Bühnenreif: Rapid Fire mit „Thread-Bear“

von: Marco

Gestern Abend hat ein Duo der kanadischen Improgruppe Rapid Fire Theatre das erste ihrer beiden Gastspiele (heute 21.01.2010 folgt das zweite) im Theater Bühnenrausch gegeben (siehe auch Ankündigung auf Impro-News.de). Der ausverkaufte Saal – gefühltermaßen prall gefüllt mit Impro-Spielern diverser Berliner Gruppen –  deutete schon auf die großen Erwartungen hin, die die Berliner Improszene dem Auftritt entgegenbrachte. Und diese Erwartungen wurden nicht enttäuscht!

Zwei Spieler (Amy Shostak und Kurt Smeaton) begleitet von einem Musiker am Klavier/Keyboard zeigten eine zweiteilige Show, die jeweils nach einer einzigen Publikumsvorgabe in unterschiedlichen Langformen gespielt wurde. In der ersten Hälfte improvisierten Amy und Kurt ausgehend von dem Geheimnis „ich bin schwanger“ insgesamt 8 (oder waren es noch mehr?) zunächst unabhängige Szenen, wobei die einzelnen Stories nicht durch ein hartes „Black“ getrennt sondern durch szenische Überleitungen auf einer Metaebene verbunden wurden. So schaute beispielsweise die eine Figur in einer Szene auf ihre Uhr, während der Spieler auf der Metaebene kommentiert, dass die Zeiger der Uhr „5 vor 12“ anzeigen. Derselbe Spieler etabliert anschließend per Gestik einen Turm, zu dem wir auf der Metaebene erfahren, dass die Turmuhr des Rathauses ebenfalls „5 vor 12“ zeigt. Ein anderes Mal richtet sich der Blick der Spieler am Ende einer Szene auf davonfliegende Vögel, die sich dann an einem See niederlassen, an dem ein Angler die nächste Geschichte beginnt. Das ist sehr schön organisch anzuschauen, wie eine sanfte Kamerafahrt von einem Schauplatz eines Episodenfilms zum nächsten.

Bei der Gestaltung der Episoden bedienen sich die Spieler häufig einer deskriptiven Technik, in der vor Beginn der eigentlichen Szene die Ausgangslage auf der Metaebene beschrieben wird: „Eine Parkbank, auf der sitzt ein alter Mann. Der Wind fegt durch die Bäume. Der Mann trägt einen Trenchcoat und einen alten Hut…“. Im weiteren Verlauf beginnen die Geschichten, miteinander in Kontakt zu treten. Da wird die depressive Selbstmörderin, die einen Straßenbahnstau auslöst, indem sie auf den Schienen liegt, von dem Brezeln verteilenden Bürgermeister aus der Turmuhrszene zum Aufstehen bewegt; da fliegt das Geld, welches ebendieser Bürgermeister gerade unterschlagen hat, in Form von Geldscheinen durch das Fenster eines Paares welches aufgrund einer ungeplanten Schwangerschaft (siehe Vorgabe!) in argen Geldnöten steckt. Rapid Fire gelingt es dabei, mindestens 5 der ursprünglichen Geschichten auf sehr sympatische Weise zu einem großen Bild zu verweben. Für das Publikum eine zauberhafte Erfahrung.

Das gespielte Format hat laut Kurt wohl keinen offiziellen Namen.  Ein Zuschauer meinte, es gebe ein Format namens „Domino“, welches zumindest so ähnlich ist. Allerdings konnten wir bislang keine Referenz hierzu finden. Für Hinweise wären wir dankbar!

Die zweite Hälfte der Show wurde mit dem namensgebenden Thread-Bear Format bestritten. Beim Thread-Bear (zu deutsch wörtlich als „Faden-Bär“ im Sinne einer aufgeräufelten Stelle im Stoff oder vermutlich auch im übertragenen Sinne als  „fadenscheinig“ zu übersetzen) wird eine Szene als Einakter gespielt. Keine Schnitte, keine Zeit- oder Raumsprünge, keine Figurenwechsel. So haben die Spieler Zeit, die Charactere tief zu entwickeln und eine längere Geschichte  zu erzählen. Gestern spielten Amy und Kurt in der ca. 45 Minuten (!) langen Szene  ein Mann/Frau Team, welches ihren Lebensunterhalt als Schmuggler bestreitet. Ort der Handlung war der Innenraum eines kleinen Privatflugzeugs (Publikumsvorgabe), welcher zunächst von beiden Schauspielern auf der Metaebene erschaffen wurde („hier sind die Pilotensitze, das Funkgerät wird von Tape zusammengehalten, eine Liege, darüber Bilder nackter Pinup-Girls, auf  der anderen Seite ein mit Handschellen an das Flugzeug geketteter Koffer, usw.“). Wir erfahren viel über die (Nicht-) Beziehung der beiden, ihre Vorgeschichte, Vorlieben, Geheimnisse, Motivationen. Geschickt docken die Spieler ihre kleinen Geschichten immer wieder an den imaginierten Ort an, verwerten bereits in der Szene Etabliertes und spinnen dabei die Handlung weiter. Die Geschwindigkeit, mit der sie auf die gegenseitigen Angebote eingehen, bereits etabliertes Material weiter verwerten und dabei sehr wenig Fehler machen, ist einfach nur beeindruckend und lässt den deutschen Durchnittsimprovisateur staunend zurück. Das ganze noch gepaart mit einer sehr erfreulichen Unaufgeregtheit und Ruhe im Spiel ergibt einfach ein grandioses Improtheater-Vergnügen.

Zum Abschluss gab es dann noch eine kleine Zugabe mit einem ebenfalls grandiosen Hardrocksong von Kurt.

Für alle die glauben, auf solch einem Level kann nur improvisieren, wer seit Jahren zusammen eingespielt ist: Amy und Kurt spielen nach eigenen Angaben den Thread-Bear zwar schon mit anderen Partnern seit einiger Zeit, zusammen aber erst seit wenigen Wochen!

Unsere unbedingte Empfehlung für alle, die während der aktuellen Deutschland-Tournee noch eine Chance dazu haben: Unbedingt anschauen! Freun kann man sich, denn die Zwei wollen nächstes Jahr wiederkommen. Dann wird das Bühnenrausch wohl eine ganze Woche buchen müssen, um alle Zuschauer unterzubringen.

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7 Gedanken zu „Bühnenreif: Rapid Fire mit „Thread-Bear“

  1. Urkomisch und trotzdem ernsthaft. Glaubhafte menschliche Konflikte und absurde Überzeichnung schließen sich nicht aus:

    „Babys schreien wie sterbende Katzen! Sie greifen ohne hinzuschauen, ihre Hände sind nicht mir ihrem Gehirn verbunden. Gräßlich! Ein Glück haben wir nichts mit Babys zu tun und werden nie irgendetwas mit ihnen zu tun haben!“ sagt der Mann, nachdem er die Nachbarn wegen des Geschreis ihres Säuglings wüst beschimpft und bevor seine Freundin die Publikumsvorgabe „ich bin schwanger“ auf der Bühne auch nur angedeutet hat. Das ist böse und brillant zugleich. Größer könnte der Zündstoffs des kommenden Bekenntnisses jetzt kaum sein. Man lacht und schaut zugleich bang auf die arme Frau, der das Unbehagen im Gesicht steht.

    Jeder Gesichtsausdruck, jede kurze Geste scheint bei den Kanadiern einfach zu sitzen. Super.

  2. Zur Domino-Frage. Soweit ich es verstanden habe, ist „Domino“ die deutsche Bezeichnung, für das, was die Amis und Kanadier „La Ronde“ nennen. Figur A spielt eine Szene mit Figur B. A verschwindet. Figur C spielt mit B. Dann verschwindet B. So geht es eine ganze Weile, bis am Ende A wieder auftaucht.
    „La Ronde“ stammt natürlich vom deutschen „Reigen“, der Novelle von Schnitzler.
    In der deutschen Improszene wird allerdings unter „Reigen“ im Grunde fast jede freie Szene subsumiert.

  3. Dan, ich gebe Dir Recht, nur unter einem Reigen bei der Impro verstehe ich ziemlich genau dass: http://www.improwiki.de/improtheater/Reigen Zu sagen, darunter würde fast jede freie Szene subsumiert, geht mir persönlich etwas zu weit 😉
    An dieser Stelle plädiere ich also wieder einmal öffentlich für die DIN (Deutsche Impro Norm)!

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