Theatersportspiele, aber richtig! – 4. Genre-Replay

von Stephan Holzapfel:

Beim Genre-Replay wird eine kurze Szene gespielt, die anschließend in bestimmten Genres wiederholt wird, wobei die Wahl der Genres beim Publikum liegt.

Ziel: eine kurze, klare Ausgangsszene

Es ist wichtig, dass die Ausgangsszene eher kurz und nicht zu komplex ist, weil zu viele Informationen schwer zu erinnern und schwer in andere Genres zu „übersetzen“ sind.

Um eine eher einfache, klare Ausgangsszene zu erhalten, kann es hilfreich sein, wenn man sich auf zwei Hauptdarsteller beschränkt. Weitere Spieler sind dann nur „Passenger“ mit kurzen, evtl. sogar rein pantomimischen Auftritten. So gibt es nicht zu viel Inhalt und die Auftritte der Nebenfiguren sind gut erinnerbare Eckpunkte. Solche klaren, deutlichen Handlungen und Wendepunkte sind für das Spiel hilfreich. Ungünstig sind dagegen bewegungsarme Schauspieler, die komplizierte Beziehungen besprechen.

Ist die Ausgangsszene doch einmal zu lang geraten, sollte man bei den Replays Mut zum Kürzen haben. Sowieso ist es weniger wichtig, den Inhalt der Ausgangsszene möglichst detailgetreu zu reproduzieren, im Gegenteil, gerade die durch das Genre hervorgerufenen Änderungen an der Geschichte sind wirkungsvoll. Die Basisszene sollte natürlich erkennbar bleiben, besonders die angesprochenen Eckpunkte wie Auf- und Abgänge und deutliche Wendepunkte in der Geschichte. Im Zweifelsfall aber lieber das Genre bedienen als detailgenau sein, was auch mal dazu führen kann und sollte, das die Geschichte eine ganz andere Wendung nimmt.

Lieber dem Genre treu sein als den Details

Ein Beispiel: In der Ausgangsszene geht ein Paar Pilze suchen, sie verstaucht sich den Knöchel und wird in einem Taxi ins Krankenhaus gefahren, die Frau dankt ihrem Mann für die Hilfe.

Im Genre Western wird die Frau dann durch die Postkutsche auf die Krankenstation gebracht, der Rest bleibt gleich.

Interessanter: Das Paar geht Gold suchen, sie wird von einer Schlange in den Fuß gebissen, der Weg zum nächsten Krankenhaus ist zu weit, so dass ein Indianer befragt wird, der die Frau heilt. Sie verliebt sich in ihn und verlässt ihren Mann.

Oder auch: der Mann lässt die Frau liegen, weil er sonst nicht rechtzeitig weg ist, wenn die Indianer kommen. Die Frau stirbt.

Hier ist ein ganz entscheidender Punkt (die Rettung) umgedreht, trotzdem ist das im Sinne des Genres plausibel und auf jeden Fall interessanter als einfach nur 2 Details zu verändern und sich cowboymäßig zu bewegen. Fast schon notwendig sind solche entscheidenden Änderungen bei Genres wie z.B. „Horror“.

A propos „Horror“: oft spielen die Schauspieler hier einfach gedärmeausreissende Monster,  was eher zu „Splatter“ passt. Ein „Horror“ beginnt dagegen immer ausgesprochen positiv und idyllisch, so hat der Einbruch des Schreckens einen viel stärkeren Effekt. Das gilt auch für ein Genre wie „Psychothriller“. Hier ist es ja schon im Namen angedeutet: das Entscheidende sind nicht die Grausamkeiten selber, sondern die psychischen Reaktionen darauf. Kurz gesagt: die Angst im Gesicht des Protagonisten, der am Anfang nur ahnt, dass irgendetwas nicht stimmt, bevor es dann grausame Gewissheit wird.

Viele Genres haben ihre Tücken

Wer das Spiel öfter und vor allem gut spielen möchte, wird nicht drumherum kommen, sich mit den verschiedenen Genres näher zu befassen, denn viele haben durchaus ihre Tücken, bei der „Komödie“ z.B. sind es auf keinen Fall die Schauspieler, die ständig lachen, ganz im Gegenteil. Ein „Kinderfilm“ ist kein Erwachsenenfilm mit moralisierenden Kommentaren, wie man es häufig sieht, sondern ein Film mit Kindern als Protagonisten.

Genres, die man nicht kennt oder mit denen man sich ausgesprochen unwohl fühlt, sollte man lieber höflich ablehnen, denn niemand hat etwas von einer Szene, die zum Scheitern verurteilt ist.

Sehr häufig ruft z.B. irgendjemand „Porno“, was man kaum annehmen kann, denn das Wesen des Pornos ist es nun mal, dass es zur Sache geht und zwar recht deutlich. Selbst wer persönlich kein Problem damit hat, so etwas pantomimisch nachzustellen – am Ende gibt es wahrscheinlich einige Zuschauer, die nie wieder eine Impro-Show besuchen werden. Wer diesen Vorschlag nicht immer nur durchwinken will, sollte sich vorher überlegen, wie man damit umgeht, z.B. indem man jede Bemerkung als sexuelle Andeutung (miss-)versteht.

Oft kommen auch Vorschläge wie „Dating-Show“ die gar keine Genres sind. Trotzdem kann man sie natürlich annehmen und etwas daraus machen, doch da in so einem Format eigentlich keine Geschichte erzählt wird, kann man sich auch schnell verzetteln.

Die Genres klischeehaft darzustellen finde ich bei kurzen Szenen nicht wirklich problematisch, falsch sollten sie jedoch niemals sein. Wer das Spiel nur gelegentlich spielt, sollte vielleicht einfach warten, bis dankbare Genres genannt werden, z.B. „Science-Fiction“, „Western“, „Horror“, „Märchen“ und „Bollywood“.

In der Artikelserie „Theatersportspiele“ sind bislang schon erschienen:

Zwackelmann

Stephan Holzapfel ist seit 2010 bei Impro-News.de. Neben Artikeln und Interviews gibt es auch zahlreiche Videos.
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One thought on “Theatersportspiele, aber richtig! – 4. Genre-Replay”

  1. Generell hat man bei Replays natürlich 2 Möglichkeiten: a) man verändert die Szene gemäß der neuen Vorgabe b) man behält sie möglichst bei und versucht so eine Diskrepanz zwischen Inhalt und Form zu schaffen, die komisch wirkt.

    Letzteres funktioniert aber eher beim Emo-Replay („Ich liebe dich“ wird wütend gesagt), als beim Genre-Replay, einfach auch deswegen, weil Genres IMMER inhaltliche Vorgaben sind, während Emotionen sich AUCH auf die Form beziehen.

    Im übrigen bin ich mir nicht sicher, ob die von dir genannten „dankbaren“ Genres wirklich dankbarer sind. Ich für meinen Teil habe jedenfalls die Schnauze voll von Klischees – welcher Improspieler weiß schon, was die Kernelemente des jeweiligen Genres sind (z.B. beim Western das Thema „Freiheit“, die Mythologie des Horrorfilms oder die tatsache, dass Bollywood-Filme sich häufig mit dem Kastenwesen auseinander setzen?).

    „Porno“ kann man tatsächlich durch (vornehml. verbale) Anspielungen lösen. Was nicht heißt, dass man muss. Einem infantilen Publikumsmitglied darf man ruhig auch mal sagen, dass es sich infantil benimmt.

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