen. Bei unserem Workshop heute Nachmittag hast du gesagt, dass es auch auf die richtige Balance ankommt. Es geht darum, wirklich sofort zu reagieren, sobald man das Spiegelbild sieht. Warum?

S: Wenn man zu lange wartet, reagiert man nicht mehr intuitiv, sondern weil man eine bestimmte Idee oder Vorstellung im Kopf hat. Meistens haben die Leute die Maske vorher ja auf dem Tisch liegen sehen, bevor sie sie aufsetzen und dann fängt man oft ganz automatisch an, sich vorzustellen, wie sie sich wohl anfühlen wird und wie sie wohl aussehen wird, wenn man sie erst trägt. Ganz wichtig ist aber auch, dass man das Spiegelbild wirklich gut sehen kann. Wenn du die Maske aktivierst, bevor du sie überhaupt sehen kannst, reagierst du ebenfalls nicht intuitiv, sondern auf Basis einer bestimmten Vorstellung, die du hast. Dann bist du nicht wirklich im Moment und deine Begegnung mit dem Spiegelbild ist nicht intuitiv, sondern überlegt.

H: Es ist ja sehr wichtig, dass du als Trainer die Leute anleitest, wenn sie eine Maske tragen und sie bei dieser Erfahrung begleitest.

S: Ja. Manche Leute erleben so eine Art allgemeines, abstraktes Gefühl des „Maskiertseins“, andere reagieren ganz aufgeregt oder wild. Wenn ich die Teilnehmer anleite, fordere ich sie bewusst dazu auf, ihre Reaktion groß und stark zu machen. Das erzeugt bei vielen einen wahren Energieschub. Das ist auch gut so, aber es kommt auch darauf an, dieser Energie und Ausdrucksstärke eine Richtung zu geben. Wir, die Zuschauer, möchten auch sehen, dass die Person in der Maske etwas Konkretes, Reales tut und dass sie ehrlich dabei ist. Vor allem aber versuchen wir darauf zu achten, dass die Person in der Maske wirklich unmittelbar und intuitiv reagiert, ohne es vorher zu planen.

H: Es geht also darum, ehrlich zu sein, zu spüren, was in dem Moment, wenn man sein Spiegelbild erblickt, wirklich da ist und diese intuitive Reaktion dann zu nutzen, um die Maske mit Leben zu füllen?

S: Ja.

H: Ehrlich zu sein bedeutet dann also auch, dass man vielleicht lernen kann zu erkennen, wann man nicht ehrlich ist und einfach nur schauspielert? Und dass man das Erkennen dieses Unterschieds mithilfe der Masken trainieren kann?

S: Das stimmt. Es geht nicht darum, ob unser Verstand dazwischenfunkt und versucht, unsere Handlungen zu kontrollieren, zu manipulieren oder zu beurteilen, sondern darum, wann er es tut. Unser Verstand funkt immer dazwischen. Das ist ja die Aufgabe unseres Verstandes, er soll verstehen, begreifen, Pläne machen. Es ist also ganz normal, dass wir unseren Verstand dauernd einsetzen wollen, auch dann, wenn wir mit Masken arbeiten. Worum es geht, ist die Fähigkeit zu entwickeln, den Verstand im Hintergrund zu halten und zu sehen, wie weit wir ihn ausschalten können, damit unsere Intuition, Spontaneität, Impulsivität oder wie auch immer man es nennen will, mehr Raum bekommt. Im Grunde trainieren wir, den Verstand auszuschalten.

H: Inwiefern kann die Maskenarbeit hilfreich für Improdarsteller sein, wenn sie beim Improvisieren gar keine Masken benutzen?

S: Alle Improdarsteller, ob es ihnen nun bewusst ist oder nicht, haben diese Neigung, die Dinge mit ihrem Verstand zu kontrollieren und in ihren Gedanken eine Zukunft zu erschaffen, die noch gar nicht da ist. Das bedeutet aber, dass sie eigentlich gar nicht mehr improvisieren: Stattdessen sind sie verkopft, sie denken darüber nach, wo sie sein sollten oder darüber, wo sie gerade waren. Sie sind überall, nur nicht im Moment. Die Maskenarbeit kann uns helfen zu lernen, nicht ständig im Voraus zu planen und stattdessen im Moment zu sein. Und diese Lernerfahrung kann man dann natürlich auch in die reguläre Improvisation ohne Masken mit einbringen. Die Zuschauer planen niemals im Voraus, sie sind einfach nur bereit und warten auf das, was passiert. Wenn du es schaffst, mehr wie sie zu sein, entsteht dadurch eine Verbindung oder Nähe, die vieles beim Improvisieren einfacher macht. Es ist doch schade, wenn wir diese Nähe zerstören, indem wir versuchen, besser oder anders oder mehr zu sein, als wirklich da ist.

Steve Jarand ist derzeit wieder in Europa unterwegs (Termininfos hier), um Masken-Workshops zu geben, unter anderem auch am 9. und 10. April 2011 in Köln. Am 9. April 2011 findet in Köln außerdem eine Maskentheater-Show statt.

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